Corona-Krise

Einzelhändler gehen an ihre Grenzen

Regina Buschhaus und ihre Kollegen halten im Frischmarkt die Stellung – ganz zur Freude von dem Kunden Dirk Hackenberg. Foto: Michael Schütz
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Regina Buschhaus und ihre Kollegen halten im Frischmarkt die Stellung – ganz zur Freude von dem Kunden Dirk Hackenberg.

Die Corona-Krise sorgt für eine höhere Nachfrage. Viele Kunden wollen sich Ware liefern lassen.

Von Manuel Böhnke und Kristin Dowe

Remscheid. Ulrich Obodzinski sowie Regina und Kevin Buschhaus ist die Anstrengung der vergangenen Tage anzusehen. „Das Telefon steht kaum still, wir klotzen derzeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend“, sagt Kevin Buschhaus. Der 26-Jährige ist der jüngste der drei Verantwortlichen des Frischmarkts Remscheid-Süd an der Baisieper Straße. Wie in vielen Supermärkten und Discountern stellt die Corona-Krise für die Mitarbeiter dort eine große Herausforderung dar.

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Geschäftsführer Obodzinski, 62 Jahre alt, könnte zufrieden sein. Er berichtet von Tagesumsätzen, die bis zu dreimal so hoch wie der Durchschnitt sind. Das Problem: „Teilweise kriegen wir dieses Pensum kaum gestemmt.“ Donnerstag sei einer dieser Tage gewesen. „Da haben wir binnen drei Stunden 35 neue Kunden für unseren Lieferdienst bekommen.“

Auch andere Lebensmittelhändler berichten von großen Anstrengungen für die Mitarbeiter. So antwortete etwa eine Sprecherin der Rewe-Gruppe auf RGA-Anfrage: „Bitten haben Sie Verständnis, dass wir unsere Kolleginnen und Kollegen aktuell vor jeglichen Zusatzaufwänden schützen möchten. Alle Mitarbeiter konzentrieren sich voll und ganz auf das operative Geschäft.“

Seit der Frischmarkt Anfang 2015 eröffnet hat, gehört einLieferdienst zum Angebot. Dieser Service wird in der aktuellen Lage stark nachgefragt. „Wir fahren momentan rund 60 Kunden pro Tag an“, sagt Kevin Buschhaus.

Die Mitarbeiter im Markt nehmen die Bestellungen entgegen, packen die Waren zusammen. Drei Autos stehen zur Auslieferung bereit. Bald könnten es mehr sein. „Das Ziel der Stadt ist es, den Lieferservice aufrechtzuerhalten“, erklärt der Seniorenbeauftragte Ralf Krüger auf RGA-Nachfrage. Er stellt Unterstützung für das Team an der Baisieper Straße in Aussicht.

Die erste ehrenamtliche Helferin ist bereits im Frischmarkt aktiv. Dort füllt sie die Regale auf und packt Kundenbestellungen zusammen. „Ich gehe derzeit nicht arbeiten und habe beim Seniorenbüro gefragt, wo ich anpacken kann“, erzählt die junge Frau.

Remscheid: Nicht alle Kunden zeigen Verständnis

Doch die Kunden lassen sich die Waren nicht nur liefern, sondern kommen weiterhin ins Geschäft. „Unser Einzugsgebiet hat sich vergrößert. Teilweise kommen Leute aus Schwelm zu uns, weil sie gehört haben, dass es bestimmte Produkte hier noch gibt“, erzählt Kevin Buschhaus.

Die meisten Lebensmittel – sieht man von Toilettenpapier und Mehl ab – waren gestern noch verfügbar. „Alle Produkte kommen nach. In dieser Woche bekommen wir sogar vier- statt dreimal Lieferung“, betonen Buschhaus und Obodzinski. Gleichzeitig appelliert der 26-Jährige, die Kunden sollen auf Hamster- oder Panikkäufe verzichten: „Die Menschen sollen ganz normal einkaufen.“ Dafür plädiert auch Obodzinski: „Ich befürchte, dass viele Lebensmittel weggeschmissen werden, wenn die Krise überstanden ist.“

Um Engpässe bei viel nachgefragten Produkten zu verhindern, hat das Frischmarkt-Team deren Abgabe auf haushaltsübliche Mengen begrenzt. „Da haben die meisten Kunden Verständnis“, berichtet Regina Buschhaus. Doch es gibt auch unrühmliche Ausnahmen: Sie musste sich in dieser Wochen für die Maßnahme als „Nazi“ beschimpfen lassen.

Corona-Krise: Mitarbeitern haben jederzeit Zugang zu Desinfektionsmitteln

„Die meisten Leute sind aber freundlich“, berichtet Monireh Abbasifar. Wie einige ihrer rund 15 Kolleginnen schiebt die Kassiererin derzeit Extra-Schichten. „Unsere Mitarbeiter ziehen toll mit“, lobt Ulrich Obodzinski. Wertschätzung erhalten sie dafür vor allem von den Stammkunden.

Die Mitarbeiter im Laden sind angehalten, Abstand zu Kunden zu halten, arbeiten mit Handschuhen und haben jederzeit Zugang zu Hygiene- und Desinfektionsmitteln. Sollte sich die Situation zuspitzen, denkt Obodzinski darüber nach, im Ernstfall die Personenzahl im Markt zu begrenzen. „Wenn Mitarbeiter Angst haben, sich anzustecken, dürfen sie zu Hause bleiben“, betont er. Das sei bislang aber nicht vorgekommen.

Stephanie Peifer, Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Düssel-Rhein-Wupper, fordert in diesem Zusammenhang: „Der Schutz der Beschäftigten im Handel muss dringend ausgeweitet werden. Sie leisten Großartiges, denn sie stellen die Grundversorgung für uns alle sicher.“ 

FORDERUNGEN

SCHUTZ Verdi fordert die Arbeitgeber zu „wirksamen Schutz- und Hygienemaßnahmen“ auf. Dazu gehört, Möglichkeiten des bargeldlosen Zahlens auszuweiten, Pausen zum Händewaschen enger zu takten und Arbeitsgeräte und Einrichtungen regelmäßig zu desinfizieren. Beschäftigte mit einer Vorerkrankung sollten nicht an Plätzen eingesetzt werden, die mit starkem Kunden- oder Lieferantenkontakt einhergehen.

Ab Samstag, 21. März (0 Uhr), sind Zusammenkünfte im Freien mit mehr als vier Personen in allen drei bergischen Städten untersagt. Aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Remscheid,lesen Sie in unserem Live-Blog.

Das Coronavirus trifft in Remscheid die 160 Betriebe im Gastgewerbe und die rund 1.600 Arbeitnehmerder Branche besonders hart.

Standpunkt: Was von der Krise bleiben darf

Von Manuel Böhnke 

manuel.boehnke@rga.de

Medizinisches Personal, Angestellte im Lebensmittelhandel, Mitarbeiter der Verwaltung, Ordnungsbehörden – es sind diese Gruppen, die den Laden in Remscheid derzeit am Laufen halten. Während das gesellschaftliche Leben vielerorts gezwungenermaßen ruht, stehen sie während der Corona-Krise besonders unter Druck. Umso fassungsloser macht vor diesem Hintergrund, was Einzelhändlerin Regina Buschhaus berichtet. Sie sei beleidigt worden, weil sie darauf geachtet hat, dass die Lebensmittel in ihrem Geschäft möglichst für alle Kunden reichen. Sicherlich kein Einzelfall. 

Doch es drängt sich – auch mit Blick in die sozialen Netzwerke – der Eindruck auf, dass die unverschämten Nörgler derzeit in der Minderheit sind. Stattdessen überwiegen Anerkennung, Dankbarkeit und Respekt. Es wäre schön, wenn das von der aktuellen Lage bleiben würde. Denn Pfleger, Kassierer und Co. leisten immer einen wichtigen Beitrag – auch ohne Krise.

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