Corona-Krise

Altenheime fürchten einen Alptraum

Im „Wiedenhof“ halten die Bewohner und Pflegekräfte in schwerer Zeit zusammen. Das zeigt das Schild, das sie an der Hausfassade angebracht haben. Am Mittwoch will ihnen der Posaunenchor Mut machen. Foto: Andrea Janke
+
Im „Wiedenhof“ halten die Bewohner und Pflegekräfte in schwerer Zeit zusammen. Das zeigt das Schild, das sie an der Hausfassade angebracht haben. Am Mittwoch will ihnen der Posaunenchor Mut machen. 

Einrichtungen haben sich abgeschottet. In Hückeswagen fand das Virus dennoch hinein.

Von Axel Richter

Remscheid. Es sind solche Nachrichten, die die Betreuerinnen und Pflegekräfte in den Remscheider Alten- und Pflegeeinrichtungen in große Sorge versetzen: In Hückeswagen und Wipperfürth ist das Coronavirus am Wochenende in zwei Altenheimen angekommen, in Wuppertal ist ein Heim-Bewohner am Sonntag an Covid-19 gestorben.

Für die Einrichtungen in Remscheid wäre das ein Alptraum. „Ich habe deshalb schon seit Wochen Bauchschmerzen“, sagt Andrea Janke, stellvertretende Leiterin des Altenpflegezentrums „Der Wiedenhof“ in Alt-Remscheid. Und ihre Kollegin Anke Kraupner vom Katharinenstift in Lennep sagt: „Wir beten, dass dieser Kelch an uns vorübergeht.“

„Die Situation der Heime ist eine, die mir wirklich Angst macht.“
Thomas Neuhaus Leiter des Corona-Krisenstabs

Mehr bleibt den Menschen in den Alten- und Pflegeheimen kaum übrig. Mit dem Corona-Shutdown vor zwei Wochen riegelten sich die Heime auf Anweisung der Ordnungsbehörden ab. Seither kommt niemand mehr hinein, und die Bewohnerinnen und Bewohner dürfen die Einrichtungen nicht mehr verlassen. Die Mitarbeiterinnen – überwiegend handelt es sich um Frauen – wurden zur Einhaltung strenger Hygienemaßnahmen verpflichtet und die Senioren und ihre Angehörigen auf das Besuchsverbot und die Ausgangssperre eingeschworen.

Das war nicht immer leicht. „Wir haben Angehörige, die haben ihre Ehefrau oder ihren Mann an jedem Tag besucht“, berichtet Andrea Janke vom „Wiedenhof“ – mit 80 Einzelzimmern an der Wiedenhofstraße eine große Einrichtung in der Innenstadt. Nun nimmt sie an der Eingangspforte an jedem Tag Blumen, Geschenke oder kleine Botschaften für die Bewohner entgegen.

Ihre „musikalische Runde“, zu der die Betreuerinnen einladen, verlegten sie kurzerhand vor das Haus. Die Senioren hörten an den Fenstern ihrer Zimmer zu. Gemeinsam befestigten alle ein Schild an der Fassade: „Gemeinsam sind wir stark“, heißt es darauf. Am morgigen Mittwoch erwarten sie vor ihren Fenstern Besuch. Der Posaunenchor der evangelischen Auferstehungsgemeinde hat sich angesagt.

Es sind Gesten, die Mut machen und Zuversicht verbreiten sollen: Es gibt ein Leben nach der Bedrohung durch den unsichtbaren Feind. Was geschieht, wenn er trotz aller Vorsicht einen Weg in die Einrichtung findet, mag sich mit Blick auf die 15 Toten, die in einem Wolfsburger Altenheim zu beklagen sind, niemand vorstellen. Und wenn doch?

Dann sollen Ablaufdiagramme einsetzen und Konzepte greifen, die die Stadt erarbeitet hat. Konkret: In der betroffenen Einrichtung würden Quarantänestationen eingerichtet, um die erkrankten Bewohner zu isolieren, erklärt Thomas Neuhaus, Leiter des Corona-Krisenstabes. Im „Wiedenhof“ müsste dafür eine der drei Etagen zur Quarantänestation gemacht werden. Im Katharinenstift würden die Hausgemeinschaften, in denen jeweils rund zehn Bewohner leben, dazu umgerüstet. Alle hoffen, dass es nicht dazu kommt. Denn, sagt Neuhaus: „Die Situation der Heime ist eine, die mir wirklich Angst macht.“

Remscheid: Die Feuerwehr brachte Masken und Schutzkleidung

Immerhin: Im Vergleich zu anderen Heimen sind die Einrichtungen in Remscheid laut Stadt mit Schutzmasken und -kleidung sowie Desinfektionsmittel gut ausgestattet. Am Samstag lieferte die Feuerwehr die Dinge aus ihren Beständen.

An Schutzkleidung mangelt es also nicht. Und auch nicht an menschlicher Zuwendung. Eine Ausnahme von den strengen Regeln gewähren sie jedoch nur in einem Fall: Liegt ein Bewohner im Sterben, dürfen die Angehörigen Abschied nehmen und das Haus dazu in Schutzkleidung betreten. „Wie wollen Sie das anders machen?“, fragt Andrea Janke.

APPELL AN SENIOREN

HILFSANGEBOT Während die Heime alles unternehmen, um ihre Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen, sind nach wie vor viele ältere Menschen auf der Straße unterwegs. Die Stadt erneuert deshalb ihren Appell: Bleiben Sie zu Hause! Ehrenamtler erledigen Einkäufe und Besorgungen. Die Stadt koordiniert ihren Einsatz. Kontakt gibt es unter Tel. (0 21 91) 4 64 53 51.

STANDPUNKT Bedrückende Nachrichten

Von Axel Richter

axel.richter@ rga-online.de

15 Corona-Tote in einem Altenheim in Wolfsburg, einer in Wuppertal und jetzt zwei Infektionsfälle in Hückeswagen. Es sind bedrückende Nachrichten, die die Menschen in den Alten- und Pflegeeinrichtungen erreichen. Schon seit Wochen dürfen ihre Angehörigen sie nicht mehr besuchen. Nun wächst zum Gefühl des Einsam- und Verlassenseins die Angst davor, der unsichtbaren Bedrohung ausgeliefert zu sein. Die Arbeit der Pflegekräfte ist deshalb gar nicht hoch genug zu bewerten. 

Sie geben alles, um den Lebensmut der Menschen, die ihnen anvertraut sind, nicht sinken zu lassen. Dazu gehört es auch, die Erinnerung wach zu halten. Was das Besuchsverbot im Einzelfall bedeutet, erklärte ein Angehöriger gegenüber Thomas Neuhaus, Leiter des Corona-Krisenstabes, jetzt so: „Der Vater ist dement. Wenn er mich heute nicht sieht, weiß er morgen nicht mehr, wer ich bin.“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Corona: Inzidenzwert steigt weiter auf 176,9 - Einsatzkräfte der Bundeswehr unterstützen weiter
Corona: Inzidenzwert steigt weiter auf 176,9 - Einsatzkräfte der Bundeswehr unterstützen weiter
Corona: Inzidenzwert steigt weiter auf 176,9 - Einsatzkräfte der Bundeswehr unterstützen weiter
Bewohnerin schreckt Einbrecher auf
Bewohnerin schreckt Einbrecher auf
Bewohnerin schreckt Einbrecher auf
Corona-Krise: Der Blog für Remscheid, Teil 3
Corona-Krise: Der Blog für Remscheid, Teil 3
Corona-Krise: Der Blog für Remscheid, Teil 3
Verpuffung in Fahrerkabine: Mann verletzt
Verpuffung in Fahrerkabine: Mann verletzt
Verpuffung in Fahrerkabine: Mann verletzt

Kommentare