Coronavirus

Chefarzt sieht Gefahr einer neuen Welle

Bethanien-Chefarzt Prof. Dr. Winfried Randerath betreut die Patienten in der Lungenfachklinik in Solingen-Aufderhöhe, die auch für Remscheid zuständig ist. Randerath ist auch international mit Experten über das Virus und seine Behandlungsmöglichkeiten im Austausch. Archivfoto: Christian Beier
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Bethanien-Chefarzt Prof. Dr. Winfried Randerath betreut die Patienten in der Lungenfachklinik in Solingen-Aufderhöhe, die auch für Remscheid zuständig ist. Randerath ist auch international mit Experten über das Virus und seine Behandlungsmöglichkeiten im Austausch.

Prof. Dr. Winfried Randerath rät mit Blick auf das Coronavirus weiter dringend zur Wachsamkeit.

Das Gespräch führte Simone Theyßen-Speich 

Herr Professor Randerath, wie ist derzeit die Situation der Covid-19-Patienten, die bei Ihnen in Bethanien behandelt werden?

Prof. Dr. Winfried Randerath: Wir erheben die Zahl der Covid-19-Patienten und der bei uns Getesteten jeden Tag. Ende vergangener Woche hatten wir vier Covid-Patienten und einen mit Verdacht auf die Erkrankung auf der Intensivstation, zudem vier bestätigte und drei Verdachtsfälle auf der Infektionsstation. In dieser Größenordnung hat sich die Zahl der Patienten seit einigen Tagen eingependelt.

Wie bewerten Sie die Neuinfektionen, bei denen auch zwei Schulkinder positiv getestet wurden?

Prof. Randerath: Bislang sind bei den Reihentests alle Mitschüler und Lehrer negativ getestet. Es scheint also keine große Ansteckungswelle gegeben zu haben. Ich würde mir wünschen, dass sich auch die Schüler und Lehrer alle testen lassen, denen das Angebot freiwillig gemacht wurde.

Und wie entwickelt sich die Zahl der Tests?

Prof. Randerath: Die Zahl der Menschen, die sich bei uns testen lassen, ist leicht rückläufig und liegt bei 20 bis 30 pro Tag. Es kann sein, dass weniger Patienten einen Bedarf sehen. Es hängt aber sicher auch damit zusammen, dass die niedergelassenen Kollegen vermehrt in ihren Praxen Coronatests durchführen. Wir stehen deshalb im engen Kontakt mit der Kassenärztlichen Vereinigung. Derzeit ist es der Stadt aber noch wichtig, mit Bethanien eine zentrale Anlaufstelle für die Tests zu haben.

Mit Blick auf die vergangenen Wochen der Corona-Pandemie – welche Patientengruppen sind besonders betroffen?

Randerath: Auf der Intensivstation behandeln wir keineswegs nur alte Menschen. Betroffen sind durchaus auch Menschen unter 60, teilweise auch unter 50 Jahren. Tatsache ist aber, dass die meisten Patienten mit schweren Verläufen schon Begleitkrankheiten hatten. Das waren aber nicht immer lebensbedrohliche Krankheiten, sondern durchaus auch Probleme wie Übergewicht oder Bluthochdruck. Wir müssen uns von dem Bild lösen, dass es nur die ganz Alten und schwer Kranken sind, die Covid-19 hart treffen kann.

Wie lange mussten die Patienten im Schnitt auf der Intensivstation behandelt werden?

Prof. Randerath: Das waren oft mehrere Wochen. Die meisten von ihnen mussten künstlich beatmet werden. Wir hatten alleine zehn Patienten, die eine Behandlung mit dem ECMO-Gerät brauchten, wobei das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff versorgt wird, damit sich die Lunge erholt. Diese Behandlung hat den meisten Schwerkranken das Leben gerettet.

Haben Sie schon Erkenntnisse darüber, ob es langfristige Schädigungen der Lunge gibt?

Prof. Randerath: Wir schauen jetzt sehr genau, wie sich die Patienten nach der Behandlung auf der Intensivstation oder einer Lungenentzündung entwickeln. Es ist spannend zu sehen, ob die Lunge vollständig ausheilt, ob Narben zurückbleiben oder es Einschränkungen gibt. Wir stehen auch im engen Kontakt mit den betreuenden niedergelassenen Ärzten, um wichtige Erkenntnisse aus dieser Krankheit und ihrer Behandlung zu ziehen.

Befürchten Sie jetzt, wo es immer mehr Lockerungen gibt, eine zweite Coronawelle im Bergischen?

Prof. Randerath: Die offizielle Zahl der Erkrankten bei uns derzeit relativ klein, die Dunkelziffer aber mit Sicherheit groß. Daraus könnte schnell wieder eine Ansteckungswelle entstehen, wie die aktuellen Fälle in anderen Städten gezeigt haben. Ursache sind dabei falsches Verhalten bei den Hygiene- oder Abstandsregeln. Das macht uns durchaus Sorge. Wenn wir in Solingen und Remscheid bislang mit relativ niedrigen Ansteckungszahlen durch die Krise gekommen sind, dann nur deshalb, weil wir früh intensive Maßnahmen ergriffen haben. Es muss weiter im Bewusstsein bleiben, dass es sich bei Covid-19 um eine gefährliche Krankheit handelt. Deshalb darf man jetzt nicht nachlässig werden. Eine Befürchtung ist auch, dass eine zweite Coronawelle Ende des Jahres mit der nächsten Grippewelle zusammentreffen könnte.

Halten Sie vor diesem Hintergrund die jetzt umgesetzten Lockerungen für richtig?

Prof. Randerath: Das Virus ist weiterhin da, und deshalb muss alles sehr vorsichtig gemacht werden. Aber klar ist auch, dass gewisse Bereiche, etwa die Wirtschaft und die Schulen, langsam wieder hochgefahren werden müssen. Ich bin selbst ein großer Fußball-Fan, aber es ist derzeit nicht denkbar, mit 50 000 oder mehr Menschen in ein Stadion zu gehen. Positiv ist, dass die Bereitschaft, Untersuchungen und Therapien in den Kliniken wahrzunehmen, wieder wächst.

Seit ein paar Tagen gibt es Lockerungen bei den Krankenhaus-Besuchern. Wie bewerten Sie die?

Prof. Randerath: Wir haben mit den drei Solinger Krankenhäusern und dem Gesundheitsamt eine gemeinsame Linie erarbeitet. Die Zugänge werden weiter begrenzt, aber es gibt Lockerungen. Wir haben einen gemeinsamen Fragebogen ausgearbeitet, den alle Besucher mit ihren Kontaktdaten und Fragen zu Krankheitssymptomen ausfüllen müssen. Es gibt geringe Unterschiede zwischen den Krankenhäusern, die mit der speziellen Situation zusammenhängen. Dass jetzt wieder mehr Besuche möglich sind, freut uns sehr. Denn der Kontakt ist ja gerade bei Menschen, die länger im Krankenhaus bleiben müssen, sehr wichtig. Aber es bleibt weiter wichtig, dass jeder sich fragt, ob der Besuch wirklich unverzichtbar ist. Der Schutz der Patienten steht dabei weiter im Mittelpunkt.

Wie bewerten Sie den Umgang mit der Pandemie im Bergische bislang?

Prof. Randerath: In großer Abstimmung aller Beteiligten ist es uns hier in Solingen gut gelungen, das Virus im Schach zu halten. Auch gerade jetzt bei den Reihentests mit den Schülern und Lehrern haben das Gesundheitsamt und die Schulen optimal und schnell reagiert. Ich möchte auch ausdrücklich dem ganzen Team im Rathaus, den niedergelassenen Ärzten sowie den Hilfsdiensten danken und besonders auch die Bevölkerung nennen, denn sie alle haben daran ihren großen Anteil.

Zur Person

Professor Dr. Winfried Randerath ist Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien. Die ist die wichtigste Anlaufstelle für Covid-19-Patienten in Solingen. Auch für Remscheid ist die Klinik zuständig.

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