Was die Städtepartnerschaft so wertvoll macht

Zur Begrüßung der Gäste aus Etaples am letzten August-Wochenende im Forum spielte das Orchester der Realschule.
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Zur Begrüßung der Gäste aus Etaples am letzten August-Wochenende im Forum spielte das Orchester der Realschule.

Etaples und Hückeswagen sind tief verbunden. Freundschaften haben alte Gräben längst geschlossen.

Von Axel Bornkessel

Hückeswagen. Bald ein halbes Jahr herrscht Krieg in Europa, in der Ukraine müssen Menschen sterben, Waffen vernichten Wohnungen, Fabriken und Kriegsgerät. Das tägliche Leben wird teurer, weil neben dem heißen auch ein kalter Krieg, etwa um Gaslieferungen, geführt wird. Das ist die Lage im Sommer 2022. Kaum andere Zustände herrschten vor 100 Jahren, als Europa, als die Kriegsparteien wie Deutschland oder Frankreich sich von der Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges erholten.

Partnerschaften:Seitdem sich die Staatsmänner Konrad Adenauer und Charles de Gaulle stellvertretend für ihre beiden Völker versöhnten und im Elysée-Vertrag 1963 ein künftiges Friedenswerk skizzierten, wurden Städte hüben wie drüben aufgefordert, miteinander Städtepartnerschaften einzugehen. Hückeswagen ist diesem Appell gefolgt und hat über Jahrzehnte viel geleistet. Doch eigentlich sind die vielen Besuche, das gemeinsame Musizieren, der Austausch von Rezepten wie politischen Meinungen, der sportliche Wettstreit keine Pflichtübungen, sondern sie beruhen auf elementaren menschlichen Bedürfnissen.

In Gedenken:Von Staats wegen und auf kommunaler Ebene sind in den vergangenen Jahrzehnten, vorangetrieben von einer Generation nachgeborener Politiker und Historiker, Gedenkorte errichtet worden, dort, wo Krieg und Gewaltherrschaft ihre kaum tilgbaren Spuren hinterlassen haben: In Nordfrankreich reichen neue Museen- und Mahnstätten vom Elsass über Verdun und die Somme bis nach Flandern. Im Süden des Landes wurde der deutschen Emigranten auf der Flucht vor den Nazis gedacht. In Paris wird an die Menschen jüdischen Glaubens erinnert, dort, wo französische Polizei und deutsche Gestapo sie für den Transport in die Vernichtungslager in Haft hielten. Und seit kurzem gibt es einen mit Millionen ausgestatteten deutsch-französischen Bürgerfonds, der zivilgesellschaftliche Aktivitäten finanziell fördert.

Schmerzhafte Verluste:Für die jüngeren Deutschen, die die beiden Kriege des 20. Jahrhunderts nicht mehr erlebt haben, ist es schwer, noch Anzeichen des Kriegs zu entdecken. Wie sehr eine Stadt wie Hückeswagen unter dem Verlust ihrer Väter und Söhne, unter Hunger und Entbehrung gelitten hat, darüber geben nur die Dokumente in Archiven Auskunft. Vor allem der Erste Weltkrieg fand für die Bergischen woanders statt. „Er ist vor Verdun geblieben“, hieß es über Gefallene, und gemeint war die Schlacht, die im Winter 1916 vor der Festung an der Maas begann und der Zehntausende von Soldaten zum Opfer fielen. Jahrelang war es den Deutschen nicht möglich, Gräber dort und anderswo zu besuchen. Frankreich blieb für sie ein fernes Land.

Ausstellung:Die Schloss-Stadt Hückeswagen hat es im Zuge ihrer Partnerschaftspflege mit Etaples-sur-Mer ermöglicht, dass zum Gedenken an das Verdun-Jahr im April 2016 im Heimatmuseum eine Ausstellung realisiert werden konnte, ideell und finanziell unterstützt vom Bergischen Geschichtsverein, vom LVR und der Bürgerstiftung der Sparkasse. Ohne die Hilfe aus der Partnerstadt Etaples war das Unternehmen jedoch gar nicht möglich: Der ehemalige Bürgermeister Jean-Claude Baheux und Gérad Duflos als Vorsitzender des dortigen Partnerschaftskomitees stellten bislang kaum veröffentlichte Fotos aus der Sammlung Achille Caron zur Verfügung. Der Etapler Fotograf war einer der wenigen, den die englischen Militärs in ihr Camp ließen, das sie zu Beginn des Ersten Weltkrieges oberhalb des kleinen Fischerortes eingerichtet hatten.

Der Schatten des Krieges:Ein Buch zur Ausstellung im Hückeswagener Heimatmuseum berichtet darüber, wie die Menschen in der Stadt an der Wupper und im Ort am Ärmelkanal die vier Kriegsjahre überstanden. Es versammelt Berichte über den Schatten des Kriegs, der auf jene Frauen und Männer fiel, die die Verwundeten in den Lazaretten versorgten, die beim Transport zentnerschwerer Granaten schufteten, die Reparaturarbeiten leisteten, die die Trümmer von der Front räumten. Von Militärgeschichte ist dabei wenig die Rede, sondern es ist eine Darstellung, die auf deutscher wie französischer Seite nachweist, dass der Krieg mehr ist als Heldentum, Schlachtenglück und große Politik.

Jugendliche damals und heute: Das Heimatmuseum wurde von Schülern besucht, die sich vor den historischen Aufnahmen und den Fotografien der heute noch sichtbaren Zeugnisse, etwa dem großen Militärfriedhof in Etaples-sur-Mer, bewegten und angesichts der vielfältigen Eindrücke mehr Fragen stellten als man beantworten konnte. Es ist bekannt, dass 15- bis 16-Jährige bei Reisen in Frankreich angesichts der Tausende von Grabkreuzen auf deutschen wie französischen Nekropolen erschüttert waren, als sie das Alter vieler Gefallener lasen.

Austausch ist wichtig:Die jungen Deutschen und Franzosen hören nun von einem neuen Krieg in Europa, und niemand weiß, welche Wendung er ihrem Schicksal geben wird. Vielleicht wird diese Erfahrung sie sensibler machen für die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, aus der alle nur lernen können – vor allem entwickeln sie ein Bewusstsein dafür, dass Verständnis und Frieden zwischen den Völkern unverzichtbare Voraussetzungen für ihr aller Wohl sind. Städtepartnerschaften sind auch deshalb in dieser Hinsicht längst nicht Sache einer alt gewordenen, abtretenden Nachkriegsgeneration. Sie müssen von den Jüngeren auch in Zukunft weiterhin intensiv gepflegt werden, zumal dies keineswegs Arbeit bedeutet, sondern eine angenehme Sache ist. Eine Schülerreise nach Frankreich sollte sich nicht im touristischen Trip nach Paris erschöpfen, wie das zumeist geschieht. Die Menschen in Etaples-sur-Mer sind uns näher als man denkt – und ein Aufenthalt in ihrer Mitte kann spannender sein als ein kurzer Besuch des Eiffelturms.

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