„Die Ratten“

Spielzeit endet mit fulminantem Stück

Harro Hassenreuter (Carl-Ludwig Weinknecht, l.) im Disput mit seinem Schüler Eric Spitta (Philippe Ledun).
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Harro Hassenreuter (Carl-Ludwig Weinknecht, l.) im Disput mit seinem Schüler Eric Spitta (Philippe Ledun).

Das Rheinische Landestheater zeigte die Tragikomödie „Die Ratten“.

Von Claudia Radzwill

Radevormwald. Der Kulturkreis Radevormwald lud am Mittwoch wieder ins Bürgerhaus ein – und beendete die aktuelle Spielzeit mit einem großen Theaterabend. Das Rheinische Landestheater Neuss zeigte die Tragikomödie „Die Ratten“. Ein ausdrucksstarkes Spiel erwartete die Besucher und Besucherinnen. Emotional und in den Bann ziehend. Von Regisseur Tom Gerber facettenreich in Szene gesetzt.

Das Stück in fünf Akten stammt aus der Feder von Gerhart Hauptmann. Seine Vorbilder hießen Büchner, Ibsen und Tolstoi. Er hatte den Ruf als politischer Opponent, was auch seine Stücke unterstreichen. 1912, ein Jahr nach der Uraufführung von „Die Ratten“ im Berliner Lessing-Theater, erhielt er den Literatur-Nobelpreis. „Die Ratten“ siedelte er allerdings im Jahre 1885 an. Der Konservatismus der Kaiserzeit prallt auf die Ideale des Naturalismus. Die Bewahrung bestehender Ordnung contra ungeschönter Darstellung der Wirklichkeit in Kultur und Politik – auf der Bühne wurde dieser Disput zu einem fesselnden Spiel.

Spielort ist eine Mietskaserne in Berlin, angelehnt an ein wahrhaft existierendes Haus der damaligen Zeit, das unter dem Namen „Wanzenburg“ bekannt berüchtigt war. Menschen aus verschiedenen Schichten treffen aufeinander. Es gibt zwei parallele Handlungsstränge, die ineinander verwoben werden. Da ist da der ehemalige Theaterdirektor Harro Hassenreuter. Er vertritt das konservative Kaiserreich. Damit eckt er bei Erich Spitta an, der bei ihm Unterricht nimmt.

Besucher spenden frenetischen Applaus

Für Spitta gehört nicht nur das Leben der feinen Leute auf die Bühne - die Idee des Naturalismus lässt grüßen. Für Hassenreuter jedoch hat das Leben der einfachen Menschen nichts in Inszenierungen zu suchen. Er beschimpft Spitta als „Ratte“, die am Status quo nagt. Dann ist da noch Henriette John, die sich um den Kostümfundus von Hassenreuter kümmert, der auf dem Dachgeschoss des Hauses untergebracht ist. Eine Vertreterin der „einfachen Menschen“. In ihrem Leben, gleich nebenan, spielt sich zeitgleich ein Drama ab. Sie kauft der in Not geratenen Paulina Piperkarcka das Kind ab und gibt es als ihren Säugling aus. Was nur Unglück bringt.

Das Landestheater Neuss behält die zeitgenössische Inszenierung bei, bis hin zum berlinerischen Dialekt. Die Kostüme waren in den Kaiserfarben weiß, rot und schwarz gehalten. „Gerhart Hauptmann hat in seinen Theateranweisungen ein authentisches Bild seiner Figuren gezeichnet, das haben auch wir aufgenommen“, erklärte Eva Veiders, Dramaturgin, am Abend in der Einführung zum Stück. Dazu gehörte auch die Akzentuierung der Mimik.

Die Gesichter maskenhaft geschminkt, mit einem rattenhaften Ausdruck. Damit wurden sie zum Symbol – die Ratten, die im Mietshaus rumlaufen, waren nicht nur tierischer Natur. Hauptmann stellt in seinem Stück zwar den Naturalismus des endenden 19. Jahrhunderts in den Fokus, doch für die Umsetzung auf der Bühne benutzt er auch Leitmotive des Expressionismus. Er baut Schattenfiguren und das Motiv der Gespenster mit ein – das Landestheater Neuss setzte dies mit Lichteffekten und Schattenwand um. Gespielt wurde auf einem dreistöckigen Gerüst, auf verschiedenen Ebenen, die den Eindruck eines mehrstöckigen Mietshauses vermittelten.

Tom Gerber hatte in seiner Inszenierung ein tolles, mit großer Spielfreude agierendes Ensemble an seiner Seite – und mit insgesamt zwölf Darstellern auch ein großes. In der Rolle des Harro Hassenreuter war Carl-Ludwig Weinknecht zu sehen, Philippe Ledun verkörperte am Abend Erich Spitta. In die Rolle der Pauline Pipercarcka schlüpfte Anna Lisa Grebe, als Henriette John überzeugte Katrin Hauptmann. Das Stück dauerte drei Stunden – die kurzweilig vergingen. Am Ende gab es frenetischen Applaus von Besuchern und Besucherinnen.

Sommerpause

Der Kulturkreis Radevormwald verabschiedete sich mit dem Stück in die Sommerpause. Die 74. Spielzeit startet am Mittwoch, 29. September, im Bürgerhaus am Schlossmacherplatz mit dem Stück „Die Wahrheiten“, wiederum gezeigt vom Rheinischen Landestheater Neuss. Beginn ist um 19.30 Uhr. Karten und Abos für für die Spielzeit gibt es in der Stadtbücherei. Weitere Infos:

kulturkreis-radevormwald.com

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