Pandemie

Schaustellergewerbe erholt sich nur langsam

Für den Autoscooter sprang kurzfristig Gilbert Hoffmann aus Leverkusen mit seinem nur gering kleineren Fahrgeschäft ein. Der 28-Jährige hat den Autoscooter erst im Juni von seinem Vater übernommen.
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Für den Autoscooter sprang kurzfristig Gilbert Hoffmann aus Leverkusen mit seinem nur gering kleineren Fahrgeschäft ein. Der 28-Jährige hat den Autoscooter erst im Juni von seinem Vater übernommen.

Wegen der Pandemie mussten in den vergangenen Jahren viele Feste und Märkte abgesagt werden.

Von Heike Karsten

Hückeswagen. Dass am heutigen Samstagabend Stargast Achim Petry auf dem Hückeswagener Schützenfest auftritt, ist dem Zuschuss vom Land NRW zu verdanken. Schon 2021 hat die Landesregierung das Programm „Neustart miteinander“ aufgelegt. Damit sollen Vereine finanziell unterstützt werden, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu festigen.

Bedingt durch die Pandemie mussten 2020 und 2021 die meisten Veranstaltungen abgesagt werden, darunter auch die Stadtfeste und Weihnachtsmärkte. Ein herber Einschlag, der sich auch massiv auf das Schaustellergewerbe ausgewirkt hat. Zwei Jahre lang war der gesamte Berufsstand stillgelegt und – in den Augen des Deutschen Schaustellerverbands (DSB) – faktisch mit einem Berufsverbot belegt.

Seit März, wo die Corona-Maßnahmen gelockert wurden und wieder zunehmend öffentliche Veranstaltungen stattfinden, stehen die Schausteller jedoch vor einem neuen Problem: der Mangel an Arbeitskräften. „Dieser wird zunehmend zu einer existenziellen Bedrohung des Schaustellergewerbes und damit der deutschen Volksfeste“, heißt es in einer Publikation des Verbandes.

Und es ist noch nicht vorbei.

Günter Eisbusch, Schausteller

Auch das Hückeswagener Schützenfest hat das zu spüren bekommen, haben doch mit dem „Breakdancer“ und dem großen Autoscooter gleich zwei Fahrgeschäfte aufgrund von fehlenden Mitarbeitern nur zwei Tage vor Aufbau der Kirmes absagen müssen. Für den Autoscooter sprang kurzfristig Gilbert Hoffmann aus Leverkusen mit seinem nur gering kleineren Fahrgeschäft ein. „Ich habe den Autoscooter erst im Juni von meinem Vater übernommen“, berichtet der 28-Jährige. Ein langjähriger und ein neuer Mitarbeiter stehen dem Jungunternehmer zur Seite. „Mein Vater ist derzeit mit einem Kinderkarussell und einem Toilettenwagen auf der Düsseldorfer Rheinkirmes im Einsatz“, sagt Gilbert Hoffmann.

Die Hückeswagener Platzmeister Karl-Heinz Kraus und Lutz Annacker zeigten sich erleichtert über die Zusage. „Eine Kirmes ohne Autoscooter geht gar nicht“, betont Annacker.

Die Schaustellerfamilie Hoffmann hatte sich während des Corona-Lockdowns Alternativen suchen müssen. „Wir haben unsere Kosten auf Null gesenkt, die Fahrgeschäfte auf dem eigenen Grundstück gelagert und mit einem Online-Lieferservice für Süßigkeiten angefangen“, erzählt der 28-Jährige. Mittlerweile schaut die Familie wieder optimistisch in die Zukunft. „An den nächsten Wochenenden sind wir fast durchgehend ausgebucht“, sagt der Leverkusener. Viele helfende Hände hat die Schausteller-Familie Schmidt aus Remscheid beim Aufbau ihres Süßwarenstands und Kinderkarussells auf dem Etapler Platz. „Wir haben alle Mitarbeiter von einer anderen Kirmes zum Aufbau geholt“, sagt Chefin Lorena Schmidt: „Wir haben ein gutes Team, das zusammenhält.“

Einzelkämpfer wie Günter Eisbusch aus Bonn mussten sich in den ersten beiden Pandemie-Jahren anderweitig über Wasser halten. „Ich bin für eine Spedition Lkw gefahren, und meine Frau hat bei Rewe angefangen, um nicht vom Staat leben zu müssen“, berichtet der Schausteller und Vater einer zwölfjährigen Tochter. Beim Hückeswagener Schützenfest ist er mit einem Stand für Churros und Crêpes vertreten. Die Pandemie habe in seiner Familie – auch die Eltern und Großeltern sind Schausteller – Spuren und einen harten Einschnitt hinterlassen. „Und es ist noch nicht vorbei“, ist Günter Eisbusch überzeugt. Seinen Beobachtungen nach würden insbesondere ältere Menschen größere Veranstaltungen meiden und fernbleiben.

Zu schaffen machen ihm auch die gestiegenen Kosten für Strom und Lebensmittel wie Mehl und Speiseöl. Auch Personal sei nur schwer zu bekommen. „Zurzeit haben wir nur sporadisch Aushilfskräfte“, sagt der Bonner. Wenn er jedoch in die glücklichen Augen der kleinen Kinder blicke, die zuvor noch nie eine Kirmes gesehen haben, sei auch er ergriffen: „Dann weiß ich, wofür ich das mache.“

Hintergrund

Verein: Der Deutsche Schaustellerbund (DSB) vertritt seit mehr als 70 Jahren die wirtschaftspolitischen Interessen der Schaustellerbranche.

Tradition: Der DSB steht für die Erhaltung und Förderung der traditionellen Jahrmärkte, Kirmessen, Volksfeste und Weihnachtsmärkte in Deutschland – wie auch das Schützenfest in Hückeswagen.

Wirtschaft: Er setzt sich für gesetzlich und wirtschaftlich tragbare Rahmenbedingungen des Schaustellergewerbes ein.

Bildung: Der DSB vermittelt Fachwissen und fördert die Aus- und Weiterbildung der Mitglieder.

Appell: Der Deutsche Städtetag und der Deutsche Schaustellerbund rufen dazu auf, dass Schausteller, Veranstalter und örtliche Behörden gemeinsam mit Augenmaß und guten Konzepten Volksfeste, Märkte, Stadt- und Schützenfeste unter Corona-Bedingungen ermöglichen.

Quelle: www.dsbev.de

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