Im Bürgerhaus

Ungewöhnlicher Auftritt überzeugt

Carlos Martinez präsentierte mit Jürgen Werth Lieder und Geschichten zum Lauschen und Schauen. Foto: Jürgen Moll
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Carlos Martinez präsentierte mit Jürgen Werth Lieder und Geschichten zum Lauschen und Schauen.

Pantomime Carlos Martinez und Liedermacher Jürgen Werth hatten gemeinsam eingeladen.

Von Theresa Demski

Radevormwald. Am Ende streift er die weißen Handschuhe ab, verbeugt sich leicht und blickt mit ausdrucksstarken Augen ins Publikum. Mit einem roten Handtuch wischt Carlos Martinez die weiße Schminke ab und scheint sich zu verwandeln. Währenddessen sitzt Jürgen Werth noch im zweiten Lichtkegel auf der Bühne, streift über die Seiten der Gitarre und singt leise Luthers Abendsegen. „Du bist ein Gott, der es nur gut mit mir meint“. Das Publikum stimmt flüsternd ein, berührt und bewegt. Die Masken fallen, auch die letzten. Und das ist der Verdienst der beiden großen Künstler, die am Samstagabend im Bürgerhaus zu Gast sind: der spanische Pantomime Carlos Martinez und der christliche Liedermacher Jürgen Werth. Die evangelische Allianz in Radevormwald hat dieses ungewöhnliche Gespann eingeladen. Viele Besucher sind gekommen – um zu lauschen, zu fühlen und zu lachen.

Keiner von ihnen dürfte enttäuscht worden sein: Denn beide Künstler bringen so viel Poesie und Gefühl mit, dass sie ihr Publikum nicht erst am Ende überzeugen. Im Gegenteil. „Wir waren uns anfangs selber nicht ganz sicher, ob das passt“, verrät Werth. Aber gemeinsam mit dem namhaften Pantomimen hat er ein Programm erarbeitet, das jeden Zweifel aus der Welt räumt.

Jeder der beiden Künstler hat seinen eigenen Raum und immer mal wieder begegnen sie sich auf berührende Weise: Dann steuert Werth Texte und Melodien bei und scheint dem sprachlosen Pantomimen für einen Augenblick eine Stimme zu geben. Allerdings ist das die große Kunst von Carlos Martinez: Er spricht auch ohne Worte – dann sprudeln die Geschichten aus ihm heraus, mit Händen, Gestik, Mimik. Er spricht mit dem Herzen und sein Publikum versteht ihn. Dann legt er einen unsichtbaren Stolperstein auf die Bühne und freut sich diebisch auf den ersten Passanten. Mit einer eleganten Drehung schlüpft er selbst in die Rolle der Stolpernden: Er ist der Fallende und der Lachende gleichzeitig.

Immer mal wieder schleicht sich ein Kichern in die Stille im Saal

Oder Martinez nimmt sich eine Pralinenschachtel vor. Das Publikum beobachtet ihn genüsslich dabei, wie er sich die kleinen Schokoladenstücke schmecken lässt. Am Ende ist der Zuschauer fast sicher, die Schokolade sehen und riechen zu können. Der Künstler winkt den Zuschauern zu, lädt sie wortlos zum Mitmachen ein, nimmt sie liebevoll aufs Korn und immer mal wieder schleicht sich ein Kichern in die Stille im Saal, ein fröhliches Lachen oder ein Raunen.

Neben diesen kleinen, heiteren Episoden wagt sich Carlos Martinez auch an die großen Geschichten der Christenheit: Er schlüpft in die Rolle von Noah, immer mit einem fragenden Blick Richtung Himmel, er sägt und hämmert, baut eine Arche und freut sich schließlich über jeden tierischen Besucher. Und während das Publikum heiter miträt, welches Tier gerade ausdrucksstark an ihm vorbeispaziert, scheint die Szene lebendig zu werden – bevor sich Noah gedankenvoll über die Reling lehnt und den ersten Regentropfen von der Stirn wischt. Martinez hat Tiefe.

Und das verbindet ihn so offensichtlich mit Liedermacher Jürgen Werth, dass die beiden Geschichtenerzähler am Samstagabend perfekt harmonieren. Werth hat seine Lieder im Gepäck, die so persönlich und ehrlich Geschichten aus dem Leben erzählen, dass sie nicht spurlos vorüberziehen. Bei seinem Klassiker, der in christlichen Kreisen an jeder Geburtstagstafel gesungen wird, stimmt das Publikum vorsichtig ein: „Vergiss es nie, dass du lebst, war keine eigene Idee.“ Als er die Geschichte seines alkoholkranken Vaters singend erzählt, hängt das Publikum an seinen Lippen. Zwar teilt der Liedermacher das Schicksal anderer großer Künstler wie Reinhard Mey oder Konstantin Wecker, deren Stimme sich mit den Jahren verändert hat. Aber seiner Botschaft, seinen poetischen und echten Texten schadet das überhaupt nicht. Er singt von der Liebe des Schöpfers und scheint sie spürbar machen zu können. In jedem Ton und jedem Wort steckt so viel Ermutigung und Hoffnung, dass man sich zuweilen seine Zeilen merken möchte, um sie mitzunehmen.

Das Publikum bedankt sich nach über zwei Stunden mit tosendem Applaus, mit Zugaberufen und Jubel.

Hintergrund

Titel: Für seine Zusammenarbeit mit Carlos Martinez hat Jürgen Werth ein neues Stück geschrieben: „Die Ohren werden Augen machen“. Es stand am Anfang des Programms und markierte vor dem Abendsegen auch das vorläufige Ende des Konzerts.

Tour: Die gemeinsame Tour hat am Sonntagabend fürs erste in Wetzlar geendet. Die beiden Künstler haben viele Stationen in deutschen Gemeinden absolviert.

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