Quittung für einen rabiaten Wildpinkler

Vorm Amtsgericht musste sich ein 40-jähriger Wipperfürther verantworten. Foto: Archiv
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Vorm Amtsgericht musste sich ein 40-jähriger Wipperfürther verantworten.

Richter ahndete Widerstand mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung

Von Brigitte Neuschäfer

Es ist eine ekelhafte, anscheinend unausrottbare männliche Marotte, die formal in die Kategorie der Ordnungswidrigkeiten fällt: das Wildpinkeln. Ein Nachspiel vor dem Strafrichter hat diese unappetitliche Unsitte in aller Regel aber nicht. Anders war das jetzt im Fall eines 40-jährigen Wipperfürthers: Er hatte an einem Tag im Mai in Hückeswagen an einer Bushaltestelle gestanden und von dort aus auf die Peterstraße uriniert. Dabei war er dann von einer zufällig vorbeifahrenden Polizeistreife gesehen worden. Damit nahm das Verhängnis für ihn seinen Lauf.

Angeklagt war der Mann aber gar nicht wegen der Ordnungswidrigkeit – sondern weil er erheblichen Widerstand geleistet, eine Polizeibeamtin tätlich angegriffen und dabei an der Hand verletzt haben soll. Dabei ging auch die Anklage davon aus, dass das „im Zustand verminderter Schuldfähigkeit“ geschehen war, denn spätere Blutproben ergaben: Der 40-Jährige hatte bei seinem aggressiven Ausraster etwa drei Promille Alkohol im Blut und außerdem Spuren von vorherigem Cannabis-Konsum.

Das dürfte dann auch die Erklärung dafür sein, dass er sich als Angeklagter vor dem Amtsgericht an nichts mehr erinnern konnte – nur an den Grund für das große Besäufnis mitten am Tag: „Ich war bei meiner Lebensgefährtin in Wuppertal, wir haben uns in der Nacht getrennt. Am Morgen wollte ich dann mit dem Bus nach Hause fahren, nachdem ich eine ganze Flasche Wodka getrunken hatte. Warum ich in Hückeswagen aus dem Bus gestiegen bin, weiß ich nicht – und sonst auch nichts mehr von diesem Tag.“

Eigentlich hätte er seinen Alkoholkonsum unter Kontrolle

Die Polizeibeamten sagten im Prozess als Zeugen aus. Demnach hatten sie den „Wildpinkler“ zur Rede stellen und durchsuchen wollen, nachdem sie ein Messer in seiner Hosentasche gesehen hatten. Das Messer gab der Mann noch bereitwillig heraus, danach wehrte er sich aber mit Händen und Füßen gegen die weitere Durchsuchung. Die Beamten mussten Verstärkung hinzurufen, um den tobenden Mann zu bändigen und schließlich in die Ausnüchterungszelle der Wipperfürther Polizeiwache zu bringen. In dem Gerangel trat er nach einer Polizistin, die dabei eine Schürfwunde an der Hand davon trug.

Dass Alkohol und Drogen ein wesentlicher Grund für seinen aggressiven Auftritt gewesen waren, wurde bei der Hauptverhandlung schnell deutlich. Auf Nachfragen des Richters räumte der Mann ein, seit 20 Jahren Alkoholiker zu sein. Seit einer stationären Therapie im Jahr 2019 sei es ihm aber gelungen, seinen Alkoholkonsum unter Kontrolle zu bringen und nur noch gelegentlich „ein Bier“ zu trinken.

Nach dem Streit und der Trennung von seiner Lebensgefährtin habe er zum ersten Mal wieder die Kontrolle verloren und eine ganze Flasche Wodka getrunken. Das sei aber ein „absoluter Ausnahmefall“ gewesen.

Die langjährige Alkoholsucht habe ihn so schwer krank gemacht, dass er keine Chance mehr habe, jemals wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. Deshalb lebt der 40-Jährige, der keinen Beruf erlernt hat, von Hartz IV.

Inzwischen wird der Wipperfürther wieder von der Suchtberatung der Diakonie in Hückeswagen betreut. Und dabei soll es nach den Vorstellungen des Gerichts auch bleiben. Entsprechend dem Antrag der Staatsanwältin verurteilte der Richter den Mann wegen des Widerstandes gegen die Polizeibeamten im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit zu vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Er wird einem Bewährungshelfer unterstellt.

Zu den Auflagen gehört es, weiter die Termine bei der Suchtberatung wahrzunehmen und regelmäßig an den Treffen einer Sucht-Selbsthilfegruppe teilzunehmen.

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