Altenzentrum

Pferdeäpfel, Freude und Erinnerungen

Ursula Weishaupt und Thaïs Krings mit Lotti im Aufzug.
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Ursula Weishaupt und Thaïs Krings mit Lotti im Aufzug.

Einmal im Monat besucht das freundliche Shetland-Pony Lotti den Johannesstift.

Von Jakub Drogowski

Hückeswagen. Sie ist mitten in der Pubertät, eigenwillig, wiegt über 200 Kilogramm und erledigt ihre Notdurft gerne mitten auf dem Flur. Dennoch sorgt sie seit über einem Jahr regelmäßig für beste Laune bei den Heimbewohnern des Johannisstiftes und des Hauses im Park.

Einmal im Monat besucht das Shetland-Pony „Lotti“ das Altenzentrum, wo sie von vielen der 110 Senioren freudig erwartet wird. Berührungsängste haben die wenigsten. Vielmehr wird sich im Gemeinschaftsraum nach Herzenslust gestreckt, um Lottis samtige Nase oder ihr tiefschwarzes warmes Fell zu streicheln.

Lotti macht im Johannesstift auch Zimmerbesuche bei besonders pflegebedürftigen Bewohnern. Viele erinnern sich dank ihr an ihre Jugend und Kindheit.

„Manche unsere Bewohner werden dank ihr aktiv wie schon seit Jahren nicht mehr. Die vollziehen Bewegungen und lächeln, wie wir es bei manchen gar nicht mehr für möglich hielten“, sagt Manuela Radermacher. Die stellvertretende Leiterin des Sozialen Dienstes ist für jeden Besuch des fünfjährigen Ponys dankbar: „Es hat mich sehr erstaunt, wie positiv sich der Besuch auf Bewohner auswirkt, bei denen sowohl Mimik als auch Gestik nur noch wenig ausgeprägt ist. Denn auch kognitiv passiert da sehr viel.“

Lotti ist eines von sechs Pferden des Wermelskirchener „Therapiewerks“ der Reittherapeutinnen Thaïs Krings und Ursula Weishaupt. An ihren Tierbesuchsdienst wenden sich Schulen, Altenheime oder verschiedene Therapieeinrichtungen. Krings und Weishaupt sind überzeugt von der „positiven Auswirkung des Kontaktes zu Pferden auf die Gesundheit und die Lebensqualität“.

Die Reaktionen der Altenheim-Bewohner geben ihnen recht. Etwa wenn eine lebenserfahrene Rollstuhlfahrerin nur mühsam und mit Tränen der Rührung in den Augen von Lotti getrennt werden kann. Behutsam, aber bestimmt wird die Dame nach einer Weile von ihrer Pflegerin am Pony vorbeigeschoben. Schließlich wollen auch noch andere Bewohner dem Tier nahekommen.

Lotti scheint der Trubel um sie herum dabei wenig auszumachen. Zeitweise ist sie so entspannt, dass sie ein paar deftige Pferdeäpfel auf dem Flur hinterlässt. Thaïs Krings und Ursula Weishaupt sind sofort zur reinigend Stelle, während ihr Pony geduldig wartet und sich anschließend noch stoisch den Popo reinigen lässt. „Lotti ist ein genügsames und freundliches Tier, obwohl sie gerade in der Pubertät ist. Das ist eher untypisch für Shetland-Ponys. Die haben sonst andere Eigenschaften“, betont Krings.

Eine Geschichte ist besondersin Erinnerung geblieben

Die beiden Reittherapeutinnen hatten den Johannisstift vor zwei Jahren bereits mit einem Haflinger-Pony besucht, auf welchem einige der Bewohner behutsam reiten konnten. Dabei ist Manuela Radermacher eine Geschichte besonders in Erinnerung geblieben: „Eine 98-jährige Bewohnerin wünschte sich als Kind, einmal auf einem solchen Pferd zu reiten. Es war ihr größter Wunsch. Wegen des Krieges, anschließender Flucht und der damaligen Lebensumstände ist es ihr damals nie möglich gewesen. Mit fast 100 Jahren ist sie dann tatsächlich geritten“, erzählt Radermacher. „Sie ist mittlerweile verstorben, aber es ist schön, dass ihr dieser Wunsch noch erfüllt werden konnte.“

Viele haben ja nicht viel mehr als ihre vier Wände und vielleicht den Fernseher.

Manuela Radermacher, stell. Leiterin des Stifts

Ein Haflinger sei allerdings viel zu groß für Hausbesuche, stark pflegebedürftige Bewohner können deshalb nicht in den Genuss der Begegnung kommen. Nicht so das kleine Shetland-Pony. Dank ihrer relativ geringen Größe und ihrer unbeschlagenen Hufe ist Lotti ideal für Hausbesuche. Ihr ruhiger Charakter befähigt sie dazu, Aufzug zu fahren und die pflegebedürftigen Bewohner in ihren Zimmern zu besuchen.

Zu deren großer Freude kommt Lotti direkt ans Bett, frisst den Senioren die Leckerlis aus der Hand und lässt sich auch streicheln. „Das ist eine wunderbare Abwechslung für diese Menschen. Viele haben ja nicht viel mehr als ihre vier Wände und vielleicht den Fernseher“, so Radermacher.

Es ist Zeit, dass sie wieder zu ihren Kumpels auf die Weide gehen kann.

Thaïs Krings

Für viele der älteren Menschen sei eine solche Begegnung oft mit emotionalen Erinnerungen verbunden, gerade im ländlichen Bereich. „Viele lebten in jungen Jahren auf Bauernhöfen, hatten viel Kontakt mit Tieren. Diese Bilder kommen dann wieder“, erklärt Ursula Weishaupt.

Sie und Thaïs Krings achten im Rahmen ihrer Arbeit stets auch auf das Wohlergehen ihrer Tiere. Schließlich will auch das geduldigste Pony irgendwann mal Feierabend machen. „Es ist Zeit, dass sie wieder zu ihren Kumpels auf die Weide gehen kann“, so Krings. In einem Monat kommt sie wieder nach Hückeswagen. „Wir freuen uns schon drauf. Sie macht uns immer ganz glücklich“, sagt Manuela Radermacher.

Hintergrund

Therapiewerk bietet neben den Tierbesuchen die Reittherapie an. Ziele sind u. a. Förderung der Konzentrationsfähigkeit, Abbau von Ängsten oder Hilfe bei Depression oder Schlaganfall. Tel: (01 74) 9 65 92 38; (01577) 1 42 59 20

info@therapiewerk.nrw

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