Partnerstadt

Musik verbindet über die Grenzen hinweg

2010 spielte das Schulorchester „Blow up“ der Realschule unter der Leitung von Gerald Wasserfuhr (l.) in Etaples.
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2010 spielte das Schulorchester „Blow up“ der Realschule unter der Leitung von Gerald Wasserfuhr (l.) in Etaples.

Städtepartnerschaft: Viele Jahre gab es einen regen Austausch zwischen Hückeswagen und Étaples-sur-Mer.

Von Axel Bornkessel

Hückeswagen/ Etaples. Dass die Musik eine Sprache ist, die überall in der Welt verstanden wird, kann Gerald Wasserfuhr nachvollziehen. „Wir haben uns beide nur auf die Finger geschaut und wir haben uns verstanden. Denn rein sprachlich konnten wir uns ja kaum verständigen“, erinnert sich der Hückeswagener an sein erstes Konzert mit Franck Tindiller, der jetzt zum neuen Bürgermeister von Etaples-sur-Mer gewählt worden ist. Gekommen war es dazu im Mai 2012, als das 40-jährige Bestehen der Partnerschaft zwischen dem Fischerort und der Schloss-Stadt gefeiert wurde. Die Hückeswagener waren an die Canche gereist, und gemeinsam wartete man auf dem Marktplatz auf die Ankunft der Radfahrer-Equipe um Detlef Richelshagen.

„Ich hab‘ mich dann vor das Café gegenüber vom Rathaus gesetzt und Akkordeon gespielt – deutsche und französische Titel“, berichtet Wasserfuhr, langjähriger Realschullehrer und Dirigent des Schulorchesters und der Schützenkapelle Wipperfeld. „Da kam der Franck vorbei mit seinem Instrument. Der hat sich einfach zu mir gesetzt, und wir haben dann gemeinsam gespielt. Das klappte auf Anhieb. Immer mehr Leute kamen dann, es gab einen regelrechten Auflauf.“ Als die beiden dann Oldies wie „Marina, Marina“ oder „Sous le ciel de Paris“ intonierten, gab es unter den Zuhörern kein Halten mehr. Abends spielte das Akkordeon-Duo im Saal weiter auf – das Publikum war begeistert, denn hier war man ganz nah dran an der so oft beschworenen Verständigung. Die Menschen fühlten und verstanden.

Musik überwindet Grenzen, diese Überzeugung hatte schon der frühere Realschulleiter Dieter Schruff umgetrieben, als er 2002 den studierten Klarinettisten und Bandleader Wasserfuhr als Musiklehrer einstellte und ihn mit dem Aufbau eines Schulorchesters beauftragte. Wenn man damals an Gastspiele dachte, rangierte natürlich ein Auftritt in der Partnerstadt an erster Stelle. Denn junge musikalische Botschafter aus dem Bergischen Land zu entsenden, war das wichtigste Motiv der Partnerschaftskomitees.

Besonders oft reisten die Schloss-Spatzen nach Etaples

Der damalige Bürgermeister Dr. Friedrich Weyer und Komiteevorsitzender Werner Hoffmann hatten seit 1972, als die Städtepartnerschaft beurkundet worden war, den Austausch von Kindern und Jugendlichen gefördert. Mitglieder des ATV und des RSV 09 sowie Realschüler reisten nach Frankreich, besonders oft der Kinderchor Schloss-Spatzen.

Bereits nach fünf Jahren bilanzierte Hoffmann, dass eigentlich noch mehr unternommen werden müsse, um die deutsch-französische Verständigung voranzubringen. In Gérard Duflos, einem Deutschlehrer, hatte er in Etaples einen idealen Mitstreiter. Und in Willi Wörsdörfer, damals Leiter der Realschule, fanden die beiden einen engagierten Unterstützer.

Obwohl sie die Sprache des anderen nicht verstehen, fanden Gerald Wasserfuhr (l.) und Franck Tindiller (r.), inzwischen der Bürgermeister von Etaples, 2012 ohne Worte zueinander – beim Akkordeonspiel. Und so musizierten der Deutsche und der Franzose gemeinsam.

Der musikalische Austausch blieb rege – die Folkloregruppe Les Bons Z‘Enfants gastierte erstmals in der Schloss-Stadt. Und aus dem Bergischen Land reisten Ende der 70er Jahre unter der Leitung von Hermann Josef Hacke die Schloss-Spatzen an, begleitet von der „Rhythmusgruppe Reinhard Borner“. „Wir spielten Kinder- und Heimatlieder, in den Pausen stellten wir dann eigene Kompositionen vor“, berichtet Reinhard Borner.

An die 1000 Leute seien an diesem Abend gekommen, und alle hätten Autogramme gewollt.

Hoffman und Duflos machten vor allem das erste Jubiläumstreffen im Sommer 1982 zu einem Ereignis hüben wie drüben. Mehr als 100 Etapler reisten nach Hückeswagen, ebenso viele Deutsche lernten den Fischerort kennen. Stadtdirektor Hans-Jürgen Pauck, auch er ein leidenschaftlicher Akkordeonist, spielte in Etaples auf, und an der französischen Kanalküste erklang das Bergische Heimatlied.

An Initiativen und guten Ideen mangelte es auch in Etaples nicht: Gérard Duflos organsierte Reisen seiner Schulen nach Deutschland, wobei man nicht nur Hückeswagen als Zielort wählte, sondern auf einer Tour durch die Bundesrepublik bei Freunden im Bergischen Station machte. Das Altstadtfest wurde regelmäßiger Standort für kulinarische Proben vom Ärmelkanal sowie Auftrittsmöglichkeiten der Folkloregruppe. Doch die große Politik durchkreuzte im Laufe der Jahre den deutsch-französischen Enthusiasmus, in Etaples musste Komiteevorsitzender Duflos zusehen, wie von Regierungsseite sein Deutschunterricht immer weiter eingeschränkt wurde.

„Es ist dann immer weniger passiert“, klagt Renate Wasserfuhr, langjähriges Vorstandsmitglied im Partnerschaftskomitee. „Mit unseren musikalischen Schülerausflügen wollten wir erreichen, dass auch von französischer Seite etwas passiert.“

Gerald Wasserfuhr war deshalb bereits 2010 als Leiter des Schulorchesters Blow up mit 35 Schülern zu einem Konzert nach Etaples gefahren. Begleitet von seiner Frau Renate als Sängerin und den beiden Söhnen Roman und Julian musizierte man gemeinsam. Auch später, nach dem Jubiläum zum 40-Jährigen, ergriffen die Wasserfuhrs die Initiative: 2016 gab das Orchester der Klasse 8, unterstützt von der damaligen Realschulleiterin Christiane Klur und dem Französischlehrer Etienne Michel, in Etaples ein Open-Air-Konzert mit der dortigen Stadtkapelle.

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