Interview

„Masern zirkulieren immer wieder“

Kaija Elvermann, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes.
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Kaija Elvermann, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes.

Kaija Elvermann, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes, spricht über die Umsetzung des Masernschutzgesetzes.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Hückeswagen. Frau Elvermann, die Impfpflicht gegen Masern gilt seit gut zweieinhalb Jahren – können Sie ein Zwischenfazit ziehen?

Kaija Elvermann : Man muss hier differenzieren. Denn es ist so, dass das Gesetz zur Masernschutzimpfung vor etwa zweieinhalb Jahren in Kraft getreten ist. Allerdings ist die endgültige Umsetzung auf den 31. Juli 2022 geschoben worden, um die Gesundheitsämter in der Corona-Pandemie zu entlasten. Dann gab es noch einige Modifikationen, so dass wir jetzt erstmals die Listen aller Kinder bekommen, die neu in die Schulen und Kindertagesstätten gekommen sind oder deren Impfstatus noch nicht erfasst ist. Die Abfrage ist Aufgabe der Schulen, Kitas und anderen Einrichtungen – etwa Unterkünfte für Geflüchtete. Wir bekommen im Gesundheitsamt dann die Listen der Personen, die keinen Immunitätsnachweis erbracht haben.

Ist das Thema wegen Corona aus dem Blick geraten?

Elvermann: Das kann man so nicht sagen, denn wir haben auch in der Zwischenzeit, also in den Jahren 2020/21, Meldungen aus den betroffenen Einrichtungen bekommen. Aber die Systematik, die hinter der Gesetzesumsetzung steht und die die Masse ausmacht, war eben nicht gegeben. Es bestand für die Schulen und Kitas aber durch die Aufschiebung auch keine Pflicht zur Datenerhebung. Jetzt sind die Zahlen sehr viel höher, vorher waren es sporadische Einzelfälle, und wir müssen allen Fällen nun nachgehen. Aktuell gibt es etwa 1000 Meldungen.

Gibt es in Oberberg Schwerpunkte?

Elvermann: Nein. Es geht über das ganze Kreisgebiet und auch quer durch alles Schulformen. Für uns bedeutet das nun eine Menge Recherchearbeit, um die Hintergründe zu ermitteln.

Was sind die Hintergründe?

Elvermann: Das ist ganz unterschiedlich. So kann es sein, dass der Impfnachweis vorliegt, aber nur nicht bei den Schulen oder Kitas angekommen ist. Oder Personen wurden zwischen Meldung der Einrichtung und Nachfrage unsererseits geimpft, so dass auch das schnell erledigt ist. Es ist ja Sinn und Zweck des Gesetzes, dass die Menschen sich dadurch motiviert fühlen, sich gegen Masern zu impfen. Ein ganz geringer Anteil an Leuten würde ich zu den Impfskeptikern oder Impfgegnern zählen – diese Personen sehen schlicht die Notwendigkeit einer Masernschutzimpfung nicht ein.

Warum ist sie notwendig?

Elvermann: Die Masern sind die wohl ansteckendste Virusinfektion weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation hat sich die Ausrottung der Masern schon vor Jahren als Ziel gesetzt – leider wurde es bislang nicht erreicht. Es gab und gibt immer wieder Länder, die als masernfrei gelten, aber die Quote dieser Länder reduziert sich gerade wieder. Masern zirkulieren immer wieder und werden über Tröpfchen oder Aerosole übertragen. Man kann sich also auch in einem Raum anstecken, in dem zuvor ein an Masern erkrankter Mensch gewesen ist. Je höher die Durchimpfungsquote ist, umso höher ist die Elimination der Masern. Man geht von 95 Prozent durchgeimpften Menschen aus, um von einer Ausrottung zu sprechen. Eine aktuelle RKI-Studie hat ergeben, dass durch die Covid-Maßnahmen die Übertragungsraten der Masern in Deutschland deutlich gesunken sind. Da muss man allerdings abwarten, was nun in den kommenden Monaten passiert, da viele Corona-Maßnahmen zurückgefahren worden sind. Auch deswegen ist es besonders wichtig, das Masernschutzgesetz jetzt umzusetzen.

Wie viele Masern-Fälle gibt es bundesweit?

Elvermann: 2020 waren es 76 Fälle, 2021 nur zehn Fälle laut Robert-Koch-Institut. Im Vergleich dazu waren es in den Jahren 2008 bis 2020 monatlich zwischen 100 und 950 Fällen. Spitzen gab es 2011 mit 1608 Fällen und 2015 mit 2466 Fällen pro Monat.

Wie gefährlich sind die Masern?

Elvermann: Die Masern sind eine Erkrankung, die auf viele Organe gehen und gerade bei Kindern zu schweren Folgeerkrankungen bis zum Tod führen können. Das geht relativ schnell. Außerdem können sich die Masern-Viren ans Nervensystem andocken, so dass es zu schwerwiegenden Gehirnschädigungen kommen kann – und zwar sowohl sofort, wie auch noch Jahre nach der Erkrankung. Man spricht von einer sogenannte Slow-Virus-Infektion. Die schwerwiegende Subakute Sklerosierende Panenzepalitis kann mit einer Häufigkeit von etwa 40 bis 300 Fälle auf eine Million am Masern-Wildvirus Erkrankter nach acht bis zehn Jahren zum Tod führen.

Wen betrifft das?

Elvermann: Vor allem Säuglinge und Kleinkinder unter dem 2. Lebensjahr, die noch nicht geimpft werden konnten oder durften. Diese und weitere vulnerable Gruppen vor einem derartig schweren und tragischen Krankheitsverlauf zu schützen, muss in unser aller Interesse sein. Hierzu kann jeder bisher nicht immunisierte und nach 1970 Geborene durch eine
Masernimpfung beitragen, denn die einzige sichere Prävention ist eine gute Durchimmunisierung der Bevölkerung durch die Masernimpfung. Außerdem kann es zu schweren Komplikationen, wie Lungen-, Hirnhaut- oder Ohrenentzündungen kommen, denn die Masern führen zu einer Immunsuppression, so dass es zu Folgeerkrankungen kommen kann.

Es hat Versuche gegeben, die Impfpflicht gegen Masern zu kippen.

Elvermann: Das ist kein Thema mehr, wir können das Masernschutzgesetz wie geplant umsetzen. Es gibt höchstrichterliche Urteile des Bundesverfassungsgerichts, dass die Masernimpfpflicht etwa in Kindertagesstätten umgesetzt werden kann – dieses Urteil ist vom 21. Juli 2022.

Welche rechtlichen Konsequenzen hat es, wenn ein Kind – oder auch ein Mitarbeiter – nicht geimpft ist?

Elvermann: In der Kita müssen die Träger die betroffenen Kinder aus der Kita ausschließen – oder sie werden erst gar nicht aufgenommen. Für Mitarbeitende gilt dann ein Arbeits- und Betretungsverbot, das vom Gesundheitsamt ausgesprochen wird. In der Schule ist es etwas anders, denn wir haben eine Schulpflicht. Die Schulpflicht schlägt das Masernschutzgesetz. Aber die Eltern werden dennoch dazu aufgefordert,
die Kinder zu impfen. Passiert das nicht, gibt es das Mittel
des Ordnungsgelds oder einer anderen Ordnungsstrafe. Lehrer und andere Beschäftigte können allerdings ein Berufsverbot bekommen.

Haben die Mitarbeiter bei der Kreisverwaltung viel mit solchen Fällen zu tun?

Elvermann: Wir bekommen nun im ersten Schulhalbjahr permanent Listen von den Einrichtungen, es ist daher ein laufendes Verfahren, das durch Fluktuationen beeinflusst wird. Aktuell haben wir 1000 Meldungen, wir haben in Oberberg derzeit etwa 39.000 Schüler. Von absoluten Impfskeptikern haben wir aber nur ganz wenige – im einstelligen Bereich.

Glauben Sie, dass Corona und der Impfstoff dagegen die Akzeptanz gegenüber Impfung allgemein eher gestärkt oder geschwächt haben?

Elvermann: Ich glaube, dass die Masernimpfung anders betrachtet wird als die Covid-Impfung. Das hängt aber vermutlich auch mit der Erkrankung zusammen – das ist der psychologische Faktor, der hier eine Rolle spielt. Man kennt beispielsweise die Influenza oder die Masern, Corona ist dagegen eine recht neue Erkrankung. Und das Gleiche gilt für die Impfungen dagegen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sich die ganze Corona-Diskussion bisher negativ auf die Masernimpfung ausgewirkt hat.

Masern

Krankheit: Die Masern sind eine weltweit auftretende Krankheit, die durch ein Virus ausgelöst werden.

Komplikationen: Wichtig ist dabei, dass die Masern nach Meinung der Experten keine harmlose Krankheit sind, sondern dass bei jedem zehnten Betroffenen Komplikationen auftreten - diese können bis zum Tod führen.

Symptome: Wer Masern hat, leidet an hohem Fieber, Husten, Schnupfen und Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum und der Augen-Bindehaut.

Charakteristisch: Nach einigen Tagen tritt der charakteristische Hautausschlag auf.

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