Flutkatastrophe

Klingelnberg versprüht Optimismus

Das Wupper-Hochwasser hatte in der Nacht zum 15. Juli 2021 fast das gesamte Klingenberg-Betriebsgelände an der Peterstraße unter Wasser gesetzt. Das Unternehmen stand daher kurz vor dem Aus.
+
Das Wupper-Hochwasser hatte in der Nacht zum 15. Juli 2021 fast das gesamte Klingenberg-Betriebsgelände an der Peterstraße unter Wasser gesetzt. Das Unternehmen stand daher kurz vor dem Aus.

Das Hochwasser vom Juli 2021 war existenzbedrohend für die Firma.

Von Stephan Büllesbach

Hückeswagen. Es war eine Gratwanderung, von der viele Hückeswagener nichts mitbekommen hatten. Denn nach dem verheerenden Hochwasser, das in der Nacht zum 15. Juli fast auf dem gesamten Klingelnberg-Betriebsgelände an der Peterstraße stand, hätte es das Unternehmen beinahe nicht mehr gegeben.

Nachdem sich die Verantwortlichen damals einen ersten Überblick verschafft hatten, schätzten sie die Schäden auf 55 und 65 Millionen Euro – eine Katastrophe auch für ein wirtschaftlich auf gesunden Beinen stehendes Unternehmen. Vor der Auslieferung stehende Maschinen waren durch die Flut zerstört worden, ebenso eigene Maschinen in den Produktionshallen, dazu kamen etwa die Säuberungs- und Reparaturkosten.

Wie dramatisch die Lage wirklich war, wird in dem am Mittwoch veröffentlichen Bericht zum Geschäftsjahr 2021/22 deutlich, in dem es heißt: „Für eine Reihe von Tagen war nicht sicher, ob Klingelnberg sich von diesem schweren wirtschaftlichen Schaden würde erholen können.“ Doch die Krise ist überwunden. Auf Anfrage unserer Redaktion in der Firmenzentrale Zürich kam als Antwort: „Die Nachwirkungen sind selbstverständlich zu spüren. Wir blicken vorsichtig zuversichtlich nach vorne.“

Die Überflutung infolge des Starkregens mit 160 Litern auf den Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden hatte sich belastend auf die Jahresbilanz der Klingelnberg-Gruppe ausgewirkt, die an ihren beiden Hückeswagener Standorten Peterstraße und Winterhagen-Scheideweg 750, weltweit etwa 1300 Mitarbeiter beschäftigt. Dennoch kommen gute Nachrichten aus der Schweiz: „Die Klingelnberg-Gruppe, ein weltweit führender Hersteller von Hochtechnologie im Bereich der Verzahntechnik für eine Vielzahl von Branchen, hat das zurückliegende, erneut und nochmals stärker von externen Krisen gekennzeichnete Geschäftsjahr mit Erfolg absolvieren können.“

Trotz der Belastungen aus der Flutkatastrophe am wichtigsten Unternehmensstandort habe das Unternehmen im abgelaufenen Geschäftsjahr mit 268,9 Millionen Euro den höchsten Auftragseingang in seiner Geschichte erzielt. Auch der Auftragsbestand verzeichnete mit 268 Millionen Euro (nach 157,7 Millionen im Geschäftsjahr zuvor) einen Rekordstand. „Zu diesem großen Erfolg trug unter anderem bei, dass sich Klingelnberg in stark wachsenden Branchen wie der Windenergie und der Elektromobilität gezielt weiterentwickelt hat“, heißt es in dem Bericht.

Unser Unternehmen hat die existenziell bedrohliche Krise gemeistert und steht heute wieder stark da.

Jan Klingelnberg, CEO der Klingelnberg-Gruppe

Das Defizit fällt deutlich niedriger aus als zunächst befürchtet im zurückliegenden Geschäftsjahr 2021/22, das am 31. März endete, hat die Unternehmensgruppe trotz mehrwöchigen Stillstands der Produktion am Standort Peterstraße einen Umsatz auf dem Niveau des vorigen Geschäftsjahrs erzielt. Gleichzeitig konnte das Unternehmen – auch in Folge gesicherter Zahlung staatlicher Fluthilfe – sein ursprünglich erwartetes negatives operatives Ergebnis verbessern: Statt eines zunächst erwarteten Verlusts von 30 bis 40 Millionen Euro betrug das Defizit letztlich „nur“ 15,7 Millionen Euro. Der Auftragseingang im gesamten Geschäftsjahr stieg um 53,4 auf 268,9 Millionen Euro – im Geschäftsjahr 2020/21 waren es lediglich 215,5 Millionen Euro gewesen. Der Auftragsbestand von 268 Millionen Euro lag um 110,3 Millionen über dem Vergleichswert des vorigen Geschäftsjahrs, was ein Plus von fast 70 Prozent bedeutet.

Auf die Ausschüttung einer Dividende wird verzichtet „Klingelnberg ist traditionell solide und stabil finanziert“, schreibt die Unternehmensleitung im Bericht zum Geschäftsjahresergebnis. Die Eigenkapitalquote erreichte trotz Auswirkungen der Überflutung 38,3 Prozent. Geschäftsführung und Verwaltungsrat werden der Generalversammlung am 23. August allerdings vorschlagen, aufgrund des negativen Ergebnisses für das Geschäftsjahr 2021/22 keine Dividende auszuschütten.

Das Unternehmen profitiert von den Zukunftstechnologien „Unser Unternehmen hat die existenziell bedrohliche Krise gemeistert und steht heute wieder stark da“, versichert Jan Klingelnberg, CEO (Geschäftsführer) der Klingelnberg-Gruppe. Das Unternehmen partizipiere überdurchschnittlich am weltweiten Ausbau der Windenergie. „Im Zuge der steigenden Qualitätsanforderungen unserer Kunden gewinnen wir im Bereich Elektromobilität signifikant Aufträge“, führt er weiter aus. Nicht zuletzt habe sich Klingelnberg in der weltweiten Bergbau- und Rohstoffindustrie, mit ihrer wieder einsetzenden Investitionsbereitschaft, ausgezeichnet positioniert.

Für 2022/23 wird ein deutliches Umsatzplus erwartet „Wir können heute bestätigen: Klingelnberg ist auf Kurs, und wir sind zuversichtlich für das laufende Geschäftsjahr und die folgenden Geschäftsjahre“, betont der Unternehmenschef. In den weltweiten Megatrends wie Erneuerbare Energie, Transformation zur Elektromobilität sowie Rohstoffgewinnung sei die Gruppe bestens positioniert. „Wir werden die Chancen zu nutzen wissen, die wir uns erarbeitet haben“, versichert Jan Klingelnberg. Zwar blieben Herausforderungen, etwa bezogen auf die Lieferketten, aber hiermit werde das Unternehmen umgehen müssen und können. Nicht zuletzt wegen des nahezu vollständigen Wegfalls der flutbedingten Produktionseinschränkungen und der hohe Auftragsbestand erwartet Klingelnberg für das aktuelle Geschäftsjahr 2022/23 einen deutlichen Umsatzanstieg.

Mitarbeiter und Geschäftsleitung arbeiteten Hand in Hand an der Beseitigung der Flutschäden. Dass die Folgen der Schreckensnacht letztlich doch nicht zum Äußersten geführt hatten, ist vor allem auch dem Zusammenhalt innerhalb des Unternehmens zuzuordnen. Aus der Firmenzentrale heißt es: „Insgesamt ist festzuhalten, dass die existenzbedrohende Situation durch den Einsatz von allen – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Management, Eigentümer sowie Verwaltungsrat – bewältigt werden konnte.“

Das bestätigt auch Bürgermeister Dietmar Persian im Gespräch mit unserer Redaktion, der sich am Wochenende nach der Flutkatastrophe auf dem Betriebsgelände ein Bild von der Lage gemacht hatte. „Es war unglaublich, wie motiviert und engagiert die Mitarbeiter und die gesamte Geschäftsführung an den Aufräumarbeiten beteiligt war.“ Selbst Firmenchef Jan Klingelnberg habe im Blaumann und mit ölverschmierten Händen mit angepackt. „Da ging ein Ruck durch die Firma“, sagt Persian. „Alle hatten sofort wieder nach vorne geblickt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Bei Kolpingsfamilie werden Kleidungsstücke getauscht
Bei Kolpingsfamilie werden Kleidungsstücke getauscht
Bei Kolpingsfamilie werden Kleidungsstücke getauscht
Dicke Raupe wird ein Weinschwärmer
Dicke Raupe wird ein Weinschwärmer
Dicke Raupe wird ein Weinschwärmer

Kommentare