Theaterstück

Klassiker hat nicht an Bedeutung verloren

In Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ brillierte am Mittwochabend André Lassen. Foto: Claudia Radzwill
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In Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ brillierte am Mittwochabend André Lassen.

Das Landestheater Detmold zeigte im Bürgerhaus Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“.

Von Claudia Radzwill

Radevormwald. Mit „Ansichten eines Clowns“ holte der Kulturkreis Radevormwald einmal mehr ein klassisches Stück auf die Bühne im Bürgerhaus am Schlossmacherplatz. Das Ensemble des Landestheaters Detmold war mit dem Schauspiel nach Heinrich Böll am Mittwochabend dort zu Gast.

Ein Theaterabend mit nur einem Akteur erwartete die Besucher und Besucherinnen. Ein eindrucksvoller Abend mit toller schauspielerischer Leistung vom André Lassen. Schnell wird klar, was er ist: „Ich bin ein Clown, offizielle Bezeichnung Komiker“, stellt er sich dem Publikum vor. Ein von Melancholie und Kopfschmerzen geplagter Clown. Von einem Liebeskummer zerfressen, der sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht.

Heinrich Böll beschreibt in seinem erstmals 1963 veröffentlichten Roman die gescheiterte Liebesbeziehung des Protagonisten Hans Schnier zu seiner großen Liebe Marie. Verflochten ist die Aufarbeitung der Trennung mit der kritischen Auseinandersetzung einer Nazi-Kindheit und dem großen Schweigen über die Kriegszeit im „Wirtschaftswunder“-Deutschland.

Aufgewachsen ist Bölls Protagonist in einem katholischen Haushalt mit Eltern, die überzeugt vom Nationalismus waren. Traumatisierende Kriegserlebnisse werden verdrängt. Schnier hat sich von seiner Unternehmerfamilie abgewendet und vom Katholizismus. Er zieht als Clown umher, hält den Menschen einen Spiegel vor. Er hat Erfolg, füllt die Hallen. An seiner Seite ist lange Marie, ein katholisches Mädchen, das sich mit der Zeit aber immer weiter dem Glauben und dessen Idealen zuwendet.

Die Differenzen zwischen den beiden werden zu groß, als es um die Heirat geht. Sie verlässt ihn. Der erfolgreiche Clown stürzt ab, ergibt sich dem Alkohol – und verkriecht sich nach einem Bühnenunfall in sein Atelier. Auf der Bühne erleben die Zuschauer Hans Schnier an diesem Rückzugsort. In seinen Monologen schaut „der Clown“ zurück, stellt auch sein Künstlerdasein in Frage.

Inszenierung bleibt dicht am Roman

Heinrich Böll schuf mit Schnier eine Reizfigur. Viele Themen kommen zur Sprache, mit denen er bei der Veröffentlichung des Werks auch aneckte – unter anderem die Rolle des Katholizismus im Nazi-Deutschland. Der Fokus stand für Böll aber auf dem Erlebnis der Trennung. In der Aufarbeitung der Trennung reflektiert Schnier mit den Tod seiner Schwester als Flakhelferin in den letzten Kriegstagen und die verworrene Wertevorstellung seiner Mutter, die zum Dritten Reich stand, nun aber für das „Zentralkomitee zur Versöhnung rassischer Gegensätze“ arbeitet.

Regisseurin Konstanze Kappenstein bleibt in ihrer Inszenierung dicht am Roman. Die Liebe und die Trennung zu Marie, dem Anker in Schniers Leben, scheint allgegenwärtig. André Lassen agiert dazu auf einer gänzlich leeren Bühne. Allein ein Glas, eine Flasche und eine Zigarette sind seine Requisiten. Ohne Bühnenbild lebt das Spiel auf der Bühne von der Sprache, der Mimik, von Pantomime. André Lassen lässt imaginäre Orte und Gegenstände vor dem geistigen Auge entstehen. So, wenn er sich als Marionette an Fäden über die Bühne bewegt.

Ein starkes Spiel. Dafür hatte er Choreographie-Coach Lucy Flournoy bei den Proben an seiner Seite. Begleitet werden seine Monologe, die zwischen der Erinnerung und dem Hier und Jetzt springen, in der Bühnenfassung des Detmolder Theaters mit Lichteffekten. Andreas Rehfeld entwarf ein komplexes Lichtkonzept. Mal im Farbenlicht, mal im Spot oder im grellen Weißlicht stehend, spiegelt das Licht Schniers Atelier, seine Gefühle zu Marie, die Belastung des Schweigens über die Vergangenheit wieder. Lichtdesigner Rehfeld war bei allen Proben dabei, erarbeitete eng mit André Lassen zusammen das Konzept.

Einzelne Szenen werden mit Musik untermalt. In anderen dominiert die Stille und das Spiel, bis ein neuer Monolog beginnt. Das Stück auf der Bühne nimmt am Abend die Zuschauer gefangen – honoriert von großem Endapplaus. Auch wenn das Stück in den 60er Jahren geschrieben wurde, vieles, was der tragische Clown am Abend auf der Bühne anspricht, hat auch an aktueller Bedeutung nicht verloren.

Absage

Eigentlich sollte am Mittwoch, 6. April, um 19.30 Uhr das Ensemble des Rheinischen Landestheaters das Schauspiel „Der Trafikant“ aufführen. „Das Rheinische Landestheater Neuss hat den Kulturkreis Radevormwald informiert, dass diese Aufführung nicht stattfinden kann: Es seien zurzeit zu viele Personen im Ensemble vom Coronavirus betroffen. Ein Ersatztermin für die Aufführung in Radevormwald in dieser Spielzeit könne nicht angeboten werden“, teilt der Vorsitzende des Kulturkreises, Michael Teckentrup, mit. Über den Freiverkauf verkaufte Karten können in der Stadtbücherei zurückgegeben werden, der Eintrittspreis wird erstattet. Abonnenten sollen zunächst keine anteilige Erstattung erhalten; sie würden diese Aufführung in der kommenden Spielzeit ohne zusätzliche Abo-Kosten wahrnehmen können. -s-g-

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