Integration

Junger Flüchtling aus der Ukraine lernt Judo

Rustam (vorne, weißer Anzug) macht einen Judogriff mit Ben Musaeus (vorne, blauer Anzug). Links davon Jörg Musaeus, rechts Edmund Tscheschlog. Foto: Heike Karsten
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Rustam (vorne, weißer Anzug) macht einen Judogriff mit Ben Musaeus (vorne, blauer Anzug). Links davon Jörg Musaeus, rechts Edmund Tscheschlog.

Seit drei Wochen nimmt der 13-jährige Rustam am inklusiven Judo-Training des JC Mifune teil.

Von Heike Karsten

Hückeswagen. Der Sport verfügt über ein großes Integrationspotenzial. Gemeinsame sportliche Aktivitäten fördern die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, bauen Vorurteile ab und schaffen Toleranz. Schon während der Flüchtlingswelle 2015/2016 standen die Türen der Hückeswagener Sportvereine den Geflüchteten offen. Jetzt, während des Krieges in der Ukraine, hat sich daran nichts geändert. Die Vereine freuen sich, wenn sie den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine mit ihren Sportangeboten dabei helfen können, ihre Sorgen für kurze Zeit zu vergessen, Anschluss zu finden und sich in der Schloss-Stadt einzuleben.

Seit drei Wochen steht auch der Judoclub (JC) Mifune Hückeswagen für gelebte Integration. Neu beim Training ist Rustam, ein 13-jähriger ukrainischer Junge, der seit dem 11. März bei JC-Mifune-Trainer Jörg Musaeus und seiner Familie Zuflucht gefunden hat. „Insgesamt beherbergen wir sieben Gäste – zwei Mütter mit ihrer Mutter und vier Kinder, darunter ein Kind mit Autismus und ein Kind mit einer schweren Mehrfachbehinderung“, berichtet der Judo-Trainer aus Wermelskirchen. Nach einer ersten Absprache mit Mifune-Chef Eddy Tscheschlog war schnell klar, dass Rustam, der bislang kein Wort Deutsch spricht, mit am inklusiven Judotraining teilnehmen darf.

Am Freitagabend stand Rustam bereits zum dritten Mal auf der Matte in der Sporthalle der Realschule. Die Verständigung funktionierte beim Training ohne große Erklärungen. „Abschauen und Nachmachen“ lautet die Devise – die Sprache wird durch Bewegung kompensiert. Die Aufwärmübungen, Griffe und Abrollübungen sog der 13-Jährige wie ein Schwamm auf. Bei den Würfen gingen die Trainingspartner – überwiegend Sportler mit Down-Syndrom – besonders vorsichtig mit dem Gast um. „Rustam wird ganz vorsichtig eingeführt“, versicherte Tscheschlog. „Denn sollte er sich gleich zu Beginn wehtun, wäre es für ihn sicher schwer, wieder Vertrauen zu fassen.“ Das ist offenbar der richtige Weg, denn Rustam hat sichtlich Spaß beim Judotraining, wo er von allen Mitgliedern herzlich aufgenommen wurde.

Für die Familie Musaeus war nach dem Ausbruch des Kriegs in Osteuropa schnell klar, dass sie helfen wollte. „Wir haben uns bei der Stadt gemeldet, dass wir einen Flüchtling aufnehmen können“, berichtete der 62-jährige Familienvater und Sozialpädagoge. Dass daraus gleich sieben Flüchtlinge werden, war eigentlich nicht geplant. Untergebracht sind die Ukrainer in Dabringhausen, in einem Tagungshaus mit Schlafräumen und Küche gleich neben dem Wohnhaus der Familie.

„Die Familien sind mit einem Wuppertaler Busunternehmen, das Hilfsgüter an die polnische Grenze gebracht hat, von Polen aus nach Deutschland gekommen“, berichtete Musaeus. Sohn Ben, erfolgreicher Judoka und Mifune-Kämpfer mit Handicap, freut sich über die neuen Gäste. „Er findet es schön, dass er jetzt zwei Jungs zum Fußballspielen im Garten hat“, sagte der Vater.

Es laufen die Vorbereitungen auf die ersten Wettkämpfe

Rustams jüngerer Bruder ist mit seinen acht Jahren noch zu jung für das Training am Freitagabend, für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren bietet der JC Mifune ein Training am Donnerstag an. Tscheschlog hat schon Kontakt mit den Hückeswagener Schulen aufgenommen. „Wenn nach Ostern die ukrainischen Kinder in die Schule gehen, werden wir versuchen, noch mehr Kinder in unsere Trainingsstunden aufzunehmen“, kündigte er an.

Auch für die eigenen Mitglieder ist Tscheschlog froh, dass wieder ein normales Training in der Sporthalle möglich ist. „Während der Corona-Zeit haben wir über Zoom am Computer oder Übungen draußen auf dem Schulhof versucht, unsere Mitglieder bei der Stange zu halten“, sagt er. Derzeit befinden sich die Mifune-Judoka in der Vorbereitung auf erste Wettkämpfe. Am 30. April werden acht Clubmitglieder an der Landesmeisterschaft in Oberhausen teilnehmen.

Jörg Musaeus uns seine Familie haben die Entscheidung, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, nicht bereut. Ein Blick auf Rustam, der in der Gruppe trainiert als gehöre er schon immer dazu, bestätigt ihn.

Hintergrund

Portal: Der Deutsche Judo-Bund (DJB) bietet Flüchtlingen aus der Ukraine über www.judobund.de

Hilfe bei der Suche nach Unterstützung, Unterkunft, Trainingsmöglichkeiten und Wettkämpfen an.

Kostenübernahme: Sport verbindet und ermöglicht den Kriegsflüchtlingen Integration und Teilhabe an der Gesellschaft. Der DJB will die engagierte Arbeit der Vereine unterstützen und setzt die Voraussetzungen der Vereinsmitgliedschaft sowie die Kosten der Wettkampflizenz für 2022 aus.

Standpunkt: DJB-Präsident Thomas Schynol: „Bis vor kurzem war es undenkbar, dass eine starke europäische Judo-Nation gegen eine andere erfolgreiche Judo-Nation quasi vor unserer Haustür Krieg führt. Seit mehr als 75 Jahren können unsere Kinder in Frieden, Ruhe und Glück aufwachsen. Das soll auch weiter so sein. Der DJB steht für Frieden, Demokratie und Völkerverständigung.“

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