Proteste

„Iranische Jugend wird nicht aufgeben“

Eine rot bemalte Hand einer Demonstrantin als Symbol für das vergossene Blut der Demonstranten in Iran. Mittlerweile kommt es weltweit zu Protesten und Solidaritätskundgebungen, wie hier in Istanbul.
+
Eine rot bemalte Hand einer Demonstrantin als Symbol für das vergossene Blut der Demonstranten in Iran. Mittlerweile kommt es weltweit zu Protesten und Solidaritätskundgebungen, wie hier in Istanbul.

Mehrnaz Hejabizadehha kommt aus dem Iran, lebt seit fast drei Jahrzehnten in Deutschland.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Hückeswagen. Die iranische Hauptstadt Teheran ist von Hückeswagen gut 4900 Kilometer entfernt. Für Mehrnaz Hejabizadehha ist ihre Heimatstadt in diesen Wochen aber ganz nah, auch wenn die 37-Jährige seit 27 Jahren in Deutschland lebt. Die Proteste in der islamischen Republik haben nach dem Tod der jungen Frau Mahsa Amini begonnen. Sie war am 13. September von der Religionspolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht vorschriftsmäßig getragen haben soll. Drei Tage später war die 22-Jährige tot. Seitdem wird im Iran täglich demonstriert, das Regime reagiert mit Knüppeln und Schusswaffen. Der Nahe Osten ist um ein Pulverfass reicher – eines, das vom Mut der Protestierenden genährt und befeuert wird.

Mehrnaz Hejabizadehha hat die Entwicklungen in ihrer Heimat im Blick: „Es ist nichts, was jetzt plötzlich aufgekommen ist. Im Iran werden die Menschen seit der Revolution 1979 systematisch unterdrückt und kleingehalten – alles, was Spaß macht, haben die Mullahs verboten.“ Dazu komme, dass die Eliten korrupt seien, so dass vom Wohlstand des ölreichen Lands bei den Menschen nichts ankomme. „Die Inflation ist so hoch, dass man sich vom Lohn eines Tages gerade einmal ein Frühstück leisten kann“, erzählt die 37-Jährige. So erklärt sie sich auch, dass die Proteste nicht abnehmen, obwohl schon so viele Menschen gefoltert, geschlagen und getötet worden sind.

Als ihre Mutter, die politisch aktiv war, 1995 mit der Tochter aus dem Iran geflohen war, waren es politische Umstände, die dazu führten. „Eigentlich wollten wir nur meinen Onkel besuchen. Aber als wir zurückwollten, hat meine Oma meiner Mutter gesagt, dass sie lieber wegbleiben solle, da sie ansonsten verhaftet werden würde“, berichtet die 37-Jährige, die bis vor zwei Jahren in Wuppertal gewohnt hat und seitdem in Hückeswagen lebt. Sieben Jahre sollte es damals dauern, bis die beiden eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung erhielten. Die Hückeswagenerin hat immer noch gute Kontakte zu ihrer restlichen Familie in Iran. „Vor allem mit meiner Cousine stehe ich in regelmäßigen Kontakt, wir sind gleich alt und wie Schwestern.“ Auch die Cousine sei auf der Straße gewesen, habe an den Protesten teilgenommen – und Mehrnaz Hejabizadehha ihre Erfahrungen geschildert. „Sie war mit 20 Personen in einer Gruppe, als sie von einer Schlägertruppe fliehen musste. Sie haben sich in einem Hauseingang versteckt.“ Ihre Cousine habe wahnsinnige Angst gehabt und geglaubt, dass „es jetzt vorbei mit ihrem Leben“ sein würde.

Was sie nicht mehr wollen ist Ideologie.

Mehrnaz Hejabizadehha

Nach ihrer Auffassung ist der Zusammenhalt unter den Menschen im Iran wichtig, um die Proteste nicht abreißen zu lassen. „Es sind alle Ethnien dabei, ob Perser, Turkmenen oder Armenier – man zieht an einem Strang, denn alle sind gleich wütend“, sagt Mehrnaz Hejabizadehha. Auch sie ist wütend: „Die eigene Regierung bringt Menschen um, sie foltert und prügelt – das ist doch schlimm.“ Dabei seien die Wünsche der jungen Iraner simpel: „Sie wünschen sich Demokratie, ein ganz normales Leben, ohne Angst vor Verfolgung. Was sie nicht mehr wollen ist Ideologie.“

„Der Appell muss lauten: Gebt jetzt nicht auf“, fordert Mehrnaz Hejabizadehha. Sonst wäre alles umsonst gewesen, und der Versuch gescheitert, aus der islamischen Republik herauszukommen. Die 37-Jährige ist aber voller Hoffnung: „Ich glaube, dass die iranische Jugend nicht aufgeben wird. Ich glaube, dass die Wut groß genug ist, dass der Protest aufrechterhalten bleibt.“

Den Kontakt nach Iran zu halten, sei nicht immer einfach. Ein Mittel der Mullahs sei es, das Internet abzuschalten oder zu zensieren. „In Iran funktioniert das Internet vielleicht an zwei oder drei Stunden. Wir kommunizieren vor allem über den Messengerdienst IMO, der noch gut funktioniert“, sagt Mehrnaz Hejabizadehha. Nachdem sie den Aufenthaltsstatus für Deutschland erhalten hatten, waren sie und ihre Mutter einmal im Jahr nach Iran geflogen, um die Familie zu besuchen – bis zu den Protesten. Wann das wieder möglich sein wird, weiß sie nicht.

Iran

Revolution: 1979 führt die Islamische Revolution in Iran zur Absetzung von Shah Mohammad Reza Pahlavi. Als Symbolfigur der Revolution gilt Ajatollah Rhollah Chomeini, der dann bis zu seinem Tod 1989 Staatsoberhaupt war.

Staat: Die islamische Republik Iran hat etwa 84 Millionen Einwohner. Regierungschef ist Präsident Ebrahim Raisi, Staatsoberhaupt ist Imam Muhammad al-Mahdi.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Guski zeigt neue Bilder und Skulpturen
Guski zeigt neue Bilder und Skulpturen
Guski zeigt neue Bilder und Skulpturen
Päckchen sollen Freude bereiten
Päckchen sollen Freude bereiten
Päckchen sollen Freude bereiten
„Hüttenzauber“ wird aufgebaut
„Hüttenzauber“ wird aufgebaut
„Hüttenzauber“ wird aufgebaut
Alle Infos rund um die Weihnachtsverlosung
Alle Infos rund um die Weihnachtsverlosung
Alle Infos rund um die Weihnachtsverlosung

Kommentare