Größter Arbeitgeber ist überflutet

Beverteich: Evakuierung für Hückeswagen aufgehoben

Der Parkplatz der Firma Klingelnberg hatte sich vorübergehend in einen See verwandelt: Die Flut drückte Gerümpel gegen stehengebliebene Fahrzeuge.
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Der Parkplatz der Firma Klingelnberg hatte sich vorübergehend in einen See verwandelt: Die Flut drückte Gerümpel gegen stehengebliebene Fahrzeuge.

Update 16. Juli, 10 Uhr: Krisenstab: Lage am Beverteich hat sich entspannt

Hückeswagen. Die Lage am Beverteich in Hückeswagen hat sich entspannt. Der Krisenstab hat die Aufhebung der Evakuierung beschlossen. Dies bedeutet, dass alle Bewohner in ihre Häuser zurückkehren können. „Der Damm des Beverteiches vor der Ortslage Hartkopsbever ist standsicher. Auch der Überlauf aus der Bevertalsperre konnte deutlich reduziert werden. Der Wasserpegel sinkt daher weiterhin konstant, so dass kein Bruch des Dammes mehr zu befürchten ist. Die Experten des Wupperverbandes und der Unteren Wasserbehörde des Oberbergischen Kreises werden aber weiterhin den Zustand des Dammes überprüfen“, teilen die Verantwortlichen mit. Die Bevertalstraße ist wieder für den Verkehr freigegeben.

Unser Text mit dem Bericht über den Tag nach dem Starkregen:

Wassermassen haben Hückeswagen schwer getroffen: 800 Menschen mussten ihr Zuhause verlassen.

Von Axel Richter

Hans-Gert Schmitz bekam die Tücke des Wassers zu spüren. Rettungskräfte zogen ihn mit den Füßen voran aus dem Seitenfenster seines Wagens.

Die Idylle ist trügerisch. Zwar hält der riesige Damm der Bever-Talsperre. Der Teich oberhalb der Ortslage Kleineichen, in den sich seit der Nacht das Wasser aus ihrem Überlauf unkontrolliert ergießt, ist jedoch auf mehr als das Doppelte seiner Größe angeschwollen. Hält der aufgeweichte Damm vor Hartkopsbever dem ständig hohen Druck stand?

Niemand mochte dazu am Donnerstag eine Prognose abgeben. Auch die Experten des Wupperverbandes nicht. Nach dem großen Regen blieb die Lage in Hückeswagen deshalb auch den Tag über angespannt.

Noch in der Nacht hatte die Stadt Hückeswagen die Wohnungen von Hartkopsbever, Kleineichenweg, Peterstraße, Bevertalstraße und weiterer Straßen unterhalb des Beverteiches evakuiert. 800 Bewohnerinnen und Bewohner kamen vorübergehend bei Verwandten und Freunden unter oder verbrachten die nächsten Stunden in der Mehrzweckhalle. Dort kümmerte sich das Deutsche Rote Kreuz um die Menschen.

Andere blieben und verbrachten die Nacht höher gelegen im Auto. Zu retten gab es für sie dennoch nichts. Das Wasser floss in die Keller und stand dort auch noch am Donnerstag. Daran änderte auch der Einsatz von Tauchpumpen nichts.

„Ich wusste gar nicht, dass mein Auto schwimmen kann.“

Hans-Gert Schmitz (75) behielt seinen Humor
Das überschüssige Wasser der Talsperre tost unkontrolliert über den Überlauf zu Tal. Das THW sorgt mit Pumpen dafür, dass die Technik innerhalb des Beverdammes trocken bleibt.

Auch lauerten nach wie vor Gefahren auf die Anwohner. Hans-Gert Schmitz bekam die Tücke des Wassers zu spüren. Um 5.30 Uhr hatte der Chef der Firma SKS Gewindewalzbacken über die scheinbar nur leicht überflutete Bever-Talsperre fahren wollen. Plötzlich floss das Wasser nicht nur vor, sondern auch hinter seinem Mercedes. Das schwere Fahrzeug bekam Auftrieb, dreht sich, war nicht mehr kontrollierbar. Binnen Sekunden stieg das Wasser bis zu den Fenstern. „Ich habe die Türen nicht mehr aufbekommen“, sagt der 75-Jährige.

Der Mann hatte Glück. Einsatzkräfte zogen ihn mit den Füßen voran aus dem Seitenfenster seines Wagens und retteten ihm damit möglicherweise das Leben. Den Humor hat der Hückeswagener dennoch nicht verloren: „Ich wusste gar nicht, dass mein Auto schwimmen kann.“

Eine gewisse Fassungslosigkeit herrschte dagegen am Morgen bei der Firma Klingelnberg. Seit 1922 steht das Unternehmen mit 650 Mitarbeitern nahe der Wupper, die normalerweise friedlich und in gebührendem Abstand daran vorbeifließt. Nun schwappen braune Fluten zwischen Härtebecken und -öfen. „Das hat es noch nie gegeben“, sagt Geschäftsführer Christoph Küster: Binnen Sekunden sei das Wasser gestiegen und in die Produktionshallen geschossen: „Wir wissen noch nicht, wie hoch die Schäden ausfallen.“ Gebäude, Einrichtung, Maschinen und Produktionsmittel sind betroffen.

Überflutungen im Bergischen: Die Lage am Donnerstag

Hans Gert Schmitz musste aus seinem Wagen gerettet werden. Er erlebte in Kleineichen (Hückeswagen) am eigenen Leib, wie tückisch das Wasser ist.
Hans Gert Schmitz musste aus seinem Wagen gerettet werden. Er erlebte in Kleineichen (Hückeswagen) am eigenen Leib, wie tückisch das Wasser ist. © Axel Richter
Kleineichen am Donnerstag gegen 11 Uhr.
Kleineichen am Donnerstag gegen 11 Uhr. © Axel Richter
In Kleineichen (Hückeswagen) steht das Wasser auf der Straße.
In Kleineichen (Hückeswagen) steht das Wasser auf der Straße. © Axel Richter
Die Lage am Beverdamm in Hückeswagen am Donnerstag gegen 10 Uhr.
Die Lage am Beverdamm in Hückeswagen am Donnerstag gegen 10 Uhr. © Axel Richter
Die Lage am Beverdamm in Hückeswagen am Donnerstag gegen 10 Uhr.
Die Lage am Beverdamm in Hückeswagen am Donnerstag gegen 10 Uhr. © Axel Richter
Auf den Straßen herrscht vielerorts Aquaplaning-Gefahr - so wie hier in Remscheid.
Auf den Straßen herrscht vielerorts Aquaplaning-Gefahr - so wie hier in Remscheid. © Leon Hohmann
An der Bevertalsperre.
An der Bevertalsperre. © Axel Richter
Die Wupper hat Brücken überspült und Geröll mit sich gebracht.
Die Wupper hat Brücken überspült und Geröll mit sich gebracht.  © Alexandra Scholte
Die Wupper bei Radevormwald am Donnerstagfrüh.
Die Wupper bei Radevormwald am Donnerstagfrüh. © Alexandra Scholte
Die Wupperorte in Radevormwald - über die Straßen ergießen sich nach wie vor Sturzbäche.
Die Wupperorte in Radevormwald - über die Straßen ergießen sich nach wie vor Sturzbäche. © Alexandra Scholte
Der Überlauf der Wuppertalsperre am Donnerstagfrüh.
Der Überlauf der Wuppertalsperre am Donnerstagfrüh. © Axel Richter

Gleiches gilt für GKN Sinter Metalls, Pflitsch und weitere Firmen in Wuppernähe sowie für das Fitness-Studio Injoy, das wie zahlreiche Keller voller Wasser gelaufen ist.

Die einzig gute Nachricht: Mit Ausnahme von zwei DLRG-Rettern, die sich in der Nacht bei den Evakuierungsmaßnahmen in Kleineichen Verletzungen zuzogen, sind in Hückeswagen keine Menschen zu Schaden gekommen. Angesichts der Schäden und angesichts der Gefahr, die nach wie vor insbesondere vom Damm des Beverteichs ausgeht, sprach Bürgermeister Dietmar Persian am Morgen dennoch von einer „großen Katastrophe“ für Hückeswagen. Auch Landrat Jochen Hagt und Kreisdirektor Klaus Grootens bedankten sich bei den zahlreichen Helfern: „Sie alle haben Schlimmeres verhindert.“

132 Rettungskräfte befanden sich zwischenzeitlich in Hückeswagen im Einsatz. Unter anderem sorgten Ehrenamtler des Technischen Hilfswerkes seit Mittwoch, 16 Uhr, mit ihrem Pumpen dafür, dass die Technik innerhalb des Beverdammes trocken und funktionstüchtig bleibt. Geschlafen haben sie mal eine Stunde im Auto, wie sie sagen.

Der Beverteich in Kleineichen ist um mehr als das Doppelte angeschwollen. Sein Damm ist aufgeweicht. Er gilt augenblicklich als die gefährlichste Stelle in Hückeswagen.

Unterdessen tost das überschüssige Wasser der Talsperre weiter unkontrolliert über den Überlauf zu Tal in Richtung Kleineichen. „Das ist vergleichbar mit dem Loch am oberen Rand der Badewanne“, erklären Mitarbeiter des Wupperverbandes. Das abfließende Wasser entlastet den Wupperdamm. Der Druck auf den Beverteich bleibt jedoch unverändert hoch. Eine Rückkehr der Menschen in ihre Häuser kommt nach Mitteilung der Stadt deshalb vorläufig noch nicht in Frage.

Bricht der Damm, wären die Folgen jedoch nicht nur für die Häuser in Kleineichen verheerend. Die zu erwartende Flutwelle würde auch das nahe Umspannwerk treffen. Das würde, sagt die Bergische Energie- und Wasser-GmbH, „die sofortige Abschaltung des Stroms in Hückeswagen notwendig machen“.

Niederschläge

140 Liter Regen pro Quadratmeter sind am Mittwoch über Hückeswagen niedergegangen. Laut dem Wupperverband entspricht das annähernd einem Zehntel der Menge, die im gesamten Jahr fällt. Im Juli fallen im Durchschnitt an der Bever 113 Liter.

Die Bever- und die Wuppertalsperre dienen der zur Regulierung des Pegelstandes der Wupper. Der Wupperverband gibt an, vorsorglich seit Montag Platz in den beiden Talsperren geschaffen zu haben. Anderenfalls hätte die Wupper noch mehr Wasser geführt.

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