Krieg

Ukrainer verarbeitet Gefühle und Trauer mit Musik

Beim ökumenischen Friedensgebet in der Pauluskirche spielte der ukrainische Gitarrist Nikita Nakonechnyi ein selbst komponiertes Lied.
+
Beim ökumenischen Friedensgebet in der Pauluskirche spielte der ukrainische Gitarrist Nikita Nakonechnyi ein selbst komponiertes Lied.

Nikita Nakonechnyi ist mit seiner Familie aus der Ukraine geflohen und lebt seit März in Hückeswagen.

Von Heike Karsten

Hückeswagen. Seit dem 11. März lebt Nikita Nakonechnyi mit seiner Familie in der Schloss-Stadt. Wäre er nur wenige Stunden später über die ukrainische Grenze nach Polen gefahren, wäre es zu spät gewesen. Mit im Gepäck war seine Gitarre. Denn der Musiker lebt von der Musik, mit der er auch seine Gefühle zum Ausdruck bringt.

Das Leben des 24-Jährigen und seiner jungen Familie änderte sich schlagartig von einem Tag auf den anderen. Es war der 24. Februar, als der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine begann. Russische Panzer stießen ins Land vor, Luftangriffe hinterließen Zerstörungen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief den Kriegszustand aus und ordnete die allgemeine Mobilmachung an. Das war der Tag, an dem Nikita Nakonechnyi, seine Ehefrau Anastasia und Tochter Maya sowie seine Schwiegereltern beschlossen, ihre Heimat zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen.

Mit zwei Autos ging es zunächst nach Polen. „Nur drei Stunden später wurden die Grenzen geschlossen“, berichtet der 24-Jährige. Wehrpflichtige Männer zwischen 18 und 60 Jahren war es danach nicht mehr erlaubt, das Land zu verlassen. Viele von ihnen mussten in den Krieg ziehen, um ihr Land zu verteidigen. In Polen war die Familie zwei Wochen bei Einheimischen untergebracht, die in dieser Zeit zu Freunden wurden. Danach setzte die Familie ihre Reise nach Deutschland fort, die zunächst in Berlin endete. „Aber Berlin war voll. Von einem Kirchenmann erhielten wir die Adresse einer Frau in Hückeswagen“, erzählt Nikita Nakonechnyi weiter. Die Hückeswagenerin hatte Wohnraum für ukrainische Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, in der die junge Familie seit acht Monaten wohnt.

Seinen Lebensunterhalt verdient der 24-Jährige mit der Musik. „Ich schreibe eigene Lieder, aber und auch Arrangements für andere Musiker“, sagt Nikita Nakonechnyi. Sein erstes Album mit elf Songs soll am 1. Februar veröffentlicht werden. Auf der Internet-Plattform Youtube gibt es Videos von dem Gitarristen und seinen Liedern. Eines davon wurde in der Pauluskirche aufgenommen, ein anderes im Stadtpark.

Der Kontakt zur Evangelischen Kirchengemeinde war über den Flüchtlingstreff im Café Kiwie zustandegekommen. „In seiner Heimat ist er ein bekannter Gitarrist“, berichtet Friedhelm Selbach vom Presbyterium, der den Flüchtlingstreff mit organisiert und dort auch den jungen Gitarristen kennengelernt hat.

Erster Auftritt in Hückeswagen beim Friedensgebet

Beim jüngsten Friedensgebet, zu dem die Ökumene seit Kriegsbeginn für jeden Freitag in die Pauluskirche einlädt, konnten die Hückeswagener den Musiker zum ersten Mal live erleben. Nikita Nakonechnyi spielte das Stück „Wir sehen uns bald“ (See you soon) mit seiner Gitarre. „Das Lied ist Vanya Chekerenda gewidmet, die für den Himmel geboren wurde. Ich schrieb diesen Song an dem Tag, an dem ich erfuhr, dass meine Freunde ihr Kind verloren haben“, sagt der Gitarrist, der seine Gefühle und auch seine Trauer in seinen Liedern verarbeitet. Das Baby war im neunten Schwangerschaftsmonat im Mutterleib gestorben und musste als Totgeburt auf die Welt gebracht werden. Die Freunde haben die Ukraine ebenfalls verlassen und leben derzeit in Kanada.

Auch für den 24-jährigen Baptisten, seine Ehefrau und die mittlerweile einjährige Tochter ist die Reise hier nicht zu Ende. „Wir werden im Dezember nach Amerika gehen. Dort möchte ich mein zweites Album aufnehmen“, gibt er seine Pläne preis. „Ich will es versuchen, denn Amerika ist ein gutes Land für meine Musik.“ Seine Schwiegereltern werden vorerst in Deutschland bleiben.

Trotz der Zukunftspläne vermisst der Ukrainer sein Land und vor allem seine Eltern in seiner Heimatstadt Odessa. „Meine Mutter hat geweint, weil sie sich nicht mehr verabschieden konnte. Das ist auch sehr schwer für mich“, sagt er. Ehefrau Anastasia hatte in der Ukraine an einer medizinischen Universität studiert. Durch den Krieg in der Heimat muss die junge Familie ihre Zukunft neu planen.

Beim ökumenischen Friedensgebet, mit dem in der Pauluskirche auch heute, ab 19 Uhr, der Menschen im Kriegsgebiet gedacht wird, brannten acht Kerzen auf dem Altar – eine Kerze für jeden Monat Krieg in der Ukraine. Die Gemeindemitglieder zündeten während der Andacht noch weitere Kerzen an. Auch einige Landsleute aus der Ukraine waren zu dem ökumenischen Gebet und dem Auftritt von Nikita Nakonechnyi gekommen.

Für die Unterstützung, die er hier erfahren hat, ist der 24-Jährige sehr dankbar. „Deutschland ist ein gutes Land – in vielen Wegen. Wir Ukrainer sind für die Hilfe sehr dankbar“, betont er.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Erfolg mit innovativem Schulkonzept
Erfolg mit innovativem Schulkonzept
Erfolg mit innovativem Schulkonzept
Messink modernisiert seinen Standort
Messink modernisiert seinen Standort
Messink modernisiert seinen Standort

Kommentare