Erinnerungen aus der Flutnacht

Ein Einzelkämpfer nach dem Hochwasser

Rüdiger und Martina Bruderer haben die Werkstatt wieder komplett eingerichtet – bis auf ein paar Kleinteile.
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Rüdiger und Martina Bruderer haben die Werkstatt wieder komplett eingerichtet – bis auf ein paar Kleinteile.

Kfz-Meister Rüdiger Bruderer hat von der Überschwemmung kein Trauma zurückbehalten.

Von Heike Karsten

Hückeswagen. An dem neuen Stromverteilerkasten in der Kfz-Werkstatt von Rüdiger Bruderer klebt in Kopfhöhe ein Aufkleber mit der Aufschrift „Wasserstand 14./15. Juli 2021“. Es zeigt, wie hoch die Werkstatt von den Wassermassen vor einem Jahr überflutet wurde. „Die Kunden fragen immer danach und können sich nicht vorstellen, wie hoch das Wasser gestanden hat“, sagt der 62-Jährige.

Mit Ehefrau Martina war der Wipperfürther in dieser tragischen Nacht in dem Gebäude eingeschlossen, weil sich die Türen aufgrund des Wasserdrucks nicht mehr öffnen ließen. In der oberen Etage konnte sich das Paar in Sicherheit bringen, bevor es am nächsten Morgen von Strömungsrettern mit dem Boot aus dem Gebäude geholt wurde. Angst vor einer weiteren Katastrophe hat das Ehepaar dennoch nicht. „Wir können gut schlafen. Ich glaube nicht, dass sich das noch einmal wiederholen wird“, hält Martina Bruderer die Naturkatastrophe für ein Jahrhundertereignis.

Nachdem das Wasser zurückgegangen war und Rüdiger Bruderer vor den Trümmern seiner Werkstatt stand, hatte er kurz daran gedacht, die Flinte ins Korn zu werfen. Immerhin sind es nur noch wenige Jahre bis zur wohlverdienten Rente. „Doch so hundertprozentig kann er sich nicht trennen – es ist halt sein Herzensberuf“, erklärt Martina Bruderer die Entscheidung ihres Mannes, noch einmal durchzustarten.

Mit tatkräftiger Unterstützung von Freunden und der Familie wurde die Werkstatt komplett ausgeräumt, frisch gestrichen und neu eingerichtet. Fast das gesamte Inventar, von der Eingangstür über die Servicetheke bis zum Werkzeugkasten, ist mittlerweile erneuert. Den Computer mit den Kundendaten hat der Kfz-Meister vor dem Wasser retten können, die meisten Papiere in den Ordnern nicht. „Wir haben die einzelnen Blätter mit nach Hause genommen und in der Sauna getrocknet“, erinnert sich das Paar. Noch immer gebe es eine Schubkarre voller Blätter, die vom Schlamm zusammenkleben und wohl nicht mehr zu retten sind. „Jetzt steht eine Betriebssteuerprüfung an. Aber das Finanzamt weiß ja über den Totalschaden Bescheid“, hofft Rüdiger Bruderer.

Mittlerweile ist die Werkstatt wieder komplett eingerichtet. Was noch fehlt, sind lediglich ein paar Kleinteile. „Das merkt man aber erst, wenn man‘s braucht“, sagt der Kfz-Meister und lacht. Ganz verschwunden sind die Spuren des Hochwassers dennoch nicht. Noch immer läuft ein Trockenautomat in der Autowerkstatt, der die Feuchtigkeit aus den Wänden ziehen soll. Die neue Wandfarbe bröckelt schon wieder ab, und weiße Kristalle wachsen aus den Wänden.

Ganz spurlos ist das Unheil auch an dem Wipperfürther nicht vorübergegangen. In den Wintermonaten hatte sich eine leichte Depression bei dem 62-Jährigen angebahnt. „Das Ganze hat ihm doch sehr zugesetzt und an seiner Substanz genagt“, erzählt Martina Bruderer, die in der Altenpflege arbeitet und ihren Mann noch mehr unterstützen will, sobald sie selbst im Herbst in den Ruhestand geht. Immerhin steht der Kfz-Meister täglich alleine in der Werkstatt. Für einen neuen Auszubildenden ist die Zeit bis zur Rente zu knapp. „Dann müsste ich ja noch verlängern“, sagt Rüdiger Bruderer. Er hofft, in spätestens drei Jahren einen Nachfolger für seinen Meisterbetrieb gefunden zu haben. Die beiden Söhne hätten sich beruflich anderweitig orientiert.

Täglich nimmt er sich als Einzelkämpfer den Herausforderungen und Wünschen seiner Kunden an. Erschwerend hinzu kommen die Lieferschwierigkeiten in der Automobilbranche, mit denen auch seine Berufskollegen zu kämpfen haben. „Einige Einzelteile sind schwer zu bekommen. Und wenn die Hebebühne zwei Tage blockiert ist, geht hier nichts mehr“, berichtet Bruderer.

Um auch an die eigene Gesundheit zu denken, wurden die Öffnungszeiten von bisher 8 auf 9 Uhr nach hinten verlegt. „So kann ich vor der Arbeit noch Ersatzteile holen fahren“, erklärt der Kfz-Techniker. Außerdem hat das Ehepaar in diesem Jahr zwei Wochen Urlaub auf Borkum verbracht – ein Luxus, den sich der Selbstständige früher nur für maximal eine Woche am Stück gegönnt hat.

Dankbar ist der Wipperfürther über die große Unterstützung, die er in dieser schweren Zeit erfahren hat. Und natürlich für seine Kunden, die ihm die Treue gehalten haben.

Hintergrund

Leistungen: Die Kfz-Werkstatt Bruderer ist Dekra-Prüfstützpunkt. Zum Service zählen Reparaturen aller Art, Abgasuntersuchungen, Autoglas- und Klimaservice.

Persönlich: 1986 schloss Rüdiger Bruderer erfolgreich seine Prüfung zum Kfz-Meister ab und arbeitet seit 1992 als selbstständiger Kfz-Meister. Seit Juni 2008 führt Rüdiger Bruderer den Meisterbetrieb in Hückeswagen.

Kontakt: An der Schlossfabrik 16, 42499 Hückeswagen, Tel. (02192)  933 86 63; r-bruderer-kfz.de

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