Prozess

Ehemann soll 79 Mal zugestochen haben

Vor der 11. Großen Strafkammer des Landgerichts Köln muss sich seit Mittwoch ein Mann aus Wipperfürth verantworten. Der 64-Jährige soll in Folge eines paranoid-halluzinatorischen Syndroms seine Frau mit 79 Messerstichen getötet haben.
+
Vor der 11. Großen Strafkammer des Landgerichts Köln muss sich seit Mittwoch ein Mann aus Wipperfürth verantworten. Der 64-Jährige soll in Folge eines paranoid-halluzinatorischen Syndroms seine Frau mit 79 Messerstichen getötet haben.

Wipperfürther muss sich vor dem Kölner Landgericht wegen Totschlags an seiner Frau verantworten.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Wipperfürth. Es war ein holpriger Auftakt, nachdem der angeklagte 64-Jährige in Saal 5 des Landgerichts Köln geführt wurde. Denn anstatt in dem Verfahren wegen Totschlags, bei dem auch die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung im Raum steht, direkt in die Beweisaufnahme einzutreten, musste die 11. Große Strafkammer erst einmal über den Antrag der Verteidigerin zum Ausschluss der Öffentlichkeit entscheiden. Nach einer halben Stunde Beratungszeit lehnte die Kammer dies ab, da das Interesse der Öffentlichkeit in diesem Falle höher zu bewerten sei als die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten.

Enkelin versuchte, der Großmutter zu helfen

Der Mann, der seit dem 5. April in der LVR-Klinik in Essen untergebracht ist, war einen Tag zuvor, noch am Tattag, verhaftet worden. Die Vorwürfe, die der Staatsanwalt vortrug, waren erschreckend. „Der Angeklagte war in der Mittagszeit in der gemeinsamen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Wipperfürther Bahnstraße mit seiner Frau und den beiden Enkelinnen“, las der Staatsanwalt vor. Es sei zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar gekommen, die ins Schlafzimmer verlegt worden sei. Dort sei es dann zur eigentlichen Tat gekommen. Der Angeklagte habe dort begonnen, mit einem 29 Zentimeter langen Messer, dessen Klinge 15 Zentimeter lang war, auf seine Frau einzustechen. „Die ältere der beiden Enkelinnen ist von den Schreien der Großmutter aufgeschreckt worden und hat das Schlafzimmer betreten“, berichtete der Staatsanwalt. Dort habe sie die schreckliche Szenerie vorgefunden, dass ihr Großvater wie von Sinnen auf die Großmutter eingestochen habe. „Die junge Frau hat sich auf ihren Großvater gestürzt, ist ihm auf den Rücken gesprungen, um die Stichbewegungen zu unterbinden“, sagte der Staatsanwalt. Dabei sei sie ihrerseits verletzt worden, da der Angeklagte versucht habe, sich der Enkelin zu entledigen, indem er auch auf sie einstach, wohl aber nicht in Tötungsabsicht.

Im weiteren Verlauf habe der 64-Jährige seine bereits verletzte Frau aus dem Schlafzimmer auf den Flur gezogen, wo er weiter auf sie eingestochen habe – bis die Rauschtat schließlich durch die herbeigerufene Polizei habe beendet werden können. „Seine Ehefrau ist noch am Tatort ihren schweren Verletzungen erlegen“, verlas der Staatsanwalt. „Der Angeklagte hat insgesamt 79 Mal auf ihren Oberkörper eingestochen und dabei alle Organe im Bauch- und Brustraum verletzt.“

„Der Totschlag wurde in Folge eines paranoid-halluzinatorischen Syndroms begangen, an dem der Angeklagte bereits seit 1998 leidet“, sagte der Staatsanwalt. „Die Ausprägung seiner psychischen Störung lässt weitere Taten dieser Art erwarten, so dass eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung notwendig erscheint.

Der 64-jährige serbische Staatsangehörige, der in Folge des Jugoslawienkriegs 1993 nach Deutschland gekommen war, hörte der Verlesung der Anklageschrift regungslos zu. Seine Rechtsanwältin sagte im Anschluss, dass er sich nicht zur Sache äußern werde. „Allerdings haben wir eine kurze Einlassung zur Person vorbereitet, die ich nun verlesen werde“, sagte sie. So habe der 64-Jährige nach seiner Schulzeit im Kosovo mit 18 Jahren für 15 Monate Militärdienst geleistet, eher er für zehn Jahre in der warmen Jahreszeit in der Schweiz auf dem Bau gearbeitet habe. Seine Frau habe er 1978 geheiratet. „Er hat seine Frau am Tag der Hochzeit kennengelernt, es war eine arrangierte Hochzeit“, sagte die Rechtsanwältin. In den 1980er Jahren bekam das Paar vier Kinder.

Diagnose Magenkrebs verstärkte noch die Depression

Er sei zwar politisch aktiv gewesen, habe aber nicht im Jugoslawien-Krieg gekämpft. 1993 floh die Familie nach Deutschland und kam am 1. Juli des gleichen Jahres nach Wipperfürth. Dort habe sich in der Schule herausgestellt, dass bei drei der vier Kindern eine kognitive Einschränkung vorhanden sei.

2001 sollte der Mann plötzlich abgeschoben werden. „Diese beiden Ereignisse haben seiner Meinung nach dazu geführt, dass er eine Depression entwickelt hat, die in Marienheide behandelt wurde“, berichtete die Rechtsanwältin. Die Krankheit sei er nie losgeworden. 2017 sei dazu noch Magenkrebs diagnostiziert worden, was die Depressionen wieder so verstärkt habe, dass er 2022 erneut ins Krankenhaus Marienheide gegangen sei. Drogen und Alkohol hätten bei ihm nie eine Rolle gespielt. „Weitere Angaben werde nicht gemacht“, schloss die Verteidigerin.

Bis Ende des Monats sind sechs Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll am 27. Oktober gesprochen werden.

Hintergrund

Rechtsanwalt Oliver Lenort vertritt die Enkelin des Angeklagten in der Nebenklage. „Meine Mandantin ist in der Wohnung gewesen und dazugekommen, als sie die Schreie gehört hat. Dabei wurde sie verletzt“, sagte der Rechtsanwalt am Rande des Verhandlungsauftakts.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

„Hüttenzauber“ wird aufgebaut
„Hüttenzauber“ wird aufgebaut
„Hüttenzauber“ wird aufgebaut
Alle Infos rund um die Weihnachtsverlosung
Alle Infos rund um die Weihnachtsverlosung
Alle Infos rund um die Weihnachtsverlosung
Guski zeigt neue Bilder und Skulpturen
Guski zeigt neue Bilder und Skulpturen
Guski zeigt neue Bilder und Skulpturen

Kommentare