Theater

„Der Fall Collini“: Die Auflösung überrascht und schockiert

Der Fall Collini - nach Ferdinand von Schirach.
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Der Fall Collini - nach Ferdinand von Schirach.

Westfälisches Landestheater hat das Stück im sehr gut besuchten Bürgerhaus auf die Bühne gebracht.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Radevormwald. Ferdinand von Schirach gehört zu den scharfsinnigsten Beobachtern in der zeitgenössischen Literaturszene. Seine Bücher, die sich zumeist mit juristischen Fällen beschäftigen, sind intelligente Studien der menschlichen Psyche. Und lassen sich wie in einem Rutsch durchlesen. Dazu gehört auch „Der Fall Collini“, ein Roman, bei dem es oberflächlich betrachtet um einen kaltblütigen Mord an dem reichen Industriellen Jean-Baptiste Meyer geht.

Der Fall scheint klar, der betagte Italiener Fabrizio Collini (stoisch: Guido Thurk) stellt sich am Tatort, die Waffe noch in der Hand. Zum Gericht wird der junge Rechtsanwalt Caspar Leinen (ambitioniert: Tobias Schwieger) gerufen. Er entschließt sich dazu, die Pflichtverteidigung des alten Mannes zu übernehmen.

Die Auflösung überrascht und schockiert

Er hat allerdings Meyer gekannt, dem er viel zu verdanken hat. „Er war ein durch und durch anständiger Mensch, ich kann mir nicht vorstellen, warum man ihn erschießen wollte“, sagt Leinen zu Oberstaatsanwalt Reimers (souverän: Andreas Kunz). Er sei aber Rechtsanwalt und „jeder Mensch verdiene eine Verteidigung“. „Ich habe es ja auch getan“, sagt er zu seinem Verteidiger, als dieser ihm eröffnet, dass ihm eine hohe Haftstrafe drohe. Ein Geständnis, eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat – weil er vor Jahrzehnten bereits alles verloren hat.

Von Schirach verwebt mehrere Zeitebenen geschickt, denn bald wird deutlich, dass Collini nicht einfach so gehandelt hat. Das Weltbild von Meyers Enkelin Johanna (Thyra Uhde) gerät auch Ins Wanken, da der geliebte Großvater (als junger Mann: Mike Kühne) offensichtlich doch nicht dieser „anständige Mensch“ gewesen ist, als den ihn alle sehen wollen. Und Collini schweigt, auch noch, als er im Gerichtssaal sitzt. Die Auflösung überrascht und schockiert – und macht deutlich, dass die Sünden der Vergangenheit einen manchmal eben doch noch, auch Jahrzehnte später, einholen können.

Es gibt auch eine hervorragende Verfilmung mit Elyas M‘Barek als Caspar Leinen. Nun hat das Westfälische Landestheater das Buch auf die Theaterbühne gebracht. Und das funktioniert im sehr gut besuchten Bürgerhaus am Mittwochabend tatsächlich sehr gut. Die Inszenierung durch Karin Eppler folgt der Geschichte weitgehend linear, schafft es aber durch unterschiedliche Ausleuchtung (Licht: Thomas Leenen), zeitgleich mehrere Ebenen darzustellen. Das Verstreichen von Zeit und Handlung wird mit Hilfe dezent enervierender Musik (Ton: Lukas Rohrmoser) und dem Wälzen von Bergen von Akten dargestellt.

Die Geschichte packt. Was auch am leidenschaftlichen Spiel der Akteure liegt. Wenn es bis ins Jahr 1943 zurückgeht, wenn klar wird, dass Collini sich fast 50 Jahre nach der Ermordung seines Vaters, eines Partisanen in einem italienischen Dorf, durch den SS- und späteren Saubermann Hans Meyer rächen muss, um sein Seelenheil zu finden, dann muss man das eben auch spielen. Dann geht das nicht mit sanft-säuselnder Stimme. Dann muss dieses Verbrechen auch benannt werden, mit aller Deutlichkeit. Es ist eine clevere, dramaturgische Lösung, aus dem Buch mit seinen vielen Schauplätzen eine auf einen Raum reduzierte Gerichtsverhandlung zu machen. Auf diese Weise schafft das Westfälische Landestheater ein dichtes und bedrückendes Kammerspiel, dessen Sogwirkung man sich bis zum Ende nicht entziehen kann. Wie groß die Anspannung auch im Publikum gewesen sein muss, zeigt sich auch im kräftigen und ausgiebigen Applaus nach rund anderthalb Stunden.

Hintergrund

Ferdinand von Schirach ist Autor und Jurist, er wurde im Mai 1964 in München geboren. Sein Großvater war NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Mit diesem Erbe hadert der Autor sein Leben lang. Neben zahlreichen Büchern hat er auch Theaterstücke geschrieben.

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