Im Juli 2021

Die Nacht, in der das Hochwasser kam

THW-Helfer sicherten mit Sandsäcken den Damm des Beverteichs
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THW-Helfer sicherten mit Sandsäcken den Damm des Beverteichs

Bürgermeister Dietmar Persian erinnert sich an die dramatischen Stunden des 14. und 15. Juli 2021.

Von Stephan Büllesbach

Hückeswagen. Dass es regnen würde, war klar. Auch dass es viel regnen würde. Die Wetterprognosen hatten schon mehrere Tage zuvor Starkregen für das Bergische Land vorhergesagt, entsprechend hatte beispielsweise die Feuerwehr in ihrer Wache an der Bachstraße bereits für den 13. Juli einen Unwettermeldekopf eingerichtet, so dass die Kameraden von dort aus und nicht über die Leitstelle in Gummersbach zu den Einsätzen geschickt werden konnten. Im Bauhof wurden Sandsäcke befüllt. Doch was insgesamt bis Mittwochabend, 18 Uhr, über Hückeswagen niedergehen sollte, hatte es so noch nicht gegeben: Unglaubliche 160 Liter pro Quadratmeter fielen innerhalb von nur 24 Stunden. Und in der Nacht zum Donnerstag kam die Flut, gespeist durch die vielen Bäche, die zur Wupper führen, und das Wasser aus den Talsperren.

14. Juli, tagsüber: Der Mittwoch war Dietmar Persians letzter Arbeitstag vor dem Sommerurlaub. Dachte der Bürgermeister zumindest. Mittags hatte er seine letzten Angelegenheiten im Rathaus erledigt, sich aber sicherheitshalber mit Stadtbrandinspektor Karsten Binder kurzgeschlossen. Wenn was sein sollte, könne er sich bei ihm melden, hatte Persian dem Chef der Feuerwehr mit auf den Weg gegeben. Da ahnten beide noch nicht, dass eine schlaflose, kräftezehrende Nacht für sie und viele Helfer bevorstehen würde. Als es nachmittags wieder stark zu regnen begann und im Stadtgebiet reihenweise Keller überflutet wurde, schaute sich der Bürgermeister die Lage an Ort und Stelle an.

14. Juli, früher Abend: Als Persian gegen 18.10 Uhr am Injoy-Fitnessstudio, An der Schlossfabrik, eintraf, stand der Parkplatz bereits ein paar Zentimeter unter Wasser. „Es standen noch einige Autos dort, und im Studio trainierten die Menschen“, erinnert sich Persian. Er rief sie daher auf, umgehend aufzuhören und nach Hause zu fahren. Da hatte er noch nicht einmal das Gefühl, sagt er, dass es noch viel regnen wird. „Wir gingen zwar von viel Regen aus, was aber gut zu bewältigen gewesen wäre.“ Gegen 20 Uhr besuchte der Bürgermeister die Feuerwache und verteilte zusammen mit seiner Frau Brötchen an die Einsatzkräfte.

14. Juli, späterer Abend: Was niemand bis dato zu glauben gewagt hatte, war nun Realität geworden: Das Wasser stieg unglaublich schnell. Gegen 21.30 Uhr stand es im Bereich der Schlossfabrik bereits zwei Meter hoch, das Erdgeschoss des Fitnessstudios und die angrenzenden Betriebe waren längst überflutet. Die Firma GKN Sinter Metals wurde vorsorglich vom Strom genommen. Dramatisch war die Lage zu diesem Zeitpunkt auch bei der Firma Klingelnberg, deren Betriebsgelände an der Peterstraße fast vollständig unter Wasser stand. Der Bürgermeister erinnert sich noch an das Gespräch mit Finanzvorstand Christoph Küster: „Er hatte Sorge, dass das das Ende des Unternehmens sein wird. Da wurde mir endgültig bewusst, wie dramatisch die Lage war.“

14. Juli, kurz vor Mitternacht: Das Wasser stieg und stieg. Längst war der Stab außergewöhnliche Ereignisse der Stadt, eine Art kommunaler Krisenstab, im multifunktonalen Sitzungsraum am Bahnhofsplatz zusammengekommen, in dem neben Persian und seiner Stellvertreterin, Kämmerin Isabel Bever, eine Reihe von Verwaltungsmitarbeiter saßen. Nun war auch klar, dass die Anrainer der Wupper – von Kleineichen über die Peterstraße bis zur Mühlensiedlung an der Vorsperre – in großer Gefahr waren: Sie mussten evakuiert werden. Es gab Radio-Durchsagen, Sirenenalarm und Megafon-Durchsagen der Hilfsorganisationen. Mit Booten fuhren Helfer von DLRG, Feuerwehr und THW an die Häuser heran und klopften mitunter an die Scheiben. Etwa 800 Menschen wurden in den Folgestunden evakuiert. Die meisten kamen bei Freunden oder Verwandten unter, etwa 180 fanden in der in aller Eile mit Notbetten ausgestatteten Mehrzweckhalle einen Schlafplatz für die erste Nacht. Auch sie kamen später woanders unter, aufgehoben wurde die Evakuierung durch die Stadtverwaltung erst am Freitagmittag, 16. Juli.

15. Juli, nachts: Die Bever-Talsperre, aus der der Wupperverband schon seit dem Wochenbeginn Wasser abgelassen hatte – manche kritisierten, das sei angesichts der Prognosen der Meteorologen viel zu spät gewesen – und über deren Grundablass ständig Wasser abgegeben wurde, lief gegen Mitternacht über. Auch dieses Wasser floss über den Beverbach in den Beverteich und später in die Wupper. Zum großen Sorgenkind der Nacht wurde der Damm des Beverteichs, der ohnehin schon seit Jahren marode ist und angesichts des immensen Wasserdrucks zu brechen drohte. Nicht zuletzt deshalb war die Evakuierung der Anwohner angeordnet worden. Persian besah sich die Lage zusammen mit dem Landrat und dem Kreisdirektor, die aus Gummersbach herbeigeeilt waren. Tatsächlich sickerte an manchen Stellen schon das Wasser durch. Doch ein Kraftakt von THW-Helfern, die diese Löcher mit Hunderte Sandsäcken stopften, half dabei, dass die Katastrophe nicht noch größer wurde, als sie es eh schon war. Erst Tage später konnte Entwarnung beim Damm gegeben werden, dessen Wehr schließlich geschleift wurde: Der Pegel sank, der Druck ließ deutlich nach. In den Nachtstunden des 15. Juli war das Hochwasser auch dem Umspannwerk Kleineichen gefährlich nahe gekommen, weswegen schon über eine Abschaltung nachgedacht worden war. Die Folge wäre ein kompletter Stromausfall für weite Teile Hückeswagens gewesen. Doch gut 50 Meter vor dem Umspannwerk kam das Wasser zum Stillstand.

15. Juli, der Morgen danach: So schnell das Wasser gekommen war, so schnell zog es sich dann irgendwann wieder zurück. Gegen 10 Uhr waren zwar etwa noch die Wupperauen überflutet, die Alte Ladestraße aber, die Stunden zuvor noch ein reißender Fluss gewesen war, war wieder sichtbar. Was ebenfalls bei Tageslicht sichtbar wurde, war die nächste Katastrophe: Das Hochwasser hatte mehr als 100.000 Liter ölhaltige Substanzen, hauptsächlich von Betriebsgeländen, mitgerissen. Diese setzten sich auf der Wasseroberfläche und an den Uferbereichen von Wupper-Vorsperre und -Talsperre ab. Es sollte Monate dauern, bis diese Schäden beseitigt waren.

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