Ein Jahr nach der Flut

Die Lehren aus der Katastrophennacht

Die DLRG war in der Starkregen-Nacht zum 15. Juli an vielen Stellen in Hückeswagen im Einsatz, teilweise mussten mit dem Schlauchboot Menschen aus ihren Wohnungen geholt werden
+
Die DLRG war in der Starkregen-Nacht zum 15. Juli an vielen Stellen in Hückeswagen im Einsatz, teilweise mussten mit dem Schlauchboot Menschen aus ihren Wohnungen geholt werden

Das Hochwasser vom 14. Juli 2021 hat viele Schäden in Hückeswagen hinterlassen.

Von Stephan Büllesbach

Hückeswagen. Als am Abend des 14. Juli 2021 deutlich wurde, dass Hückeswagen eine Katastrophe bevorsteht, tat Bürgermeister Dietmar Persian etwas, das der dramatischen Situation dieser Stunden geschuldet war: Er rief den Stab außergewöhnliche Ereignisse, kurz: SAE, im Multifunktionalen Sitzungsraum des Bürgerbüros zusammen. Dem gehören neben seiner Stellvertreterin, Kämmerin Isabel Bever, und den Fachbereichsleitern noch weitere Mitarbeiter der Stadtverwaltung an. Darunter Torsten Kemper vom Ratsbüro.

Er war schon daheim im Gummersbach im Feierabend, als der Anruf des Bürgermeisters kam. Irgendwie schaffte es Kemper über Umwege an den Bahnhofsplatz – denn auch in Wipperfürth hatte das Hochwasser der Wupper Straßen und Plätze überschwemmt, ein Durchkommen durch die Innenstadt war nicht möglich. Persian selbst hatte eigentlich vorgehabt, in diesen Stunden seinen Koffer zu packen und sich auf die anstehende Urlaubsreise vorzubereiten. Schon mittags hatte er sein Büro aufgeräumt. Doch er sollte noch einige Tage in Hückeswagen bleiben.

Stab außergewöhnliche Ereignisse: Der SAE ist so etwas wie ein lokaler Krisenstab. Die Einrichtung mit diesem Namen ist bei der Kreisverwaltung angesiedelt, auch dort war ein Krisenstab eingerichtet worden. Nachdem sich das Hochwasser zurückgezogen hatte, die Schäden aufgelistet, das Treibgut weggeräumt und die ersten finanziellen Hilfen ausgezahlt worden waren, reflektierten die Verantwortlichen bei der Stadt unter anderem die Abläufe in der Flutnacht. „Wir haben uns die Regeln angeschaut und mit dem Kreis überlegt, ob wir für solche Fälle richtig organisiert sind“, sagt Persian. Das Ergebnis: „Unsere Regeln sind gut und funktionieren.“ Wobei der Bürgermeister einschränkt, dass der SAE an diesem Abend vielleicht besser schon etwas früher zusammengekommen wäre. Daher lautet eine Lehre für die Zukunft, die die Stadt aus der Hochwasser-Katastrophe zieht: „Künftig werde ich den SAE schneller zusammenrufen.“

Der Bauhof: Weiterhin wird der Bauhof frühzeitig informiert, damit die Mitarbeiter losfahren und die Straßeneinläufe kontrollieren und gegebenenfalls leeren können. Denn sind die Gullys mit Müll und Laub zugesetzt, kann das Wasser dort nicht abfließen, was es gerade bei Starkregen zu verhindern gilt. Auch brechen bei einem Sturm Äste ab, die sich vor die Siebe setzen können, was die Gefahr einer Überflutung erhöht.

Raum für den Krisenstab: Eine weitere Lehre ist, dass der „Mufusisa“ im Bürgerbüro für die Anforderungen des lokalen Krisenstabs eigentlich zu klein ist. Doch Abhilfe ist bereits in Sicht, denn im künftigen und noch zu errichtenden neuen Feuerwehrhaus an der Einfahrt zum Brunsbachtal soll es einen speziellen und ausreichend großen Raum für den SAE geben. Dann wird auch die notwendige Infrastruktur vorhanden sein, wie zum Beispiel ein Notstromaggregat.

Starkregen-Karten: „Wir haben zudem schon vorher begonnen, Starkregen-Karten für das Stadtgebiet zu erstellen“, versichert Persian. Anhand derer sei zu erkennen, was wo passieren könne, auch unterschiedliche Szenarien könnten damit durchgespielt werden. Überhaupt kann jeder Hauseigentümer über das Geoportal FluGGS (FlussGebietsGeoinformationsSystem) des Wupperverbands einsehen, ob er bei Hochwasser etwas zu befürchten hat.

fluggs.wupperverband.de

Infoveranstaltung für Betroffene: In Planung ist bei der Stadt zudem, für die möglichen Betroffenen – vor allem die Anlieger der Wupper – eine Informationsveranstaltung anzubieten. Gesprochen werden soll dann etwa, welche wichtige Funktion eine Rückstauklappe am Gebäude hat, wo man im Notfall Sandsäcke herbekommt sowie, wo das Wasser herkommen könnte und wie man es ableiten kann.

Kooperation: Die Zusammenarbeit in der Flut-Nacht mit den Hilfsorganisationen wie Feuerwehr, THW, DRK und DLRG sowie dem Wupperverband und dem Kreis verlief laut Bürgermeister zwar gut. „Zukünftig müssen wir die wertvollen Informationen aber noch direkter weitergeben.“

Bauliche Verbesserungen: Was tun, damit das Wasser, wenn es denn wieder gewaltig kommt, besser abfließen und weniger Schäden anrichten kann? „Wir sind in Überlegungen, wo wir zusätzliche Hochwasser-Rückhaltungen errichten können“, berichtet Persian. Dazu gehören zusätzliche Regenrückhaltebecken im Stadtgebiet. Auch sollte die Wassergeschwindigkeit verlangsamt werden, das bedeutet, dass die Bachläufe mehr mäandern müssten. Zudem soll Ausschau nach neuen Überflutungsflächen gehalten werden. „Das wird untersucht, und damit sind wir auch in Gesprächen mit Wupperverband und Kreis.“

Anpassungskonzept: Schon vor dem Starkregen am 14./15. Juli hatte der Kreistag beschlossen, dass die Kreisverwaltung angesichts des Klimawandels das sogenannte Anpassungskonzept in Auftrag gibt. Das soll helfen, Vorsorge zu treffen für die Auswirkungen des Klimawandels und Gegen- bzw. Hilfsmaßnahmen vorzubereiten. Das kann beispielsweise auch eine extrem lange Hitzeperiode sein. „Der Kreis organisiert und finanziert dieses Konzept, die Kommunen arbeiten daran mit“, erläutert der Bürgermeister. Bis Jahresende soll es vorliegen.

Fazit: „Die betroffenen Menschen, wie etwa die aus dem Bereich Schlossfabrik, werden diese Nacht ihr Leben lang nicht vergessen“, ist sich Persian sicher, der die Geschehnisse vor allem entlang der Wupper und im Bereich des Beverteichs hautnah miterlebt hatte. „Teilweise war das lebensbedrohlich!“
Glücklicherweise habe es keine Toten und mit dem DLRG-Strömungsretter, der beim Einsatz von der Flut mitgerissen und kurzzeitig unter Wasser gedrückt worden war, nur einen Verletzten gegeben.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Gäste küssen Holzwurm wach
Gäste küssen Holzwurm wach
Gäste küssen Holzwurm wach
Dicke Raupe wird ein Weinschwärmer
Dicke Raupe wird ein Weinschwärmer
Dicke Raupe wird ein Weinschwärmer
Erinnerung an La Quinta und Holzwurm
Erinnerung an La Quinta und Holzwurm
Erinnerung an La Quinta und Holzwurm

Kommentare