Grundbedürfnisse

Der Zulauf zur Islandtafel nimmt deutlich zu

Regelmäßig herrscht dienstags und donnerstags großer Andrang am Eingang der Islandtafel, wenn um 11.30 Uhr die Lebensmittel-Ausgabe an der Bachstraße beginnt.
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Regelmäßig herrscht dienstags und donnerstags großer Andrang am Eingang der Islandtafel, wenn um 11.30 Uhr die Lebensmittel-Ausgabe an der Bachstraße beginnt.

Die Situation ist deutlich besser als bei den meisten Tafeln im Land.

Von Stephan Büllesbach

Hückeswagen. Es ist noch längst keine halb Zwölf an diesem Dienstagvormittag, wenn die Islandtafel an der Bachstraße eröffnet. Doch schon hat sich eine Menschenansammlung vor der Außentreppe gebildet. Es sind vornehmlich Ukrainer und andere Geflüchtete, die hier zweimal in der Woche gespendete und daher kostenfreie Lebensmittel abholen, donnerstags können sie sich zudem aus der Kleiderkammer vor allem Hausrat, wie Töpfe, Geschirr und Besteck, aussuchen. Aber auch Deutsche sind unter den Kunden. Was alle eint: Sie haben zu wenig Geld zum Leben, weswegen sie einen Teil ihrer Grundbedürfnisse in der Islandtafel stillen. Zudem ist alles teurer geworden.

„Bedingt durch diesen unseligen Krieg in Osteuropa hat sich die Zahl unserer Kunden fast verdreifacht“, sagt Hans-Peter Turck vom Helfer-Team. Zu Jahresbeginn kamen regelmäßig um die 20, 25 Bedürftige. „Da hatten wir schon gedacht, das seien viele“, sagt Hanni Turck. Jetzt fertigt sie 63 Lose mit Nummern an, die die Besucher der Tafel vor dem Betreten ziehen müssen. Dann geht’s der Reihenfolge nach, damit sich niemand vordrängen kann oder sich benachteiligt fühlt.

Aber die Hückeswagener sind spendabel.

Christa Schmitz, 2. Vorsitzende

Die Lose reichen dieses Mal nicht, es sind weitere Kunden gekommen. Auch Neuzugänge. „Das wird noch mehr werden“, vermutet Christa Schmitz, die zweite Vorsitzende des christlichen Vereins.

Immerhin geht es der Islandtafel deutlich besser als den meisten anderen Tafeln in der Republik, wo die Bedürftigen auch immer mehr werden.

Aber während woanders die Lebensmittelspenden knapp werden, weil die Supermärkte mit weniger Artikeln kalkulieren und somit weniger abzugeben haben, kommt die Islandtafel weiterhin gut über die Runden. „Früher haben wir auch nicht mehr bekommen“, ist sich Hans-Peter Turck sicher. Montags, dienstags und donnerstags sind zwei Helfer ab 8 Uhr unterwegs, um immer noch verwertbare Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden, bei drei Hückeswagener Supermärkten, zwei Tankstellen, der Bäckerei von Polheim und dem Lenneper Lebensmittel-Hersteller Steinhaus abzuholen.

Hanni und Karl-Peter Turck kontrollieren die gespendeten und am Morgen abgeholten Lebensmittel.

Im Lager werden Obst und Gemüse, Brot und Teilchen, Milchprodukte und Süßes sowie weitere Lebensmittel gesichtet und sortiert. Um 11.30 Uhr geht’s los mit dem Glücklichen, der die Nummer 1 gezogen hat. Allerdings herrscht keine Selbstbedienung – nach schlechten Erfahrungen wird jeder Kunde von einem der beiden Helfer begleitet. Er deutet auf das Lebensmittel, das er haben möchte, und der Ehrenamtler packt es in die Tüte.

Bei so vielen Kunden können die Spenden schonmal schneller zur Neige gehen, doch die Helfer haben einen Puffer parat: „Wenn wir merken, dass die frischen Lebensmittel nicht mehr ausreichen, packen wir haltbare Sachen wie Nudeln, Marmelade oder Bockwürstchen dazu“, berichtet Hans-Peter Turck. Das sind mitunter Sachen, die die Islandtafel hinzukauft. „Aber die Hückeswagener sind spendabel“, versichert Christa Schmitz. Unter den Spendern sind Kirchengemeinden, Banken und Firmen, aber auch viele Privatleute. Berührend war etwa die Aktion der kleinen Charlotte: Die Vierjährige hatte voriges Jahr den Inhalt ihres Portemonnaies geleert, um ihn für bedürftige Menschen in Hückeswagen weiterzugeben.

Wegen der räumlichen Enge, aber auch aufgrund der Corona-Pandemie können nur zwei Kunden gleichzeitig in die Tafel, der Rest muss draußen warten. Bei dem Sonnenschein wie am Dienstag ist das weniger ein Problem, bei Regen dagegen schon. „Dafür haben wir einen Party-Pavillon gekauft“, berichtet Hanni Turck. Und damit die Kunden nicht durch die Autos auf der Bachstraße gefährdet sind, ist an den Ausgabetagen auf dem Gehweg eine Absperrung aufgebaut.

Über einen Umstand sind die Ehrenamtler der Islandtafel jedoch traurig: Sie können keine Mittagessen mehr anbieten, wie das seit der Gründung in 2001 und bis zum Beginn der Corona-Pandemie der Fall gewesen war. Zwar kamen da jeweils nur gut 20 Besucher. „Aber wir hatten mehr Zeit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen“, erinnert sich Christa Schmitz. Viele Kunden seien gekommen, weil sie einsam waren und auf diese Weise soziale Kontakte gefunden hatten. Hans-Peter Turck erklärt: „Wir hatten extra neue Öfen und eine moderne Absaugvorrichtung angeschafft.“ Doch Mittagessen und Lebensmittel-Ausgabe gleichzeitig sei einfach nicht machbar. Höchsten an einem anderen Ort.

Hintergrund

Öffnungszeiten: Lebensmittel werden in der Islandtafel dienstags und donnerstags, jeweils von 11.30 bis 14 Uhr, in der Islandtafel, Bachstraße 6, ausgegeben. Die Kleiderkammer öffnet donnerstags, 10 bis 14 Uhr.

Sachspenden: Wer Sachspenden abgeben will, wird gebeten, sie nicht vor die Tür zu legen, sondern einen Termin unter Tel. 02192/2099257 zu vereinbaren. Der Anrufbeantworter wird regelmäßig abgehört.

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