Nach Hochwasser

Bever-Talsperre auf dem Prüfstand

Der Überlauf der Bever-Talsperre am Morgen des 15. Juli nach den heftigen Regenfällen. Archivfoto:
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Der Überlauf der Bever-Talsperre am Morgen des 15. Juli nach den heftigen Regenfällen. Archivfoto: Stephan Büllesbach

Fachmann von der Hochschule Bochum fordert nach der Hochwasserkatastrophe eine Bestandsaufnahme

Von Joachim Rüttgen

Hückeswagen. Das Hochwasser war verheerend. Es kam schnell und überflutete alles, was sich ihm in den Weg stellte. Mit den Folgen kämpfen einige Hückeswagener noch heute, gut drei Monate später. Nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, begann die Ursachenforschung. Schnell kam laute Kritik am Wupperverband auf. Bemängelt wurde und wird, dass der Verband viel früher Wasser aus der Bever-Talsperre hätte ablassen müssen, weil ihm klar gewesen sein musste, dass solche Starkregenmengen kommen.

Christoph Mudersbach von der Hochschule Bochum fordert jetzt eine gründliche Bestandsaufnahme und einen Stresstest für alle Talsperren in NRW. So fordert der Wasserfachmann, dass die Bewirtschaftungsstrategien aller 65 Talsperren im Bundesland neu bewertet und durchgerechnet werden müssten.

„Jährlich wird ein Bericht verfasst, der die Sicherheit der Anlage dokumentiert.“

Ilona Weyer, Sprecherin des Wupperverbandes

Es gehe um die Frage, ob Talsperren mit einer Hochwasser-Schutzfunktion angesichts der voraussichtlichen Zunahme von Starkregenereignissen künftig ganzjährig, also auch im Sommer, einen Sicherheitsspeicherraum für Regenwasser frei halten müssten, und ob sie dafür die Kapazitäten hätten. Bei kleineren Talsperren, die bisher keine besonderen Aufgaben im Hochwasserschutz leisten, müsse zudem geprüft werden, ob ein zusätzliches Volumen für Hochwasserschutzzwecke freigehalten werden könne.

Da die Talsperren zugleich als Speicher die ausreichende Wasserversorgung in trockenen Sommern garantieren und dafür normalerweise im Frühjahr möglichst voll gefahren werden, könne ein solcher, ganzjähriger Sicherheitspuffer möglicherweise zu Wassermangel in trockenen Jahren führen. Um beide Aufgaben – Hochwasserschutz und Schutz gegen Trockenheit – gleichzeitig zu erfüllen, könne als Ergebnis der Berechnungen auch die Erweiterung von Talsperren, die Errichtung von zusätzlichen Regenrückhaltebecken oder der Bau einer ganz neuen Talsperre herauskommen.

Was hält der Wupperverband von diesen Überlegungen? „Auch unsere Brauchwassertalsperren, wie die Wupper- und die Bever-Talsperre als größte Brauchwassertalsperren am Oberlauf der Wupper, haben die Aufgaben, in Trockenphasen die Mindestwasserführung in der Wupper zu gewährleisten und Wasserrückhalt zu leisten“, erläutert Sprecherin Ilona Weyer. Diese Aspekte der Talsperren-Bewirtschaftung vor dem Hintergrund zunehmender Wetterextreme in Einklang zu bringen, sei eine wachsende Herausforderung. Dies erfordere eine Anpassung der Bewirtschaftungskonzepte für die Talsperren, in die die Erfahrungen aus dem aktuellen Extremereignis – ein Ereignis, wie es in der Ausprägung im Wuppergebiet noch nicht vorgekommen sei – einbezogen werden. „Derzeit nehmen wir mit externen Gutachtern die Arbeit auf, um mit den Erfahrungen aus dem Hochwasserereignis unsere Steuerung der Talsperren auf den Prüfstand zu stellen und bisherige Ansätze zu überarbeiten“, versichert Ilona Weyer.

Auch durch das vom Verbandsrat bei der RWTH Aachen beauftragte Gutachten zum Hochwasserereignis verspricht sich der Verband Impulse für die künftige Steuerung. „Überprüfungen von Talsperren lassen sich in zwei verschiedene Komplexe einteilen: Eigen- und Fremdüberwachung“, berichtet die Sprecherin. Der Wupperverband überwache die Sicherheit seiner Anlagen kontinuierlich durch automatisierte Messungen, die über regelmäßige Handmessungen validiert werden.

Das Personal des Wupperverbands bewerte diese Messungen und leite bei Abweichungen vom Normbereich Maßnahmen ein. „Jährlich wird ein Bericht verfasst, der die Sicherheit der Anlage dokumentiert. Dieser geht zur Bezirksregierung, der Aufsichtsbehörde der Talsperre“, erklärt Ilona Weyer. Dort werde der Bericht geprüft. Zudem werde jede Anlage alle zehn Jahre einer vertieften Überprüfung unterzogen. Das bedeute, dass durch den Wupperverband neben den Messungen auch die Bemessungsansätze geprüft, der bauliche Zustand der Anlage bewertet sowie die Betriebsführung der Anlage auf den Prüfstand gestellt wird. Auch das Ergebnis dieser Überprüfung wird der Aufsichtsbehörde zur Prüfung vorgelegt. Neben diesen Berichten, die einer Fremdüberwachung durch die Aufsichtsbehörde unterliegen, gibt es alle ein- bis eineinhalb Jahre eine Talsperrenschau der Bezirksregierung.

Starkregen

Wassermengen: In diesem Sommer waren wegen der extremen Regenfälle Mitte Juli mehrere Talsperren in NRW übergelaufen – sie konnten die Wassermengen nicht mehr aufnehmen.

Tote: Bei der Unwetterkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz waren mehr als 180 Menschen gestorben, darunter 47 in NRW. Hinzu kamen enorme Sachschäden in Milliardenhöhe.

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