Auf sein Glück wartet er neun Jahre

Flüchtling darf Frau und Kinder nach Deutschland holen

Der eritreische Flüchtling Berhiwa Welday hat nach vielen Jahren seine Familie in seine neue Heimat nachholen können. Berhiwa wurde vor seiner Flucht auf schlimmste Art und Weise misshandelt.
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Der eritreische Flüchtling Berhiwa Welday hat nach vielen Jahren seine Familie in seine neue Heimat nachholen können. Berhiwa wurde vor seiner Flucht auf schlimmste Art und Weise misshandelt.

Berhiwa Welday lebt seit 2013 in Deutschland, nach jahrelangen Bemühungen konnten jetzt seine Frau und Kinder nachkommen.

Von Heike Karsten

Hückeswagen. Nur ganz wenige Freunde von Berhiwa Welday konnten miterleben, was sich jetzt am Frankfurter Flughafen ereignete. Konnte doch der Eritreer nach neun Jahren erstmals seine beiden Kinder und seine Ehefrau in die Arme nehmen. „Ich habe fünf Stunden nur geweint“, erzählt der 33-Jährige, der seit 2019 in Hückeswagen lebt. Noch immer muss er sich über die Augen wischen, wenn er an diesen Moment denkt, auf den er so lange gewartet hatte. Leicht war es für den Afrikaner im Flughafengebäude nicht. „Wir mussten erst lange suchen“, berichtet er. Doch jetzt ist die Familie wieder vereint.

Geholfen hat der FamilieMarcel Haldenwang

Zuletzt lebte seine Ehefrau (27) mit den beiden acht- und elfjährigen Kindern in Äthiopien, dem Nachbarland von Eritrea. Berhiwa Welday hatte einen Ausreiseantrag für seine Familie gestellt und wurde dabei vom Hückeswagener Lehrer Marcel Haldenwang unterstützt, der den eritreischen Flüchtling seit Jahren betreut. „Ob die Botschaft in Adis Abeba ein Visum ausstellt, ist reine Willkür“, berichtet Haldenwang. Welday habe sogar einen DNA-Test machen lassen müssen, um zu beweisen, dass er der Vater der Kinder ist. „Doch es hat geklappt, sogar ohne Anwalt“, freut sich der Hückeswagener über das Glück, das über die junge Familie gekommen ist.

Berhiwa Welday hat eine krasse Geschichte zu erzählen. Viele Jahre hatte er als politisch Verfolgter in eritreischen Gefängnissen verbracht. Seine Geschichte hat er aufgeschrieben und veröffentlicht: „Ich will dafür kämpfen, dass die Weltöffentlichkeit von dem Unrecht in meinem Heimatland erfährt.“ Dass er dafür schon bedroht wurde, hält ihn nicht davon ab. Seine gerade erst in Deutschland eingetroffene Familie will er dem jedoch nicht aussetzen, weshalb er nur mit seinem Freund Aklilu als Übersetzer zum Interview erscheint.

Eigentlich wollte Berihu kein politischer Mensch werden. Seine Ziele waren eine Ausbildung und eine gesicherte Existenz. Doch in Eritrea zählte freier Wille wenig. „Der Mensch“, schreibt Berhiwa in seinen Aufzeichnungen, „ist dort nicht mehr als ein Werkzeug des Staates“. Jeder hat in Eritrea den „National Service“ zu absolvieren. Ein zeitlich unbegrenzter Einsatz für den Staat. Der „National Service“ verpflichtet nicht nur, im Militär zu dienen, sondern auch genau dort zu arbeiten, wo es der Staat befiehlt: als Erntehelfer oder als Hilfskraft auf dem Bau. „Es ist nichts anderes als Zwangsarbeit“, sagt der 33-Jährige.

Berhiwa trifft es in der siebten Klasse – von einem auf den anderen Tag muss er Soldat sein. Sieben Jahre im „National Service“ stehen ihm bevor. Jahre, in denen er immer wieder versucht, sich gegen die Willkür zu wehren. Doch er hat keine Chance. „Entweder man fügt sich der Ordnung“, sagt Berhiwa, „oder man wird bestraft, ins Gefängnis gesperrt, manchmal auch geschlagen“. Bis heute ist sein Körper von Narben bedeckt.

Sein Arbeitgeber hatviel für ihn getan

Nach fünf Jahren versucht er zu fliehen, landet jedoch im Gefängnis. Mit anderen Gefangenen zusammengekauert, erwartet er sein Schicksal. Berhiwa wurde misshandelt. Seine letzte Flucht führte nach Äthiopien, später über das Mittelmeer nach Italien und Deutschland. Dort schickte ihn das Bundesamt für Migration zunächst nach Wuppertal. Seit drei Jahren lebt Berhiwa in der Schloss-Stadt, hat Deutsch gelernt und bei Firma Haromac im Gewerbegebiet Winterhagen-Scheideweg eine Arbeitsstelle erhalten. „Der Geschäftsführer, Herr Lück, hat viel für Berhiwa getan. Ihm ist es auch zu verdanken, dass die Familie von Äthiopien nach Deutschland fliegen konnte“, betont Marcel Haldenwang.

Mit seiner Familie hatte der politische Flüchtling fast täglich per Video-Anruf Kontakt gehalten. Jetzt sind die Kinder überglücklich, ihren Vater in die Arme nehmen zu können, auch wenn für sie alles noch fremd ist. Für die Zukunft wünscht Welday sich eine größere Wohnung, in die er mit seiner Familie ziehen kann. Und dann möchte der 33-Jährige den Führerschein machen, sobald die Kinder in die Schule gehen. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass die Familie noch einmal getrennt wird. „Das passiert, wenn seine Frau und die Kinder ins Auffanglager müssen“, erläutert Haldenwang.

Mit dem Nachzug seiner Frau und Kinder beginnt für den Familienvater jetzt ein neues Leben. Einen Wunsch fügt der Hückeswagener noch hinzu: „Ich möchte kein Flüchtling mehr sein“, sagt er leise.

Hintergrund

Personen mit einem Aufenthaltstitel für Deutschland dürfen ihre Ehepartnerin oder ihren Ehepartner und minderjährige Kinder zu sich nach Deutschland holen. Die Person, die nachziehen will, beantragt ein „Visum zur Familienzusammenführung“ bei der Deutschen Botschaft im Drittstaat. Dazu ist ein Termin bei der Botschaft zu vereinbaren. Nach Prüfung der Unterlagen wird ein Visum erteilt. Nach Einreise in Deutschland muss die nachziehende Person innerhalb einer Woche ihren Wohnsitz im zuständigen Einwohnermeldeamt anmelden. Bei zuständigen örtlichen Ausländerbehörde muss ein Aufenthaltstitel beantragt werden.

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