Im Gespräch

„Atemwegsinfekte verwundern nicht“

Zurzeit sind vor allem viele Kinder verschnupft und leiden unter Atemwegsinfektionen. Das ist zwar auch eine Folge der Corona-Pandemie, für die Kinderärzte in dieser Jahreszeit aber auch nichts Außergewöhnliches.
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Zurzeit sind vor allem viele Kinder verschnupft und leiden unter Atemwegsinfektionen. Das ist zwar auch eine Folge der Corona-Pandemie, für die Kinderärzte in dieser Jahreszeit aber auch nichts Außergewöhnliches.

Kinderarzt Dr. Björn Hoffmann berichtet von vollen Praxen und Kinderstationen.

Von Heike Karsten

Dr. Hoffmann, warum sind gerade so viele Kinder krank?

Der Hückeswagener Kinderarzt Dr. Björn Hoffmann.

Dr. Björn Hoffmann: Da gibt es sicher nicht einen einzelnen Grund. Zum einen sehen wir naturgemäß im Winter mehr Infekte. Zum zweiten haben wir uns in den zurückliegenden zwei Jahren mit Abstandhalten, Mund-Nasen-Schutz und Kontaktbeschränkungen auch vor der Ausbreitung von anderen Viren als nur Corona distanziert. Die Durchseuchung ist einfach geringer gewesen, und unser Immunsystem muss sich jetzt mit einer Vielzahl von Erregern zur gleichen Zeit auseinandersetzen. Es ist Winter, wir lüften weniger, sitzen dafür mehr und enger beieinander.

Welche Kinder sind derzeit besonders gefährdet?

Hoffmann: Wir haben im Prinzip immer zwei besonders empfindliche Patientengruppen: die Säuglinge und Kleinkinder, deren Immunsystem noch nicht so trainiert ist und daher nicht immer in der Lage ist, ein Krankheitsgeschehen zu verarbeiten. Zur zweiten Gruppe zählen diejenigen Kinder und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen.

Warum sind gerade Atemwegsinfekte so häufig?

Hoffmann: Das muss gar nicht verwundern. Über die Atemwege haben wir nun mal eine ständige Verbindung nach außen. Wir atmen neben Luft auch jede Menge Fremdmaterial ein. Wenn ein Auto neben uns an der Ampel steht, sind es unter anderem Feinstaub und Abgase. Wenn wir in einem voll besetzten Bus mit Schniefnasen stehen, werden eben Krankheitserreger aufgenommen.

Bemerken auch Sie eine Häufung der Fälle in Ihrer Praxis?

Hoffmann: Auf jeden Fall! Wir sehen täglich eine Vielzahl von Patienten mit akuten Atemwegserkrankungen. Dies geschieht neben unserem regulären Praxisbetrieb wie Vorsorgen, Betreuung chronisch Kranker und der ganzen anderen Fragen, wegen derer wir aufgesucht werden. Teils sehen wir 80, 90 und mehr Patienten pro Tag. Auch die kinderärztlichen Notdienste sind zurzeit übervoll.

Ist Ihre Praxis dadurch ausgelastet? Müssen Eltern vertröstet werden?

Hofmann: Ausgelastet sind wir in jedem Fall. Vertröstet wird bei uns aber niemand. Wer anruft, bekommt immer einen Termin innerhalb von 24 Stunden. Aber ich habe hervorragende Mitarbeiterinnen, die durch eine kompetente Beratung zahlreiche Arztbesuche vermeiden helfen. Sie beraten die Eltern telefonisch und können so schon viel tun.

Müssen mehr Kinder als sonst ins Krankenhaus?

Hoffmann: Ja, auch die Krankenhäuser in der Umgebung sind auf den Kinderstationen voll. Hier hat ja in den letzten Wochen die RSV-Welle für Furore gesorgt. Allerdings ist RSV, das Respiratorische Synzytial-Virus, jetzt auch nichts Neues, sondern hat uns Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen schon immer von Oktober bis März beschäftigt.

Wenn die Fiebersäfte, wie aktuell, knapp werden, welche Alternative können Sie ansonsten verschreiben?

Hoffmann: Wir berücksichtigen das Alter der Kinder und die Fähigkeit, gegebenenfalls auch (halbe) Tabletten oder Granulat einzunehmen.

Was können Eltern tun, um das Fieber zu senken?

Hoffmann: Wichtig ist erst einmal, dass nicht jede Temperaturerhöhung Sorge machen muss. Wir sprechen ab einer Temperatur von 38,5 Grad Celsius von Fieber. Wenn Kinder Fieber haben, aber ansonsten fit sind, kann man sie auch mal fiebern lassen. Ich sage meinen Patienteneltern dann schon mal, dass ich nicht das Thermometer behandeln möchte. Wenn Kinder aber schlapper sind und vor allem schlechter trinken, dann würde ich schon etwas gegen das Fieber geben. Reichlich Flüssigkeit braucht der Körper bei Fieber auch, weswegen das Trinken so wichtig ist. Bei Kindern jenseits des Säuglingsalters kann man auch mit Wadenwickeln die Temperatur senken. Allerdings sollte dann der Wickel nicht zu kalt sein, sondern der Wasserhahn „in Mittelstellung“ gebracht werden.

Würde es helfen, wenn Kinder mit „normalen“ Erkältungen versuchten, diese ohne Arztbesuch auszukurieren?

Hoffmann: Das würde uns in den Praxen enorm helfen. Denn dann hätten wir mehr Zeit für die Kinder, die tatsächlich einen Arzt brauchen. Wir stellen auch keine Krankschreibungen für die Schulen mehr aus.
Das hat uns ebenfalls in der Vergangenheit viel Zeit geraubt, die uns dann für die Versorgung der wirklich kranken Kinder gefehlt hat. Im Schulgesetz steht aber, dass die Eltern ihr Kind bei Krankheit entschuldigen. Dem haben wir jetzt konsequent Rechnung getragen und die Schulen entsprechend informiert.

Hintergrund

RSV: Das Respiratorische Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) führt zu Infektionen der oberen sowie unteren Atemwege und befällt epidemieartig hauptsächlich Säuglinge und Kleinkinder.
Die hoch ansteckende Virusinfektion kann aber Menschen aller Altersgruppen betreffen.

Symptome: Die Krankheit zeigt sich meist durch Erkältungsbeschwerden oder grippeähnliche Symptome mit Fieber. Anfangs treten Schnupfen, Halsschmerzen und Husten auf.

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