Partnerstadt

18 Fischer streichen die Segel

Im Fischereihafen von Boulogne-sur-Mer hat die Flotte aus Etaples festgemacht. Von 100 Schiffen werden 18 abgewrackt.
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Im Fischereihafen von Boulogne-sur-Mer hat die Flotte aus Etaples festgemacht. Von 100 Schiffen werden 18 abgewrackt.

Streit um die Fischerei im Ärmelkanal hat Konsequenzen in Hückeswagens Partnerstadt Etaples.

Von Axel Bornkessel

Etaples. Vielleicht war das zurückliegende Weihnachtsfest in manchen Fischerfamilien in Etaples-sur-Mer, Hückeswagens französischer Partnerstadt, und woanders an der Côte d’Opale nicht so sehr mit Zukunftssorgen belastet, wie dies in den vergangenen Jahren der Fall war.

Der Brexit und die Zerwürfnisse mit den englischen Berufskollegen, die Einschränkungen der Corona-Pandemie, die extreme Verteuerung des Dieselkraftstoffs – all das hat in den Jahren zuvor die Arbeit und die Zukunftsaussichten der Fischer aufs Schwerste belastet. Mancher Familienvater überlegte, ob der Besitz eines eigenen Kutters, ob der Verkaufsstand auf dem Markt, betrieben von Frau und Verwandten, überhaupt noch Sinn hatte.

Nun aber haben sich einige von ihnen zu einem Entschluss durchgerungen, und die Zeit des Wartens ist für sie angebrochen: Die Eigner von 18 kleineren Schiffe, alle zwischen zehn und zwölf Metern lang, haben bis Ende November einen Antrag bei der Präfektur der Hauts de France gestellt, der über ihre Zukunft entscheiden wird. Sie sind bereit, gegen die Zahlung einer Prämie ihr Schiff zu verschrotten und den Beruf als Fischer an den Nagel zu hängen. Der Fischereihafen von Boulogne, wo auch die Fangflotte der Etapler stationiert ist, wird in Zukunft noch mehr Platz an den Kais haben.

Verhandlungen zwischen London und Brüssel haben im Herbst zu dieser dramatischen Entscheidung geführt. Mit dem Angebot, einen Teil der eigenen Küstenfischerei dort stillzulegen, wo sie in der Folge des Brexits mit englischen Interessen kollidieren könnte, will Frankreich einen Schlusspunkt unter eine Folge ständiger Querelen setzen. Die nicht endenden Streitereien wurden, verbunden mit durchaus stichhaltigen Argumenten auf beiden Seiten, zum Schutz der jeweils eigenen Fangwirtschaft ausgetragen.

Diskussion wird traditionellemotional geführt

Hinter ihnen verbargen sich aber auch Probleme mit größeren Dimensionen. In erster Linie haben die Konflikte um Fischereirechte stets auch Fragen nationalen Prestiges eingeschlossen, weil die Diskussionen über die Existenz dieses Küstengewerbes aus traditionellen Gründen emotional geführt wurden.

Andererseits spielten in den Verhandlungen auch Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit eine gravierende Rolle. Mit der Vereinbarung von Fangquoten versuchte man, Umweltauflagen zu befolgen und gefährdete Fischarten zu schonen. In der Wahl ihrer Mittel waren die Parteien in der Vergangenheit nicht gerade zimperlich: Fischer drohten mit Hafenblockaden, Küstenschutzboote kreuzten als Sicherheitseskorten auf, die französischen Einfuhrbehörden versuchten mit Schikanen, den wirtschaftlichen Zufluss englischer Importe auf den Kontinent zu erschweren.

Von den mehr als 100 im Hafen von Boulogne-sur-Mer beheimateten Kuttern wird fast ein Fünftel nun die Flagge streichen. Einen Grund, den nordfranzösischen Standort gefährdet zu sehen, sieht die Wirtschaft allerdings nicht, denn in der Region gibt es eine starke Konzentration der fischverarbeitenden Industrie. Außerdem machen inzwischen Projekte von sich reden, in denen von Investitionen in Fischfarmen im Pas-de-Calais die Rede ist. Nach allem bleibt ein Rattenschwanz sozialer Probleme: Manche Eigner sind durch den dramatischen Anstieg der Betriebskosten bereits hoch verschuldet, und sobald der Ersatz eines defekten Motors droht, ist die Entscheidung für den Antrag auf eine Abwrackprämie schnell getroffen.

Nach dem jahrzehntelangen Einsatz eines solchen Schiffs ist das bitter, zumal wenn die ausgezahlte Prämie nur wenig hilft, den angewachsenen Schuldenberg abzubauen. Ein derartiges Modell ist nur geeignet für alle Kollegen, die bald in Rente gehen wollen, heißt es an der Küste.

Und was ist mit jüngeren Fischern? Sollten sie in Erwägung ziehen, sich ein neues Schiff zulegen zu wollen, müssen sie damit fünf Jahre warten. Und das bedeutet in aller Regel das Aus für den Lebensunterhalt aus dem Meer.

EU-Hilfen

Voraussetzungen: Um eine Prämie zu erhalten, muss das Schiff des Eigners vor 2021 Teil der Fischereiflotte gewesen sein. Der Betrieb muss mindestens 20 Prozent seiner Fänge aus britischen Gewässern geholt und zum Verkauf angeboten haben. Nach Eingang der Prämie soll das Schiff innerhalb von 90 Tagen abgewrackt werden.

Subventionen: 60 Millionen Euro aus europäischen Mitteln zur Linderung der Brexit-Folgen stehen für diese Maßnahme zur Reduzierung der Küstenflotte zur Verfügung.

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