Helft uns helfen

Schon Säuglinge erleiden Gewalt und Vernachlässigung

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Klein und schutzlos. Kaum vorstellbar, dass Menschen Säuglingen Gewalt antun. Das Team der Kinderschutzambulanz erlebt es aber immer wider. 

Das Team der Ärztlichen Kinderschutzambulanz erlebt täglich Fälle unfassbarer Grausamkeit. Trotz Bedarfs an Hilfe fehlen aber die Mittel.

Von Anja Carolina Siebel

Die RGA-Aktion „Helft uns helfen“ geht in die nächste Runde. Seit gut 40 Jahren ist es uns eine Herzensangelegenheit, Initiativen zu unterstützen, die sich stark engagieren und aus eigener Kraft ihre Arbeit nicht in vollem Maße weiterführen könnten.

Eine davon ist die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisches Land e.V. an der Remscheider Burger Straße. Der eingetragene Verein finanziert sich seit einigen Jahren zum Großteil durch Spenden. Immer wieder wird er auch bei Aktionen bedacht. 2016 schrieb die Ambulanz aber erstmals in ihrer Geschichte rote Zahlen. Und dabei wird sie mehr gebraucht denn je. Denn, das wissen Leiterin Birgit Köppe-Gaisendrees und ihr Team, die Zahl der minderjährigen Opfer nimmt dramatisch zu. „Gewalt und Missbrauch an Kindern und Jugendlichen sind leider keine Seltenheit“, berichtet sie. Die Fälle sind zum Teil an Dramatik kaum zu überbieten. Und der Bedarf wächst.

Das zeigt ein „ganz normaler Freitag“ in der Kinderschutzambulanz neben dem Sana-Klinikum. Die Woche war bereits überfüllt mit geplanten Terminen; und während der Woche sind weitere drei Notfälle hinzugekommen. Alle Therapeuten haben bis spät abends gearbeitet; im Sekretariat stehen die Telefone immer noch nicht still, immer wieder neue Anfragen, immer wieder Not und immer wieder entscheiden die Chefs Birgit Köppe-Gaisendrees und Martin Roggenkamp: „Müssen wir als Notfall aufnehmen.“

Auch an diesem Freitag nehmen sie Geschwister im Alter von drei und fünf Jahren auf, die akut von sexueller Gewalt durch ihren leiblichen Vater betroffen sein sollen. Das Jugendamt hat Meldung durch die Kripo bekommen. Die Kleinkinder sollen in Pornofilmen gesichtet worden sein.

„Genau diese Unterstützung lässt uns wieder durchatmen.“
Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin Kinderschutzambulanz

Einen gerade erst drei Wochen alten Säugling, der aufgrund schwerer Vernachlässigung fast verhungert ist, nimmt das Team in der benachbarten Kinderklinik auf, damit das Baby dort medizinisch versorgt werden kann. Es beginnen kräftezehrende Gespräche mit dem Jugendamt und den Kindeseltern. „Wir müssen jetzt auch rasch eine Stellungnahme an das zuständige Familiengericht schreiben“, erklärt Birgit Köppe-Gaisendrees. Der Grund: Die sorgeberechtigten Kindeseltern stimmen der stationären Aufnahme ihres Babys nicht zu.

Neben diesen dramatischen Akut-Fällen gibt es auch noch die geplanten Gespräche. Die Therapeuten hören den Kindern, die in die Sprechstunde kommen, zu, sehen Ängste und Sorgen in den Gesichtern. Sie erleben Kinder, die aufgrund hoher psychischer Belastungen in den Momenten, in denen sie von ihrer Not berichten, einnässen. Dann beschaffen sie trockene Anziehsachen aus der – dank einiger Spenden – noch gut gefüllten Kleiderkammer. Manchmal gibt es etwas zu essen oder zu trinken, immer dann, wenn Kinder Sorge haben, zu Hause gebe es nicht genug. „Wir trösten, wir spielen, wir erforschen – und freuen uns vor allem, wenn Kinder Vertrauen zu uns fassen“, erzählt Birgit Köppe-Gaisendrees und lächelt erstmals.

Ständiger Begleiter sei das Telefon. „Wir sprechen mit Jugendämtern, mit Ärzten, mit der Kripo, mit Richtern und Staatsanwälten, mit Eltern, mit ambulanten Familienhilfen, mit Kitas, mit Schulen und so weiter – immer mit dem Ziel, die Situation der Kinder zu erklären.“

Und dann findet am späten Nachmittag die erste kurze Begegnung des Teams bei einem Kaffee in der Küche statt. Bis dahin haben alle sehr selbstverständlich ihre Arbeit getan, sich ausgetauscht, kurz Rücksprache mit den Leitern gehalten. Es ist dieser Freitag, an dem Birgit Köppe-Gaisendrees erfährt: Bei der Aktion Helft uns Helfen 2017 werden die RGA-Leserinnen und -Leser mit ihrer Spende die Ärztliche Kinderschutzambulanz unterstützen. Großer Jubel in der Küche. „Genau diese Unterstützung brauchen wir“, sagt die Leiterin der Einrichtung. „Genau diese Unterstützung lässt uns durchatmen, lässt den finanziellen Druck ein Stück schmelzen und gibt uns Kraft für die nächsten Wochen, die wahrscheinlich nicht anders sein werden. Danke allen Menschen, die bei der Vergabe von Helft uns helfen an uns gedacht haben.“

IHRE SPENDE ZÄHLT

AKTION . Dieses Jahr möchten wir mit Ihrer Hilfe der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisches Land e.V. sowie der Schlaganfallhilfe für Wermelskirchen und das Umland zur Seite stehen. Kinder und Jugendliche, die Kontakt zur Kinderschutzambulanz haben, kommen oft mit einer bitteren Vorgeschichte dorthin. Sie haben Missbrauch, massive Gewalt oder Vernachlässigung erlebt. Die Zahl der minderjährigen Gewaltopfer ist – leider – stetig steigend. Und die Ärztliche Kinderschutzambulanz stößt finanziell und personell an ihre Grenzen: Die Schlaganfallhilfe Bergisch Land hat einen ganz anderen Fokus – aber ähnliche Engpässe. Die Vorsitzende Brigitte Hallenberg müht sich mit anderen Ehrenamtlern nach Kräften, ältere und auch junge Schlaganfallbetroffene, deren Leben sich meist von heute auf morgen schlagartig ändert, im gesamten Bergischen Land zu beraten, ihnen Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten für den Alltag zu vermitteln. Und auch sie kämpfen mit Hürden – vor allem finanziell.

KONTO Spenden können Sie auf folgendes Konto bei der Sparkasse Remscheid: DE29 3405 0000 0000 000372.

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