Zwölf Burscheider konnten 1901 telefonieren

Das erste Telefon Burscheids befindet sich in Witzhelden im Familienbesitz von Peter und Sonja Schütt. Foto: Ursula Hellmann
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Das erste Telefon Burscheids befindet sich in Witzhelden im Familienbesitz von Peter und Sonja Schütt.

Vor 120 Jahren erreichte das erste Fernsprechgerät die Stadt

Von Ursula Hellmann

An der stolzen Geburtstagszahl von 120 fehlen zwar noch wenige Monate – aber seit dem Oktober 1901 sind für Burscheid tatsächlich 120 technisch rasante Entwicklungszyklen rund um das Telefon vorüber gegangen.

Kommunikation über große Distanzen hinweg gab es zwar immer schon, ob mit Rauchzeichen oder Trommelschlägen. Auf der nördlichen Halbkugel waren es dann die abgehackten Dit-dit-dit des Erfinders Morse, die mit Hilfe elektroleitender Kabel ein neues Zeitalter einläuteten. Sie waren eine gute Basis für die nächste Entwicklung zu wörtlich verstehbaren Tönen. Von 1820 bis etwa 1878 dauerte das Kopf-an-Kopf-Wettrennen der Erfinder in ganz Europa in Sachen Fern-Verständigung mit Apparaten. Die einzelnen Schritte von Oerstedt über Faraday, Manzetti und Meucci führten zu dem hessischen Physiker Philipp Reis.

Damit war die Linie der Wissenschaftler noch lange nicht zu Ende. Namen wie Graham Bell und Thomas Alva Edison wurden weltbekannt und hatten Erfolg mit ihren ideenreichen Erfindungen. Zwar nicht ganz so rasant wie die aktuelle digitale Technik, wurden aber aus den – heute belächelten – klobigen Sprechmaschinen elegante, erstaunlich leistungsfähige Verbindungspunkte.

Das neue Medium fand bald auch in die Provinzen und weniger besiedelten Gegenden. Alte Zeitungsberichte des Bergischen Volksboten (BV) bezeugen es mit Tag und Datum: Am 5. Oktober 1901 wurde auf den neu eingerichteten Postämtern Burscheids der Schalter umgelegt – und zwölf stolze Telefonbesitzer konnten ihre bereits vorher angemeldeten Apparate in Betrieb nehmen.

„Hier spricht Friedrich Goetze! Wer ist am andern Ende?“

Eines der ersten Burscheider Telefongespräche

Zwischen den Teilnehmern funktionierte der Kontakt durch ein Nummern-System. Und wer meldete sich unter dem Premium-Anschluss Nummero eins? „Hier spricht Friedrich Goetze! Wer ist am andern Ende?“ Vielleicht sprach aus dem an der Wand angebrachten Mikrofon ein Herr, der an seiner Stimme als Albert Thiel zu erkennen war. Er war unter der Wählnummer drei zu erreichen. Eine zwei verband mit dem Textilunternehmen Rheinische Kaliko-Fabrik Bockhacker, und der vierte Anschluss gehörte zur Firma Urbahn & Kotthaus. Wer den Chef der Dampfziegelei Hilgen sprechen wollte, musste die Fünf auf der Drehscheibe bemühen.

Auch die weiteren sieben ersten Telefonbesitzer gehörten den Unternehmern Burscheids und einigen Honoratioren. Die Kommunalverwaltung belegte die 17. Stelle. Auch in Burscheid ragten immer mehr Telegrafenmasten in die Höhe, und zwischen ihnen zogen kilometerlange Übertragungskabel. Sie waren aus Kupfer – nur mit einer notwendigen Isolation kannte man sich anscheinend noch nicht komplett aus. So konnte es passieren, dass ein hochfliegender Kinderdrachen den Drähten zu nahe kam und auch schon einmal einen ortsweiten Kurzschluss verursachte. Noch unangenehmer waren die Diebe, denen die Kupferstränge ins Auge stachen.

Die möglichst ortsnahen Vermittlungsanlagen wurden auf Kosten der Reichspost installiert. Solche Zentralen gab es in Burscheid-Mitte, Hilgen-Dünweg, Hilgen, Markusmühle, Dabringhausen und Witzhelden, das seinerzeit zum Stadtbezirk Burscheid gehörte. Berechnet wurden den Teilnehmern die geführten Gespräche nach einem Tarif. So kostete die Jahresgebühr für Entfernungen von zwei Kilometern 200 Reichsmark. Reden von größerer Entfernung wurden mit 50 Mark pro Kilometer Luftlinie belegt. Bis in die 60er-Jahre füllten öffentliche Fernsprechhäuschen die Kommunikationslücke für die Nichtbesitzer von Haustelefonen. Noch heute tun diese Fossilien hier und da handylosen Zeitgenossen einen guten Dienst für dringende Notrufe. Wenn auch die Technik alle verschnörkelten Schätzchen im Raketentempo überholt hat – solche Bilder sieht jeder gern.

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