Buß- und Bettag

Zeit für Besinnung – auch ohne Feiertag

Im 16. Jahrhundert hielt es die Obrigkeit für dringend notwendig, landesweite Besinnungstage anzuordnen.
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Im 16. Jahrhundert hielt es die Obrigkeit für dringend notwendig, landesweite Besinnungstage anzuordnen.

Unsere Autorin erzählt, was es mit dem Buß- und Bettag auf sich hat.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Warum hatte die Erstklässlerin Sonja am 16. November 1977 schulfrei? Als die Eltern sie fragten, antwortete sie fröhlich: „Weil doch Busen- und Bett–Tag ist!“ Zum Glück konnte ihr die Familie die korrekten Worte nicht nur vorsagen, sondern auch auf kindgerechte Art erzählen, was es mit diesem spätherbstlichen Feiertag mitten in der Woche auf sich hat.

Auch in Sonjas Kinderzeit gab es wahrscheinlich Erwachsene, die den Feiertag mit dem Doppelnamen zwar als bezahlten Ferientag begrüßten, seine historische Grundlage jedoch keinem Zweiten hätten präzise erklären können. Dabei sind der Anlass und seine Einrichtung als allgemeiner Volksritus im Römischen Reich bekannt und praktiziert worden.

Im 16. Jahrhundert hielt es die politische und kirchliche Obrigkeit für dringend notwendig, landesweite Besinnungstage anzuordnen, um der kompletten Bevölkerung bewusst zu machen: Alle feindlichen Angriffe hinter den deutschen Grenzen standen deutlich im direkten Zusammenhang mit der egoistischen, undankbaren und gedankenlosen Lebensart der eigenen Landsleute.

Der erste landesweite Aufruf dazu erging im Jahr 1532 in Straßburg. Die damaligen Gefahrenpunkte müssen für heutige Verhältnisse nicht unbedingt hervorgeholt werden, da lassen sich je nach Situation durchaus aktuelle Fakten einsetzen.

Buß- und Bettag fiel 1995 aus Feiertagsliste raus

In den verschiedenen Landesteilen Deutschlands gab es unterschiedliche Termine für gemeinsame Buß-Tage. 1878 waren in den 28 deutschen Regionen insgesamt 47 Buß-Tage in unterschiedlichen Daten registriert. Erst 1852 wurde dann für alle der letzte Sonntag im Kirchenjahr erstmalig vorgeschlagen und 1878 von der Eisenacher Konferenz evangelischer Kirchenleitungen für Mitteldeutschland eingeführt. In Preußen wurde dieser Mittwoch im November erst am 12. März 1893 gesetzlich als Feiertag installiert. Das Reichsgesetz über Feiertage legte diesen Tag erst am 27. Februar 1934 als gesetzlichen Feiertag für das gesamte Deutsche Reich fest.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Tag auf einen Sonntag verlegt – damit alle Arbeitskräfte aufgeboten blieben, die zu stabiler Kriegsführung notwendig waren. Nach Kriegsende galt wieder die vorherige Regelung. In der DDR blieb der Buß- und Bettag arbeitsfreier Feiertag, bis er 1967 im Zug der Fünf-Tage-Woche abgeschafft wurde. Zwischen 1952 und 1981 regelten die Bundesländer selbst, ob und wann an diesem Mittwoch gearbeitet wurde oder nicht. Ab 1981 hieß es wieder: Gesetzlicher Feiertag in der BRD und ab 1990 im vereinten Bundesgebiet.

Vier Jahre freute sich jeder Schüler und Arbeitnehmer über den freien Mittwoch. 1995 fiel er aus der Feiertagsliste wieder heraus. Grund: Die Kosten der neu eingerichteten Pflegeversicherung wurden neu verteilt.

Wie denken zum Beispiel in diesen Tagen Burscheider Bürger über den gar nicht mehr existierenden Feiertag? Alicia Goreywoda, gebürtig in Oberschlesien, wohnt seit 16 Jahren in Burscheid. Sie erinnert sich kaum noch an die Zeit, als Buß- und Bettag Feiertag war. Sie hält aber grundsätzlich besinnliche Gedenktage für sehr angebracht. Hans-Peter Hermann vermisst diesen Mittwoch im November keinesfalls. Als arbeitsfreien Zwischenstopp hat er ihn gerne genutzt, aber ohne persönlichen Bezug zu dem gedachten ursprünglichen Zweck.

Was als landes-, bzw. bevölkerungsweite Arbeitspause zum Zwecke der Rückbesinnung und Schuldanerkenntnis gedacht war, hat politisch, wirtschaftlich und beziehungstechnisch leider nur kurzzeitigen Erfolg gebracht. Dies war vor 4500 Jahren bei einem ähnlichen Versuch mit einem Bezirk von vier Großstädten im vorderen Orient ebenso der Fall, wie es heute passieren könnte.

40 Tage ging ein landesweiter öffentlicher Aufruf durch die damaligen Medien. Das Verhalten und die politischen Umstände sollten von Grund auf wieder auf eine gute Rechtsbasis gestellt werden. Die Herrschenden und ihre Untertanen waren tatsächlich einsichtig und vermieden damit eine Katastrophe, die 120 000 Tote gekostet hätte. Es folgte für alle eine neue Blüte des Königreichs. Leider hielt diese friedliche Zeit nur etwa 100 Jahre an, bis alle guten Vorsätze wieder vergessen waren.

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