Burscheid

Landrat: „Wir wollen eine führende Rolle spielen“

Stephan Santelmann, seit 2017 Landrat im Rheinisch-Bergischen Kreis. Archivfoto: Michael Schütz
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Stephan Santelmann, seit 2017 Landrat im Rheinisch-Bergischen Kreis.

Landrat Stephan Santelmann will im Kreis mit Wasserstofftechnologie Klimaziele erreichen.

Von Stephan Eppinger 

Welche Bedeutung hat das Thema Wasserstoff für den Rheinisch-Bergischen Kreis?

Stephan Santelmann: Die Nutzung der Wasserstofftechnologie hat eine herausragende Bedeutung für den Rheinisch-Bergischen Kreis. Wir möchten in diesem Feld eine führende Rolle spielen - darin sind sich Politik und Verwaltung einig. In der innovativen Technik sehen wir einen wesentlichen Baustein auf dem Weg zur Erreichung unserer ambitionierten Klimaziele, da der Verkehrssektor einen wesentlichen Anteil am CO2-Ausstoß hat. Durch den Kauf der ersten 15 Brennstoffzellenbusse durch die RVK haben wir den Startschuss zu einer emissionsfreien Mobilität gegeben. Zudem hat der Kreistag die Beschaffung weiterer 36 Wasserstoffbusse in den kommenden Jahren beschlossen. Damit wird die Flotte unseres Verkehrsunternehmens im Rheinisch-Bergischen Kreis bald emissionsfrei fahren. Beim Einsatz von Wasserstoff im ÖPNV sind wir bereits Vorreiter und wir haben dadurch die Weichen für die Wende von fossilen Brennstoffen hin zu umweltfreundlichen Alternativen gestellt. Unser Ziel ist ein leistungsstarker ÖPNV, der emissionsfrei ist. Einen ersten wichtigen Schritt dahin haben wir bereits getan. Seit Anfang des Jahres fahren die ersten Wasserstoffbusse zwischen Bergisch Gladbach und dem Flughafen Köln/Bonn. Wir wollen zudem weitere Potenziale heben. Dabei stehen besonders leichte und schwere Nutzfahrzeuge im Fokus. Aus diesem Grund hat sich der Abfallwirtschaftsbetrieb der Stadt Bergisch Gladbach in das Feinkonzept zur „Wasserstoffmodellregion Rheinland“ eingebracht. Wir wollen Unternehmen mit großen Nutzfahrzeugflotten für diese umweltfreundliche und zukunftsträchtige Technologie begeistern. Bei der Erzeugung von Wasserstoff ist der Bergische Abfallwirtschaftsverband übrigens schon an Bord und denkt über die Herstellung von Wasserstoff aus Methangas nach.

Wo können Fahrzeuge und Geräte, die mit Wasserstoff betrieben werden, eingesetzt werden – mittel- und langfristig?

Santelmann: Da gibt es vielfältige Einsatzmöglichkeiten und es eröffnet sich ein so großes Potenzial, um Emissionen zu reduzieren. Wie schon angesprochen, eignet sich Wasserstoff hervorragend im ÖPNV sowie für leichte und schwere Nutzfahrzeuge, beispielsweise Auslieferfahrzeuge des Handels. In der Logistik können unter anderem Gabelstapler mit Wasserstoff angetrieben werden, was auch für kommunale Fahrzeuge der Abfallwirtschaftsbetriebe und der Bauhöfe gilt. Wasserstoff kann ebenfalls Güterzüge und Güterschiffe antreiben. Entscheidend ist ein flächendeckendes Tankstellennetz.

Wie sieht es mit der Infrastruktur im Kreisgebiet aus: Wo gibt es bereits Wasserstoff-Tankstellen und wo sind künftig weitere geplant?

Santelmann: Wir haben vor kurzem die Wasserstoff-Tankstelle auf dem Betriebshof der RVK in Wermelskirchen eingeweiht. Dort erhalten die Busse unseres Unternehmens ihren emissionsfreien Treibstoff. Wir denken aber noch weiter. Perspektivisch könnten dort Pkw betankt werden, wenn die notwendige Technik zur Verfügung steht. Die zweite Tankstelle wird als Grüner Mobilhof in Bergisch Gladbach entstehen, der direkt an der Autobahn 4 liegt. Der neue Betriebshof der RVK soll emissionsfrei betrieben werden. Das Verkehrsunternehmen des Oberbergischen Kreises, die OVAG, hat bereits Interesse angemeldet, zukünftig ihre H2-Busse dort aufzutanken. Der Grüne Mobilhof ist ebenfalls ein idealer Standort, um kommunale Nutzfahrzeuge mit Wasserstoff zu versorgen. Wir kooperieren eng über kommunale Grenzen und Zuständigkeiten, um gemeinsam in eine möglichst emissionsfreie Mobilität aufzubrechen.

„Es wird nicht an Kreisgrenzen Halt gemacht.“

Was muss dafür getan werden, um Wasserstoff klimaneutral zu produzieren?

Santelmann: Unser Ziel ist es, grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu nutzen. Das ist klimaneutraler Wasserstoff. In anderen Teilen Deutschlands wird der grüne Wasserstoff aus Windkraft generiert. Dieses Potenzial gibt es im Rheinisch-Bergischen Kreis leider nicht. Deshalb müssen wir derzeit noch auf den grauen Wasserstoff setzen, der beispielsweise aus fossilen Energieträgern gewonnen wird. Dieser Wasserstoff entsteht als Nebenprodukt der chemischen Industrie im Linksrheinischen und wird für Brennstoffzellenfahrzeuge auch bei uns eingesetzt. Damit nutzen wir regionale Ressourcen. Natürlich ist es unser Ziel, Biogas, Methangas, Wasserkraft oder Strom aus großflächigen Photovoltaikanlagen, also erneuerbare Energien, zur Produktion von Wasserstoff einzusetzen. Wenn es uns gelingt, aus diesen Quellen den Wasserstoff herzustellen, wird der Wasserstoff, den wir einsetzen, ebenfalls klimaneutral sein. Hier stehen wir aber noch am Anfang.

Wie wichtig ist die Kooperation beim Thema mit anderen Kreisen und Kommunen in der Region?

Santelmann: Das ist entscheidend, denn es wird nicht an Kreis- oder Zuständigkeitsgrenzen Halt gemacht. Nur gemeinsam können wir bei der breiten Nutzung von Wasserstoff erfolgreich sein. Den Bergischen Abfallwirtschaftsverband habe ich als Partner schon genannt, ebenso arbeiten die OVAG und der Wupperverband in diesem Technologiefeld mit. Die AVEA in Leverkusen hat durch den Kreistag den Auftrag erhalten zu prüfen, ob der im Müllheizkraftwerk produzierte Strom in Wasserstoff umgewandelt werden kann. Dann könnten auch Busse der Wupsi in Leverkusen betankt werden. Vorbild sind die Wuppertaler Stadtwerke, die diesen Weg bereits gehen.

Welche Bedeutung hätte die im Wettbewerb angestrebte Modellregion Wasserstoff für den Rheinisch-Bergischen Kreis?

Santelmann: Ganz unabhängig vom Ausgang des Wettbewerbs ist die Teilnahme schon jetzt ein Erfolg. Die Akteure in der Region, und zwar auf der rechten und der linken Rheinseite, haben sich noch besser kennengelernt und weiter vernetzt. Wir sind uns mit unseren kommunalen Partnern, den Städten Brühl, Hürth, Köln, Wesseling sowie dem Rhein-Sieg-Kreis, in der Modellregion absolut einig, dass wir das Thema der Wasserstofferzeugung und -nutzung in jedem Fall weiter betreiben werden. Die intensive Vernetzung, die jetzt begonnen hat, werden wir fortsetzen, um in diesem wichtigen Zukunftsfeld gemeinsam weiter zu agieren. Schon jetzt steht fest, dass zwei Wasserstoffzentren entstehen - und zwar sowohl linksrheinisch in Hürth, als auch rechtsrheinisch. Ich setzte mich stark dafür ein, dass dieser Standort im Rheinisch-Bergischen Kreis sein wird. In den Wasserstoffzentren sollen Ansprechpartner vor Ort sein, die informieren und die Akteure aus Wirtschaft und öffentlicher Hand zusammenbringen, um Projekte der emissionsfreien Mobilität umzusetzen. Aber natürlich wollen wir als Modellregion Rheinland diesen Wettbewerb gewinnen. Denn dann haben wir einen priorisierten Zugang zu den Fördergeldern, die Bund und Land jetzt schon verteilen und in Zukunft noch verteilen werden.

Wie kann die Politik die Entwicklung der neuen Technologie unterstützen?

Santelmann: Wir arbeiten mit der Kreispolitik eng zusammen und benötigen deren Expertise und Weichenstellung. Das gilt für den ÖPNV wie auch für den Aufbau eines Wasserstoffzentrums. Für die Einrichtung des Wasserstoffzentrums Bergisches Land brauchen wir finanzielle Mittel, denn hier ist Fachkompetenz gefragt, die nur durch Fachleute vor Ort gewährleistet werden kann. Das Potenzial des Wasserstoffs beim Einsatz von leichten und schweren Fahrzeugen ist im Feinkonzept dargelegt. Für die Umsetzung braucht es den politischen Willen im Kreis und in den Kommunen, zum Beispiel beginnend mit Pilotvorhaben, diese Technik bei den kommunalen Nutzfahrzeugen einzusetzen und Erfahrungen zu sammeln. Die Kreispolitik kann hier in einem ersten Schritt Studien zu Potenzialen und zur Wirtschaftlichkeit in Auftrag geben. Die Politik ist der entscheidende Partner für uns, denn es bedarf den Mut und die Unterstützung, damit wir handeln können.

„Für die Umsetzung braucht es den politischen Willen im Kreis und in den Kommunen.“

Wie sehen Sie die Chancen, dass Wasserstoff auch von Privatleuten in ihren Pkw genutzt werden kann?

Santelmann: Derzeit bieten die Autohersteller im In- und Ausland nur wenige Modelle mit Wasserstoff-Antriebstechnik an. Dies schränkt die Auswahl für die Privatpersonen extrem ein. Zurzeit fehlen aber auch noch Tankstellen, an denen Privatfahrzeuge betankt werden können, derzeit das in unserer Region nur am Flughafen Köln/Bonn möglich. Es muss ein besseres Angebot entstehen. Dies wird aber noch Zeit benötigen. Wir wollen mit unseren Angeboten im Kommunalen ein Vorbild für die Bürgerinnen und Bürger in unserer Modellregion werden, damit die Technik bekannter wird.

Wie unterstützt die Technologie das Bestreben, die Klimaziele zu erreichen?

Santelmann: 2013 hat der Kreistag das Integrierte Klimaschutzkonzept für den Rheinisch-Bergischen Kreis beschlossen, verbunden mit dem Willen, das Konzept konsequent umzusetzen. Die Wasserstofftechnologie ist ein entscheidender Faktor, um unsere ambitionierten Klimaziele zu erreichen. In einem Wasserstofffahrzeug sind viel weniger Batterien verbaut als in einem reinen Elektrofahrzeug, wo der gesamte Boden mit Batterien ausgestattet ist. Für die Batterien werden seltene Rohstoffe benötigt, die auf der gesamten Welt gewonnen und zu den Herstellerfabriken transportiert werden müssen. Der weltweite CO2-Abdruck ist immens. Und so müssen wir auch denken. Wasserstoff erzeugt derzeit schon lokal Null Emissionen – schließlich verdampft nur Wasser, global dann auch, wenn er aus erneuerbaren Energien gewonnen wird.

Wie wird der künftige Mix der Technologien aussehen, sprich Elektro, Hybrid und Wasserstoff?

Santelmann: Es muss immer die Technologie zum Einsatz kommen, die für den jeweiligen Einsatz am besten geeignet ist. Wir leben in einer topographisch anspruchsvollen Region. Aufgrund der hohen Reichweite von bis zu 350 Kilometern ist daher der Einsatz von Wasserstoffbussen im ÖPNV im Rheinisch-Bergischen Kreis sinnvoll. Auch bei Nutzfahrzeugen ist der Wasserstoffantrieb derzeit die bevorzugte Technik, da diese mehr Leistung auf die Straße bringt. Ein elektrisch betriebener Lastwagen kommt voll beladen einen steilen Berg gar nicht hoch. Ein kleinerer Gabelstapler könnte hingegen elektrisch betrieben werden. Es kommt darauf an, die verschiedenen Möglichkeiten sinnvoll einzusetzen.

Hintergrund

Zur Person: Stephan Santelmann ist gebürtiger Hamburger und lebt heute mit seiner Familie in Köln-Porz. 2017 wurde er Landrat im Rheinisch-Bergischen Kreis. Vor seiner Wahl zum Landrat war Santelmann 14 Jahre lang als Leiter des Amtes für Soziales und Senioren bei der Stadt Köln tätig.

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