Im Gespräch

Maryo Fietz: „Wir sind gut durch die Krise gekommen“

Maryo Fietz spricht in unserem Interview über die Situation seines Unternehmens in der Krise und sagt: „Insgesamt haben wir Glück gehabt“. Foto: Fietz
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Maryo Fietz spricht in unserem Interview über die Situation seines Unternehmens in der Krise und sagt: „Insgesamt haben wir Glück gehabt“.

Maryo Fietz von Fietz Kunststofftechnik blickt trotz vieler Widrigkeiten auf dem Weltmarkt optimistisch in die Zukunft.

Von Stephan Eppinger

Wie ist aktuell die Situation bei Ihnen im Unternehmen?

Maryo Fietz: Im Dezember hatten wir einen regelrechten Boom – die Nachfrage nach unseren Produkten ist deutlich angestiegen. Das hat bis in den März hinein so angehalten. Da waren wir mit unserer Belegschaft ziemlich gefordert, um entsprechend produzieren zu können. Danach sind die Rohstoffpreise massiv angestiegen und es gab auch eine Verknappung bei den Rohstoffen. Die Blockade durch einen Frachter im Suezkanal hat zudem unsere Lieferkette unterbrochen und wir mussten die Waren, die wir für die Produktion benötigen, aus Asien einfliegen lassen. Das war schwierig, weil es nicht ausreichend Kapazitäten bei der Luftfracht gab und das Einfliegen die Kosten deutlich hat ansteigen lassen. Wir haben daraufhin unsere Order erhöht und versucht, so viele Rohstoffe wie möglich auf Lager zu haben. Allerdings kam nicht alles, was wir bestellt haben. Bei den steigenden Preisen mussten wir auch mit unseren Kunden verhandeln, was sich gerade in der Automobilbranche als schwierig erwiesen hat. Insgesamt arbeiten wir aber trotzdem unter Volllast und suchen aktiv neue Mitarbeiter.

Welche Rohstoffe fehlen und warum ist das so?

Fietz: Bei uns fehlen Kunststoffgranulate. In Texas musste ein wichtiges Werk in diesem Bereich eine zweimonatige Produktionspause einlegen, in Japan ist ein Werk abgebrannt und in Italien wurde ein Werk geschlossen. Dazu kommt die Pandemiesituation in Indien, die Lieferzeiten verlängert. Das hatte Auswirkungen auf die Produktionsmengen und damit auch auf die Rohstoffpreise. Die internationale Marktwirtschaft ist aber so aufgestellt, dass knappe Güter und steigende Preise eine Motivation darstellen, mehr Waren zu produzieren. Ich gehe davon aus, dass im dritten und vierten Quartal 2021 wieder mehr Mengen auf dem Weltmarkt zur Verfügung stehen werden und das sich nach und nach alles wieder einpendeln wird. Wir selbst haben bei der Produktion aktuell keine Probleme und sind so gut ausgelastet, dass wir die Kapazitäten erweitern können.

Wo passiert das gerade?

Fietz: Gerade planen wir in Radevormwald eine neue Halle, die im kommenden Jahr gebaut wird. Das wird eine hochmoderne größere Lagerhalle sein, das bisherige Lager nutzen wird dann für die Produktion. Dort hat es Platz für bis zu 20 zusätzliche Maschinen. Zur Ausstattung gehört unter anderem eine spezielle Fußbodenheizung, die wir mit Abwärme für uns kostenfrei betreiben, und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.

„Im Sommer wird der Druck etwas nachlassen.“

Wie fällt der Ausblick auf den Sommer aus?

Fietz: Der Druck wird etwas nachlassen. Mit Ford kann ein Kunde derzeit nur sehr eingeschränkt produzieren, weil ihm Komponenten fehlen. Das wirkt sich auch auf uns aus. Wir produzieren aber weiter und lagern die Produkte dann entsprechend ein. Wichtig ist es im Moment, bei den Rohstoffen geschickt zu disponieren. Bei den Mitarbeitern wächst nach einem halben Jahr die Vorfreude auf den Urlaub. So werden wir im Sommer die Produktion entsprechend etwas runterfahren, was auch bei unseren Kunden der Fall ist.

Wie groß ist die Sorge bei Ihnen, dass mit den Urlaubsrückkehrern auch Mutationen des Coronavirus eingeschleppt werden?

Fietz: Die Sorgen sind bei fortschreitenden Impfungen eher gering. Unser Betriebsarzt wird ab der kommenden Woche Impfangebote für unsere Mitarbeiter machen. Wir wissen allerdings noch nicht, wie viele Impfdosen wir bekommen werden. Die Termine werden deshalb zunächst unter den Mitarbeitern verlost. Wir werden aber auf jeden Fall versuchen, alle Impfwilligen im Unternehmen auch zu impfen. Außerdem haben wir ein gut funktionierendes Hygienekonzept. Zweimal in der Woche gibt es für jeden Mitarbeiter eine Testmöglichkeit. Dazu kommen Handschuhe, Masken, Desinfektionsmittel und klar definierte Abstandsregeln bei der Arbeit. Wir hatten auch Schichten auseinandergezogen und Teams an zwei Standorte räumlich getrennt. Bei den Schichten können wir die Maßnahmen durch die niedrige Inzidenz inzwischen schon wieder zurückfahren. Was das Testen angeht, bedeutet das für uns finanziell und personell einen ziemlich hohen Aufwand. Insgesamt haben wir bei der Pandemie Glück gehabt. Es gab positive Fälle, die haben sich aber nicht bei der Arbeit angesteckt, sondern das Virus von zu Hause mitgebracht.

Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Fietz: Die Belastung war sehr hoch, aber trotzdem ist die Stimmung gut. Wir konnten komplett auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten und sind insgesamt gut durch die Krise gekommen.

Wie ist die Perspektive für das zweite Halbjahr?

Fietz: Die Perspektive hängt von zwei Dingen ab: Das ist die Situation bei den Kunden und das ist die Situation beim Material. Der aktuelle Boom wird von Asien und den USA getragen, während in Europa die Wirtschaft noch nicht in allen Ländern wieder voll angelaufen ist. Wenn das der Fall sein wird, können wir einen weiteren Boom für unser Unternehmen erwarten.

Wie wichtig sind die ökologischen Projekte für Sie?

Fietz: Am 25. Mai ist unsere Photovoltaikanlage in Betrieb gegangen, mit der wir tagsüber 60 Prozent unseres Strombedarfs decken können. Das ist bei steigenden Stromkosten ein klarer Vorteil für uns. In der gesamten Gruppe verbrauchen wir im Monat Strom für 70 000 Euro. Das versuchen wir jetzt zu reduzieren. Es gibt Pläne, auch weitere Gebäude mit so einer Anlage auszustatten.

Was macht Ihnen derzeit Sorgen und was Hoffnung?

Fietz: Hoffnung macht mir ein von uns entwickelter neuer Kunststoff für Hochleistungsdichtungen. Die Markteinführung war sehr erfolgreich und bringt Aussichten, einen komplett neuen Geschäftsbereich für die Zukunft zu schaffen. Zu unseren Risiken zählt der Fachkräftemangel. Den können wir nicht mehr aus der eigenen Bevölkerung decken, so dass hier gut Einwanderungskonzepte gefragt sind. Was mir bei der Weltwirtschaft Sorgen macht, ist, dass Europa sich von Asien und den USA immer mehr abhängen lässt. Das fehlt es einfach an Dynamik. In Deutschland ist gerade der Mittelstand sehr innovativ unterwegs, was aber nicht wirklich honoriert wird. Stattdessen hat man immer wieder mit Bürokratie und neuen Auflagen zu kämpfen.

Hintergrund

Fietz-Gruppe: Die Fietz-Gruppe ist ein Firmenverbund aus vier Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie mit Standorten in Burscheid und Rade. Sie besteht aus: Fietz GmbH, Fietz Automotive GmbH, Fietz Thermoplast GmbH, Fietz Polychromos GmbH.

Gründung: Gegründet wurde das Unternehmen, wie es auf der Homepage heißt, von Manfred Fietz „ganz klassisch in der Garage“. 1977 bezog man erste eigene Räume, 1985 ging es an den heutigen Standort in Burscheid an der Industriestraße.

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