Jugendhilfe

„Wir sehen oft nur die Spitze des Eisbergs“

Erika Gewehr kennt den Jugendhilfeausschuss seit vielen Jahren. Archivfoto:AnjaWollschlaeger
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Erika Gewehr kennt den Jugendhilfeausschuss seit vielen Jahren. Archivfoto:AnjaWollschlaeger

Burscheid. Vor rund einem Jahr übernahm mit Erika Gewehr (CDU) eine Burscheiderin den Vorsitz des Kreis-Jugendhilfeausschusses.

Das Gespräch führte Nadja Lehmann

Frau Gewehr, seit rund einem Jahr sind Sie nun die Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses.

Erika Gewehr: Ja, und eine solche Situation und solche Bedingungen wie jetzt in der Pandemie, hat es noch nie gegeben. Die Sitzungen sind eine besondere Herausforderung, weil alle Augen auf einen gerichtet sind. Die Kameras stehen im Theatersaal des Bergischen Löwen in Bergisch Gladbach direkt vor mir, hinter mir ist eine Großleinwand, auf die Verwaltungsmitarbeitende und Ausschussmitglieder geschaltet werden können. Unten im Theaterraum stehen die Monitore, auf denen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu sehen sind. Links von mir sitzt Dezernent Markus Fischer. Oben auf der Empore sind Zuhörerschaft und Medienvertreter.

„Hybrid“ nennt man diese Form der Ausschusssitzung, die Corona hervorgebracht hat . . .

Gewehr: Man steht schon unter besonderem Druck. Meine erste Sitzung als Vorsitzende war noch in Präsenz. Und dann musste ich mich wirklich umstellen. Ich hatte beispielsweise noch nie ein Zoom-Meeting gemacht. Es war ein Einstieg in die digitale Welt. Wir haben auf den Sitzungen immer einen Techniker vor Ort, der gegebenenfalls helfen kann.

Sie kennen den Jugendhilfeausschuss ja sehr gut. Es ist „Ihr“ Ausschuss, dem Sie seit vielen Jahren angehören . . .

Gewehr: Ich bin seit ewigen Zeiten im Ausschuss. Aber ich habe festgestellt, dass es ein großer Unterschied ist, wenn man auf der anderen Seite sitzt. Der Jugendhilfeausschuss ist der größte Ausschuss, er hat rund 40 Mitglieder. Und da sitzen ja nicht nur Kommunalpolitiker, sondern alle diejenigen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Verbände. Kirchen. Vereine. Träger. Das Jugendamt besteht aus der Verwaltung und dem Ausschuss. Und diese Aufgabe hat der Kreis für drei Kommunen übernommen: für Burscheid, Odenthal und Kürten. Hinzu kommt: Man darf nicht vergessen, wie schwer diese Zeit für viele Eltern ist. Gruppen waren geschlossen; Kinder wurden nicht betreut. Jetzt wird zudem der Fachkräftemangel sichtbar, wenn Betreuungspersonen ausfallen und fehlen. Das ist ein Desaster, und diese Nöte und Engpässe muss man berücksichtigen. Und in jeder Kommune sehen die anders aus.

Es geht um Kinder und deren Wohl. Da darf uns nichts zu teuer sein.

Erika Gewehr

Deswegen ist die Rückkoppelung an die Kommune wohl auch besonders wichtig?

Gewehr: Ja. Für Burscheid ist das Verwaltungschef Dirk Runge. Er gehört dem Ausschuss an. Beratendes Mitglied ist außerdem Thomas Kaps vom Bündnis für Burscheid.

Wie gestalten Sie als Vorsitzende die Ausschussarbeit?

Gewehr: Man spricht viel miteinander. Wir arbeiten zielorientiert; es geht uns um die Sache. Wir sind uns der Wichtigkeit unserer Aufgabe bewusst. Es geht nicht um Parteienpolitik, sondern um das Wohl von Kindern und Jugendlichen. Für mich ist es ganz selbstverständlich, dass ich im Vorfeld mit dem politischen Gegner telefoniere, dass ich alle ins Boot hole. Zum Beispiel auch bei Dringlichkeitsbeschlüssen.

Von denen es 2021 ja mehr gab als sonst. Nicht nur im Jugendhilfeausschuss.

Gewehr: Corona hat unsere Arbeit geprägt, aber auch das Starkregenereignis. Wir mussten vieles sehr rasch beschließen. Da gab es Jugendverbände, die Freizeiten organisiert und gebucht hatten, und die dann auf den Stornokosten sitzenblieben. Nachdem die Betreuung in Kindertagesstätten und Offenen Ganztags-Grundschulen coronabedingt nur sehr eingeschränkt möglich war, wurde auf Elternbeiträge verzichtet. Viele Eltern mussten privat etwas organisieren. In Odenthal ist der Kindergarten „Kobolde“ regelrecht abgesoffen und durfte bei der „Rasselbande“ an der Pastor-Löh-Straße unterschlüpfen. Man dachte zunächst, man werde noch im Sommer fertig, aber der Schaden ist sehr viel größer. Als die Rasselbande aus den Ferien heimkehrte, zogen die Kobolde neben dem Schulzentrum Odenthal in Module. Da entstehen Kosten, die sehr hoch sind. Aber unumgänglich.

Dennoch blicken Sie im Ausschuss in die Zukunft, treiben Pläne voran.

Gewehr: Ja, beispielsweise für die Gute Hand in Kürten. Und für den neuen Kita-Bau in Sträßchen sind die Planungen abgeschlossen. Das ist ein ganz hervorragendes Konzept. Die Anlage soll bunt und freundlich werden; ich freue mich schon sehr darauf. Derzeit geht es darum, dort ein künftig drohendes Verkehrschaos zu verhindern. Denn Sträßchen liegt so außerhalb, dass die meisten Kinder gebracht und abgeholt werden müssen.

Wie sieht es mit der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus? Das ist gerade jetzt in Corona-Zeiten ein großes Thema.

Gewehr: Und eines, weshalb man nachts manchmal nicht schlafen kann. Die sexuelle Gewalt ist angestiegen. Viele Kontrollmöglichkeiten sind einfach weggebrochen; Kitas und Schulen waren geschlossen. Das hat wohl wie ein Freifahrschein gewirkt. Wir orientieren uns am neuen Kinder- und Jugendstärkungsgesetz, das auf frühe Hilfen zur Erziehung und auf präventive Maßnahmen setzt. Früher hat es einen ehrenamtlichen Besuchsdienst von der Caritas gegeben. Jetzt wird im Jugendamt eine Stelle dafür eingerichtet. Man kommt mit den Eltern in Kontakt, kann Hilfe anbieten, gucken, ob die Eltern überfordert oder unsicher sind – was ja oft bei jungen Eltern der Fall ist. Diese frühen Maßnahmen wollen wir ausbauen. Man soll nicht glauben, dass es Gewalt nur in den Großstädten gibt. Sie ist auch hier, bei uns, und wir dürfen sie nicht aus dem Blick verlieren.

Ist auch die Zahl der Inobhutnahmen gestiegen?

Gewehr: Leider ja. Und diese Einzelmaßnahmen sind wahnsinnig teuer. Aber es geht um Kinder und deren Wohl, und da darf uns nichts zu teuer sein. Das aktuelle Budget wurde auf 21,3 Millionen Euro erhöht.

Macht es Ihnen denn noch Freude?

Gewehr: Das tut es. Ich sehe immer wieder das Bild mit den Maschen vor mir, dieses Netz, durch das niemand fallen darf. Aber uns ist bewusst, dass wir oftmals nur die Spitze des Eisbergs sehen. Oft fragen wir uns: Was übersehen wir? Das geht nicht mit halber Kraft. Ich will mich ganz auf meine Aufgabe konzentrieren. Deshalb habe ich die Rolle als Sprecherin des Zukunftsausschusses abgegeben. Es wurde auch immer technischer, und es tut nicht gut, wenn man sich in so großem Umfang einarbeiten und informieren muss, um alles verstehen zu können. Ganz nebenbei bin ich ja auch immer noch berufstätig. Was mich sehr freut: Die Elternvertreterin im Elternbeirat kommt aus Burscheid. Esterina Bernhardt ist jung, Mutter von drei Kindern – und deshalb ganz dicht an den Themen dran, mit denen wir uns beschäftigen. Zudem ist es wichtig, die Jüngeren einzubinden und ihnen später auch Platz zu machen.

Zur Person

Erika Gewehr ist gebürtige Burscheiderin, verheiratet und hat zwei Kinder. Sie arbeitet als Endoskopieassistentin. Sie ist 1. stellvertretende Kreisvorsitzende, seit 2004 sitzt sie im Kreistag. Sie ist Vorsitzende des CDU-Ortsverbands.

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