Vom Borkenkäfer bis zum Besucherandrang während Corona

„Wir müssen den Wald neu erfinden“

Von Langenfeld bis Burscheid reicht das Revier von Karl Zimmermann, der hier den Eifgenhöhenweg inspiziert. Fotos: Nadja Lehmann
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Von Langenfeld bis Burscheid reicht das Revier von Karl Zimmermann, der hier den Eifgenhöhenweg inspiziert.

Karl Zimmermann von Wald und Holz NRW betreut das Burscheider Revier.

Von Nadja Lehmann

Idylle pur. Das Forsthaus mitten im Wald, alles so nah gelegen, dass für Rundgänge im Revier das Fahrrad hervorragende Dienste leistete. „So war das in meinem Praktikumsjahr“, erinnert sich Karl Zimmermann an diese prägende Zeit in Paderborn.

Diesen rund 80 Jahre alten Bäumen hat der Borkenkäfer den Garaus gemacht.

Mittlerweile ist er seit mehr als 30 Jahren Förster. Statt auf dem Fahrrad durchs Revier zu streifen, sitzt Zimmermann überwiegend im Auto. Denn er betreut für den Landesbetrieb Wald und Holz NRW Leverkusen, Leichlingen, Langenfeld und Monheim. Runde 1600 Hektar, sagt er. Mit ungefähr 500 Hektar ist nun sogar noch Burscheid dazugekommen: Zimmermann ist dort für einen längerfristig erkrankten Kollegen eingesprungen. Die einstige Idylle ist weit weg. In Zimmermanns Kalender stehen dicht gedrängt die Termine, und während er auf dem Eifgenhöhenweg steht, klingelt das Diensthandy beharrlich.

Wer sein Auto auf dem Wanderparkplatz in Bellinghausen abstellt, um im dortigen Wald tief durchzuatmen, der erkennt auch als Laie schnell, dass die Idylle Risse bekommen hat. Ganze Abhänge sind kahl geschlagen. Bäume liegen links und rechts am Wegesrand aufgestapelt. Wo zuvor die Blätter gerauscht und die Bäume den Boden in schattiges Halbdunkel getaucht hatten, sind nun offene Lichtungen entstanden. Kurz hinter der vielbefahrenen B 51 wird sichtbar, wie schlecht es dem Wald geht. Welchen Tribut er Dürre und Trockenheit vergangener Jahre zahlen musste. Ein geschwächter angeschlagener Wald, dem der Borkenkäfer den Todesstoß versetzte. Vor allem den Fichten.

„Wir alle wollen nicht im Bett unserer Urgroßmutter schlafen und wollen mal eine neue Küche haben.“

Karl Zimmermann
Rinde und Nadeln sind grau und tot: Diese Fichte haben die trockenen Sommer zu viel Kraft gekostet und anfällig für den Käferbefall gemacht.

Karl Zimmermann deutet den Abhang hinauf. Da steht eine. Stamm und Nadeln sind vertrocknet und grau. „Drei Dürresommer sind einfach zu viel“, sagt Zimmermann. Zumal an dieser Stelle, die ohnehin schon trocken und sonnig sei. Doch direkt neben der abgestorbenen Fichte wedelt ein anderer Baum mit grünen Nadeln. Eine so genannte nordamerikanische Küstentanne, die die Sommer gut überstanden hat. „Ein Hoffnungsschimmer“, sagt Zimmermann. „Sie könnte vielleicht zum Ersatz für die Fichte werden.“ Denn aus Eiche und Buche ließen sich keine Dachstühle bauen, macht der Förster deutlich: Starkes Holz wie das der Fichte werde gebraucht – als Ausgangsstoff für Papier- und Zellstoffindustrie sowie als Bauholz. „Wir alle wollen nicht im Bett unserer Urgroßmutter schlafen und wollen mal eine neue Küche haben“, sagt Zimmermann.

Auch wenn er durchaus Sympathien für Bestseller-Autor und Eifel-Förster Peter Wohlleben anklingen lässt, der die Wälder mehrheitlich sich selbst überlassen möchte, so geht Karl Zimmermann doch einen anderen Weg. „Ich möchte weiterhin einen Wald bewirtschaften und mit Holz arbeiten“, betont er. Er wolle nicht bei Putin oder Bolsonaro auf der Suche nach Holz vorstellig werden: „Auch im Computerzeitalter brauchen wir Papier. Wir wollen Bücher lesen und uns neue Möbel kaufen.“

Wohllebens Visionen sind für ihn nicht realistisch. Zumal im dicht besiedelten NRW, zumal im Bergischen in Schlagweite der Großstädte Köln und Düsseldorf und dem Ruhrgebiet, wo der Wald auch als betretbarer Naherholungsraum gebraucht wird.

Inseln aber, die er sich selbst überlässt, hat auch Zimmermann in seinem Revier. Er zeigt die Steilhänge, die schwindelerregend zum Eifgen hinabfallen: „Die lassen sich ohnehin nicht gut bewirtschaften.“ Da lässt es auch Karl Zimmermann ohne menschliches Zutun wachsen und sich entwickeln.

Die Dürresommer sind ihm ein klares Indiz für den Klimawandel. Daran lässt der Forstexperte keinen Zweifel. „Ein Vorbote“, sagt er. Ebenso wie der ausbleibende Frost im Winter 2020. „Darin speichert sich Wasser“, erklärt er. Eine Feuchtigkeit, die dann im Frühjahr gefehlt habe. „Jetzt ist die Zeit, in der die Bäume das meiste Wasser brauchen. Sie wachsen und bilden neues Holz. Im Sommer können sie ihren Verbrauch drosseln. Im Frühjahr ist das nicht möglich.“

Zimmermann geht ein paar Schritte weiter und zeigt auf eine Kiefer. Eine Alternative zur Fichte? „Meint man zunächst, weil die Kiefer auf Sandboden gut zurechtkommt, wie in Brandenburg, wo sie der dominierende Baum ist“, sagt Zimmermann. Doch im bergischen Exil hat sich die Kiefer auf die früher üblichen Wassermengen eingestellt. „Aber die kommen nicht mehr“, sagt Zimmermann. Auch sei die Kiefer nicht so ertragreich wie die Fichte, ihr Holz nicht so wertvoll.

Eschen und Ulmen würde Zimmermann gern ansiedeln. Aber: „Seit 100 Jahren beobachten wir das große Ulmensterben, seit zehn Jahren das Eschensterben.“ Beide Arten seien extrem anfällig für Pilzbefall. Birken dagegen siedelten sich, weil ihre kleinen Samen weit flögen, von allein an: „Ein etwas langweiliges Holz“, findet Zimmermann. „Es wird in Skandinavien gerne für Vertäfelungen genommen.“

Also Bäume aus dem Ausland? Exoten, die mit dem wärmeren Klima zurecht kommen? „Ökologen sind skeptisch“, sagt Zimmermann. Motto: In den deutschen Wald gehört die deutsche Eiche. Dann könne er nur erwidern: „Macht mir das Klima passend!“

Zimmermann hat keine Scheu vor den „Ausländern“, wie der amerikanischen Eiche. Aber: „Auf unserer Eiche leben 200 Insektenarten. Auf der amerikanischen nur fünf.“ Deshalb auch lässt Zimmermann im Burscheider Revier viele tote Bäume stehen. „Es gibt Insekten, die brauchen Totholz.“

Die Forstwirtschaft müsse den Wald neu erfinden, gibt Zimmermann einen Ausblick. „Wir mischen jetzt viel stärker.“ Er pflanzt Eichen und Buchen, Kirschen, Linden und Esskastanien. „Würde man das hier sich selbst überlassen, würden zu 90 Prozent Buchen wachsen“, sagt er und blickt hinab ins Tal. Die so genannten Hallenwälder, denen er persönlich nicht so viel abgewinnen kann. „Oben ist das Kronendach, unten ist nichts“, beschreibt er. „Ökologisch ist das nicht das Beste.“

Was das Beste sein könnte, versucht die Landesforstverwaltung auf einem Gelände in Wuppertal zu ergründen. Dort wird mit Bäumen experimentiert. „Wir haben Erfahrungen, fangen nicht bei Null an“, sagt Zimmermann. Er will den Wald als CO2-Speicher bewahren.

Karl Zimmermann ist aber auch kein Träumer. Er weiß um die verschiedenen Ansprüche an den Wald: Diejenigen der Waldbesitzer, die mit dem Holz Geld verdienen wollen („Die Preise waren im freien Fall, erholen sich nur langsam.“). Diejenigen der Besucher, die im Grün Erholung suchen. „Gerade jetzt“, sagt er. „Zu Corona ist ja nicht viel anderes geblieben.“ Solange sich Wanderer an die Wege hielten, sei das Wild entspannt, könne die Besucher registrieren und Abstand halten. Anders sei es, wenn Mountainbiker durch den Wald düsten. Er zeigt auf einen schmalen Pfad, auf dem sich die Mountainbiker zu Tale stürzen. „Ich gönne den Menschen ja ihren Spaß“, sagt Zimmermann. „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust.“

„Manche Kinder haben inzwischen Angst, die Wege zu verlassen, sich dreckig zu machen, einer Spinne zu begegnen.“

Karl Zimmermann

Aber allein die schiere Masse Mensch im Wald sei in Corona-Zeiten doch eine Belastung. Von Hinterlassenschaften wie Tempos ganz zu schweigen. Ersteres: „Sieht nicht schön aus, verwittert aber irgendwann.“ Anders Flaschen und Dosen. „Sie glauben nicht, wie froh wir über das Dosenpfand waren“, erzählt er. Aber ein paar Cent für die Bierflasche seien halt ein zu geringer Anreiz. Kurz bleibt Zimmermanns Blick am überquellenden Papierkorb am Wegesrand hängen, auf dem sich wie aufs Stichwort die Bierflaschen türmen. „Na ja, aber wenigstens steht alles direkt am Papierkorb“, sagt Zimmermann. Er ist Realist – mit einem besonnenem Blick.

Der Burscheider Förster bedauert es, dass Corona die Exkursionen mit Kitas und Schulen unmöglich macht. Die Termine mit den Kindern machen ihm Spaß, die Möglichkeit, ein Bewusstsein für die Natur zu wecken. „Sogar Kinder haben inzwischen Angst, die Wege zu verlassen, sich dreckig zu machen, einer Spinne zu begegnen“, erzählt er. Es sind Ängste, die er nehmen will – auf eine sehr freundliche, gelassene Art. „Dass die Eltern jetzt mit ihren Kindern hoffentlich mehr draußen unterwegs sind, finde ich positiv an der Pandemie“, sagt er. Und er hofft sehr, dass Burscheids Umweltwoche wiederbelebt wird.

Bauchschmerzen bereitet Zimmermann indes jetzt schon die Zeit der Waldbrandgefahr. Dann, wenn der Wanderparkplatz verstopft ist und sogar der Feuerwehr der Weg versperrt ist. „Ich bitte die Menschen, daran jetzt schon zu denken“, appelliert Zimmermann an alle Waldbesucher. Jeder sei willkommen, keiner werde ausgeschlossen, gerade jetzt nicht: Aber die Zufahrt in den Wald dürfe nicht zugeparkt werden.

Kurz vor Hilgen liegt dann ein besonders nackter Abhang. Die Bäume sind gefällt. Ein paar verstreute kleine Fichten ducken sich weg: Ursprünglich sollten sie unter dem schützenden Dach der Altbäume aufwachsen. Doch die einstigen rund 70 Jahre alten Schattenspender liegen am Boden und werden nun verkauft. Statt für rund 80 Euro noch für fünf Euro, sagt Zimmermann. Vor allem China habe eingekauft.

„Nicht mehr Holz rausnehmen als nachwächst“: Dieser alte Grundsatz ist über den Haufen gefegt worden. „Wir haben im Eifgen um die 7000 Kubikmeter rausgeholt. Wir schlagen das Fünffache zu früher.“

Die Fichte ist nicht mehr der richtige Baum. „Aber sie war es, als sie nach dem Krieg hier gepflanzt wurde. Schnell wachsendes Holz wurde gebraucht“, sagt Zimmermann. Er macht der vorigen Generation keinen Vorwurf, auch weil er um die Beurteilung der eigenen Bewirtschaftung weiß: „Ob diese Entscheidungen richtig sind, wird man erst in 100 Jahren wissen.“

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