Geschichte

Wie das Fahrrad seinen Weg auf die Straßen fand

1896 fassten Gottlieb Frowein und Carl Richard Holbeck den Entschluss, im Bergischen Land eine Fahrradfabrik zu gründen. Zuvor wurden Fahrräder meist aus Großbritannien geliefert.
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1896 fassten Gottlieb Frowein und Carl Richard Holbeck den Entschluss, im Bergischen Land eine Fahrradfabrik zu gründen. Zuvor wurden Fahrräder meist aus Großbritannien geliefert.

Autorin Ursula Hellmann begab sich auf Spurensuche.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Vor etwas mehr als 200 Jahren drehten die Leute in den Straßen ruckartig ihre Köpfe hin zu einem rasenden Wunderding. Husch – und das zierliche Etwas war eine Stunde später schon 15 Kilometer weiter weg in der Ferne entschwunden! Damit war es dreimal so schnell wie eine Postkutsche und fast genau so schnell wie Ross und Reiter. Das war eine Sensation!

Was der junge Mann zwischen den luftigen Rädern erfunden hatte, machte er zuerst unter dem Namen „fahrendes Steckenpferd“ publik. Aber bald sprachen es alle nur als „Draisine“ an, was den intelligenten Tüftler sofort erkennen ließ. Die flammneue Laufmaschine stammte aus der Ideenkiste von Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn (1785-1851) aus Mannheim. Die Jungfernfahrt ging vom Schloss Mannheim bis zur kurfürstlichen Sommerresidenz in Schwetzingen und wieder zurück. Man schrieb den 12. Juli 1817. Das wurde als Geburtstag des Fahrrades ins Historien-Register eingetragen.

Das urige Gefährt sah bereits dem heutigen Drahtesel sehr ähnlich. Die einfache Rahmenkonstruktion bestand aus dem meistgenutzten Material des 18. Jahrhundert, aus Holz. Im Grunde ein verbesserter Kinder-Roller für Erwachsene, mit einem Antrieb durch die rechts und links bis zum Boden reichenden Beine. Sogar eine bequeme Version für aufsteigende Damen war vorgesehen. Vorne eine Vorrichtung zur gezielten Richtungsänderung durch den beweglichen Lenker und ein gepolsterter Sitz für den Benutzer über dem hinteren Rad. Sogar ein Querbrettchen auf dem hinteren Rahmen für kleines Gepäck! Die beiden Räder waren gleich groß (27 Zoll). Außerdem besaß die Draisine eine Schleifbremse am Hinterrad. Sattel sowie Lenker waren tatsächlich schon höhenverstellbar! Was wollte man mehr?

Im Jahr 1888 kam das Rennrad in Umlauf

Aber wie war Drais auf diese außergewöhnliche Fortbewegungsidee gekommen? Die schnelle Fahrt auf dem Eis durch Kufen unter den Füßen nahm er als Anstoß für die Konstruktion seines Zweirades. Rechts am Boden abstoßen, dann links – manchmal auch mit beiden Füßen zugleich – und schon gehorchten die leicht gängigen Speichenräder dem Befehl des Reiters. Ging die Fahrt ohne Nachhilfe bergab, blieben die Beine gestreckt – der freie Lauf der Räder tat sein Übriges. Der Geburtstag des Laufrades kam im rechten Moment.

Als Sohn eines badischen Hof- und Regierungsrates hatte der junge Drais wohl viel mitbekommen von der prekären politischen Situation des Landes. Futtermangel für die Kutschpferde. Vier Jahre nach dem Jahrestag der Völkerschlacht wurden in den einzelnen Landesteilen die Rufe nach einem einheitlichen deutschen Staat immer laut. Demonstrationen läuteten die Einheits- und Freiheitsbewegung ein und schürten die Unruhe in der Bevölkerung. Das spektakuläre Wartburgfest der überregionalen Studentenschaft warf seine Schatten voraus. Sparmaßnahmen, Mangelwirtschaft lagen in der Luft – es hört sich sehr nach aktueller Tagesnachricht an. Drais und seine körperkraft-getriebenen Transportapparate waren eine gute Investition für die Zukunft. Einen Teil der Kosten für Pferdefuhrwerke plus Kutscher würden wegfallen. Sie sparten zudem die Reinigungskosten der Straßen und langen Aufenthalte in Posthaltereien für Tiere und Menschen. Noch passte wenig Fracht auf die kleinen Brettchen der Laufräder, aber die Visionen liefen schon längst schneller als die hölzernen Räder. So kam etwa 1860 ein Zweirad auf den Markt, das ein größeres Vorder- und ein etwas kleineres Hinterrad bevorzugte. Zehn Jahre weiter – und ein Hochrad für ganz mutige Fahrer bestand aus dem riesigen Vorderrad und einem winzigen Hinterrad als Gleichgewichtsalibi.

1878 wurde die Schleifbremse der Draisine durch eine Rücktrittbremse über die Tretpedale ersetzt. Nur acht Jahre danach kamen Schutzbleche am Hinterrad und am Kettenantrieb dazu. Es war eine logische Folge, dass sich auch der Leistungssport für das schnelle, leise Vehikel interessierte. 1888 kam das Rennrad „in Umlauf“: schmale Reifen, wenig Luftwiderstand. Nach dem geländegängigen Mountainbike schloss sich die kraftsparende Version des E-Bikes an mit Elektro-Zusatzenergie für kraftfordernde Touren.

Bei vielen historischen Dingen wird ihre Wiederentdeckung als Vintage-Abenteuer gefeiert. Das Fahrrad macht da keine Ausnahme. Umweltbewusste Streckenüberwinder geben den zwei hintereinander verbundenen Speichenrädern gute Chancen. Und außer den verbesserten Gangregelungen und einigem Schnickschnack blieb das Fahrrad in alter Frische. Die Lücken bei den stolzen Autobesitzern werden ja erkenntlich größer, das Futter für die alten und neuen Sprithungrigen frisst mehr Löcher in die Geldbeutel als seinerzeit die Kutschpferde. Die Nebenkosten hängen bereits unter dem sprichwörtlichen Decke.

Zum Glück bekamen die Zweiräder als gern genutzte Lückenbüßer immer mehr Hilfen, um gefahrlos durch den Großstadt-Dschungel zu kommen. Nur – mit der Aussicht, einmal eine Fracht von dreißig Tonnen Stahlträgern auf dem Gepäcksitz von A nach B zu bringen – den Zahn müssen sich die Zweiräder doch ziehen.

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