Wahrsagerin gehen die Karten aus

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In Oberburg steht auf einer Steinmauer eine 80 Jahre alte Kuriosität

Von Philipp Müller

Etwas ramponiert sieht die „Wahrsagerin“ am Kiosk von Britta Unverferd unterhalb des Batterieturms von Schloss Burg schon aus. Kein Wunder, denn ein kleines Schild erklärt: „Ich bin in Rente.“ Dabei ist die rund 80 Jahre alte Maschine nicht freiwillig in den Ruhestand gegangen. Früher warfen die Burg-Besucher eine 20-Cent-Münze in den Schlitz, zogen am Knopf und die Zukunft wurde mit einer kleinen Karte vorhergesagt. Dazu bewegte sich die Wahrsagerin hinter einer Glasscheibe.

„Früher ließ sich jemand jedes Silvester die Zukunft voraussagen.“

Britta Unverferd, Schatzhüterin

„Vor etwa drei Jahren sind mir die letzten Karten ausgegangen“, erzählt die Kioskbetreiberin. Ihre Oma habe die Kiste einst angeschafft. Aus Königswinter wurde sie nach Oberburg gebracht und von der Firma Gebrüder Lemmerz immer wieder in Schuss gebracht und mit neuen Zukunftsvorhersagekarten versorgt. Doch der letzte Vertreter der Automatendynastie Lemmerz war selbst schon älter als die „Wahrsagerin“ und stellte den Betrieb ein.

Doch Werner Lemmerz, dessen Namen auch auf dem Typenschild des skurrilen Automaten prangt, hielt die Maschine nicht nur am Laufen. Er verkaufte auch die Karten mit den Zukunftsbotschaften auf der einen und einem Tipp für die Lottozahlen auf der anderen Seite. Die Karten, sie ähneln alten Fahrkarten der Bundesbahn aus dicker Pappe, stellte Lemmerz selbst her.

„Früher kam jedes Jahr zu Silvester jemand und hat sich die Zukunft vorhersagen lassen“, erzählt die Schatzhüterin. Dass das Ritual plötzlich nicht mehr möglich war, habe ihn sehr ungehalten gemacht. Woher er jetzt weiß, was das neue Jahr bringt, ist unbekannt. Die „Wahrsagerin“ kann es auch nicht verraten, denn findet sich kein neuer Kartenproduzent, bleibt die Zukunft auf der Mauer neben dem Kiosk so im Ungewissen, wie im Frühjahr die Scheibe des Automaten trüb ist. Dahinter kann man die Wahrsagerin beim Lesen der Zukunft aus Spielkarten nur erahnen. „Wenn es wieder richtig warm wird, dann ist sie gut zu sehen“, sagt Unverferd.

Seit zwölf Jahren betreibt sie den Kiosk – noch länger steht der Automat auf der Mauer. „Meine Mutter hat ihn früher noch jeden Abend ins Geschäft getragen“, erinnert sie sich. Heute sichern dicke Schrauben die Blechdame. Verkaufen will Britta Unverferd die Kiste aber niemals. Der Vertreter eines Museums aus Essen-Kupferdreh wollte ihr die Erfindung mal abschwatzen, um sie dann als Kuriosität auszustellen. Keine Chance.

Dabei ist der Wert des Automatens gar nicht einmal so niedrig. In der TV-Show „Bares für Rares“ wechselte eine „Wahrsagerin“ von Lemmerz zuletzt für 750 Euro den Besitzer und steht jetzt in Düsseldorf an der Kö. Der Experte Sven Deutschmanek erklärte im ZDF, die Kisten habe es seit Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Manufaktur in Königswinter gegeben. Lemmerz selbst berichtete gegenüber verschiedenen Zeitungen, die „Wahrsagerin“ gebe es wohl seit 1919. 112 Karten spuckte sie aus, für die Werner Lemmerz’ Vater und Großvater die Texte selbst geschrieben hatten. Auf Jahrmärkten und auf der Kirmes sei das Schätzchen früher beliebt gewesen, dozierte Deutschmanek.

Heute würde die Maschine von Schulklassen besucht, denn der Apparat sei oft Teil eines Suchspiels, bei dem die Kinder markante Punkte finden müssten, erzählt Unverferd. Auch Liebespaare hätten zur Kundschaft der Wahrsagerin aus stabilem Blech gehört. Oder Menschen, die einfach Spaß an der Kuriosität hatten.

Einen weiteren Schatz hütet Britta Unverferd noch: Die letzte Karte aus der Hand von Werner Lemmerz. Doch die ist nur noch als archäologisches Artefakt erhalten – gut ein Drittel fehlt.

Zukunftsfabrik

Kuriose Geräte wie die „Wahrsagerin“ oder der „Aufstieg zum Drachenfels“ als eine Art „Großwettkampf der Athleten“ waren bekannte Produkte der Königswinterer Automaten-Fabrik, die die Brüder Franz und Simon Lem-merz gegründet hatten. Im Siebengebirgsmuseum sind einige Maschinen als Leihgabe zu sehen.

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