Gedächtnis

Verein erinnert an das, was es nicht mehr gibt

Die Vorstandsmitglieder Sabine Rusch-Witthohn und Karl Ulrich Voss haben an der neuen Publikation mitgearbeitet. Nun gibt es eine weitere Auszeichnung.
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Die Vorstandsmitglieder Sabine Rusch-Witthohn und Karl Ulrich Voss haben an der neuen Publikation mitgearbeitet. Nun gibt es eine weitere Auszeichnung.

Land zeichnet das neue Projekt des Bergischen Geschichtsvereins mit dem Heimatpreis aus – Verleihung am 12. August.

Von Nadja Lehmann

Das Auto begann, wie hier die VWs zeigen, nicht nur Burscheid zu dominieren. Schnell wurde autogerecht abgerissen, wie hier an der Weiherstraße zu sehen.

Heimatpreis mal zwei: So lautet die Bilanz des Bergischen Geschichtsvereins. Im vergangenen Jahr erhielt das Team rund um den Vorsitzenden Dr. Karl Ulrich Voss den auf die Stadt begrenzten Heimatpreis aus den Händen von Bürgermeister Stefan Caplan und rückte damit in die Landesebene auf. Dort hat der Burscheider Beitrag überzeugt: Das Land zeichnet den Verein als besten Bewerber in der Kategorie „Herausragende Wege der Heimatvermittlung“ aus. Und diesen Preis wird Ina Scharrenbach, NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, am 12. August in Burscheid überreichen. Vorsitzender Voss hatte dies bereits stolz vor ein paar Wochen bekannt gegeben; nun folgte die ganz offizielle Bestätigung und Jury-Begründung des Ministeriums.

Das Burscheider Erfolgsrezept? Der Bergische Geschichtsverein hatte Corona getrotzt, dem Stillstand Widerstand geleistet und sich stattdessen mit aller Energie in die Abrundung seines Projekts „Verschwundene Häuser“ gestürzt. „Dabei sind alle immer mit der jeweils gebotenen Vorsorge vorgegangen, teils in Videokonferenzen, per SMS und Mail - also mit viel Technik, die man sich bei der Gründung des Vereins 1956 gar nicht hatte träumen lassen“, sagt Voss heute.

Das Auto begann, wie hier die VWs zeigen, nicht nur Burscheid zu dominieren. Schnell wurde autogerecht abgerissen, wie hier an der Weiherstraße zu sehen.

In ihrer neuesten Publikation widmen sich die Vereinsmitglieder auf rund 70 Seiten dem unwiederbringlich Verschwundenen. Ob Brünings Ecke, Clarinette oder Schuhfabrik Frankenstein – an diese architektonischen Schätze will man erinnern. Für die alt eingesessenen Burscheider, die all das teilweise noch kennen, aber auch für die neu Zugezogenen. „Das Buch ist wie ein Rundgang, mit dem man ein Gefühl für die Stadt entwickelt“, sagt Karl Ulrich Voss.

Ganz bewusst hatte der Bergische Geschichtsverein sich dem Verschwundenen zugewandt. „Wir wollten diese Phase in Erinnerung rufen, als allerorten »autogerechte Innenstädte« auf dem Plan standen“, sagt der Vorsitzende. „Dabei hat Burscheid auch eines seiner ältesten Stadtviertel verloren - den teils einige hundert Jahre zurückreichenden Siedlungskern zwischen der evangelischen Kirche und »Potts Weiher«, jenen legendären, je nach Saison etwas anrüchigen, Wasch- und Badetümpel unter der heutigen Balkantrasse.“

Die Publikation spannt den Bogen bis zur Gegenwart. Darauf macht Karl Ulrich Voss aufmerksam: „Heute hat sich das städtebauliche Leitbild längst zugunsten eines traditionsbewussten Stadtbildes gewandelt. Das ist auch in Burscheids ,Integriertem Entwicklungs- und Handlungskonzept 2025’ nachzuverfolgen.“

Der Bergische Geschichtsverein hat nicht allein im stillen Kämmerlein gewerkelt, sondern hat die Burscheider eingebunden. Im Buch finden sich viele Wort- und Bildbeiträge von Bürgerinnen und Bürgern – in Gestalt von lebhaften Anekdoten, Gesprächen und Interviews.

Der Verein hatte eigens einen Wettbewerb ausgelobt, ein Preisausschreiben zur Innenstadt, und hatte vor der Pandemie zu einer ersten Bestandsaufnahme in die Stadtbücherei eingeladen. Ein Termin, aus dem sich noch mehr Hinweise und Geschichten entwickelten. „Wir konnten den Bürgerdialog gezielt fortsetzen“, sagt Voss.

„Wenn wir mit den zusammengetragenen Informationen Burscheid für mehr Bürgerinnen und Bürger zu unserer Stadt machen, auch für die später Zugezogenen, dann wäre das sehr erfreulich.“

Dr. Karl Ulrich Voss, BGV

Und genau das kam an in Düsseldorf. Die Begründung des Ministeriums kann sich sehen lassen. „Heimatgeschichte für alle wieder sichtbar zu machen, die zuvor nur noch in der Erinnerung Älterer präsent geblieben ist - dies ist das Besondere an diesem Projekt, das nicht zuletzt von der aktiven Beteiligung der Burscheider Bevölkerung in besonderer Weise lebt.

Vor allem die Fundstücke aus den Burscheider Privathaushalten machen die Initiative zu einer spannenden Erzählung von Heimat, die Heimat-Empfinden an der Bevölkerungsbasis reflektiert. Ebenso bedeutsam ist das große Engagement des Geschichtsvereins bei Planung und Durchführung des Projekts. Der vielseitige Mix aus Aktivitäten-Befragung in der Bevölkerung, Konzeption einer Ausstellung und Entwicklung einer Publikation mit neuen (Heimat-)Erzählungen ist vorbildlich. Sie haben das Zeug, die Verbundenheit der Generationen und Kulturen in der Stadtgesellschaft zu festigen und der Heimat Burscheid noch mehr Glanz zu verleihen“ – so steht es in der Begründung der Jury aus dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung.

Insgesamt sieben Heimat-Projekte werden nun auf Landesebene ausgezeichnet. Wie bereits im Vorjahr besucht Ministerin Ina Scharrenbach die siegreichen Projekte und übergibt vor Ort die Preise. „Es ist beeindruckend, mit welchem hohen Engagement und wie vielfältig sich Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich für unsere Heimat einsetzen. Einen Teil dieses herausragenden Engagements machen wir mit dem Heimat-Preis sichtbar“, sagt Scharrenbach.

Neben Lob und Anerkennung gibt es für die Preisträgerinnen und Preisträger in den fünf unterschiedlichen Kategorien jeweils 8 000 Euro sowie je 4 000 Euro für zwei Sonderpreise. Anschaulich hat das Ministerium benannt, was das Burscheider Projekt in seinen Augen außergewöhnlich macht: „Nicht alle sehen am selben Ort dieselben Dinge. So sind die Schätze der Heimat im Blick älterer Generationen oft noch präsent, aber für jüngere Augen verborgen und warten nur darauf, gehoben zu werden. In Burscheid widmet sich der Bergische Geschichtsverein dieser spannenden Aufgabe mit seinem Projekt »Verschwundene Häuser«. Der Verein lüftet vergangene, aber nicht vergessene Realitäten des Ortes und formuliert neue Erzählungen um die geheimnisvolle Heimat Burscheid. Beispielhaft ist die Initiative auch deshalb, weil viele Burscheiderinnen und Burscheider mit verschwundenen Häusern weiter lebhafte Erinnerungen verbinden - und mitunter auch sehr konkrete Gefühle. Zum Beispiel an das alte „Lumina-Kino“ im Ort, die Metzgerei oder den Spielwarenladen. Auch wenn sie nicht mehr sichtbar sind - viele dieser Orte sind überaus relevant für die historische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt und damit für die Gegenwart Burscheids.“

Doch nicht alles ist verschwunden. Ein Positiv-Beispiel ist „Mebus Hötte“: Heute ist in dem Fachwerk-Ensemble die Freikirchlich-evangelische Gemeinde zuhause. Familiengeschichte auch für den aus Hagen stammenden Karl Ulrich Voss: Der Ururgroßvater seiner Burscheider Ehefrau hat in Mebus Hötte gearbeitet.

„Wenn wir mit den zusammengetragenen Informationen Burscheid für mehr Bürgerinnen und Bürger zu »unserer Stadt« machen, auch für die später Zugezogenen, dann wäre das sehr erfreulich“, fasst Voss zusammen. Und: Weiterer konstruktiver Dialog mit den Burscheidern ist erwünscht.

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