Interview

„An unseren Ausstellungen halten wir fest“

Zeichen der Präsenz: Das Kulturbadehaus leuchtete in einer Juninacht ganz in rot bei der „Night of Light“. Fotos: Kulturverein
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Zeichen der Präsenz: Das Kulturbadehaus leuchtete in einer Juninacht ganz in rot bei der „Night of Light“.
  • VonNadja Lehmann
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Lockdown und Neubeginn: Vorsitzende Jelle von Dryander über die Lage im Kulturverein.

Das Gespräch führte Nadja Lehmann 

Wenn Sie auf 2020 zurückblicken: Warum ist in der Kultur der große Aufschrei ausgeblieben, als man quasi als entbehrlich abgestempelt wurde, während es im Gegenzug aber unbedingt Spiele in der Bundesliga geben musste?

Jelle von Dryander: Gegenüber dem Fußball und vielen anderen Branchen fehlt eine zentrale Lobby. Die Kultur- und Veranstaltungsbranche besteht und lebt aus vielen oft sehr kreativen und unangepassten Einzel- und Kleinunternehmern, Soloselbständigen, mehr oder weniger professionellen Ehrenamtlichen wie wir, die im laufenden Kulturbetrieb nicht so auffallen, auch keine Kraft und Zeit haben, Lobbyarbeit zu betreiben - „…läuft ja!“. Der Aufschrei kam spät, aber dafür heftig: Den Anfang des gemeinsamen Protests, der sich erhob, machte die Aktion „Night of Light“. Eine Aktion aller, die irgendwie mit der Veranstaltungsbranche verbunden sind – in ganz Deutschland gestartet in der Nacht vom 22./23. Juni 2020. Ein Bewusstseinsschub auch bei uns –„Hoppla, wir gehören ja auch dazu!“ – und wir gestalteten für uns am rot illuminierten Kulturbadehaus einen netten Abend, zu dem sich auch Bürgermeister Caplan einfand. Gestartet vom Initiator Tom Koperek/Zeche Zollverein Essen, beteiligten sich 8000 Firmen der Veranstaltungsbranche mit dem Ziel, mit der Politik ins Gespräch zu kommen. Denn die Politik hat noch nicht wirklich erkannt, wie der komplexe Kulturbetrieb jenseits der staatlich subventionierten Künstler und Veranstalter funktioniert. Dass er einer der größten Sektoren der deutschen Wirtschaft ist mit rund einer Million direkten Beschäftigten mit einem jährlichen Umsatz von 130 Milliarden Euro ist, ist kaum jemandem bewusst. Rechnet man die direkten Zulieferer noch hinzu, beschäftigt er mehr als 300 000 Unternehmen in 150 Disziplinen mit mehr als drei Millionen Menschen und einem Gesamt-Jahresumsatz von über 200 Milliarden Euro.

Hat man sich Gehör verschafft?

Dryander: In Folge der Aktion entwickelte sich das Bündnis „Alarmstufe Rot“- ein Zusammenschluss der einflussreichsten Initiativen und Verbände der deutschen Veranstaltungswirtschaft mit dem Ziel, auch 2021 Nachbesserung der staatlichen Hilfen zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft seitens der Regierung zu erreichen. Bislang leider noch nicht wirklich erfolgreich, weil die Hilfen immer noch am Bedarf vorbeigehen und die Hürden, diese zu beantragen, oft sehr groß sind.

Um welche Veranstaltung hat es Ihnen besonders leid getan, dass sie nicht stattfand?

Dryander: Da gibt es zwei Pakete: Das eine war unser geplantes Abo für 2021, bei dem wir zwei von weit hergeholte, experimentelle Akte zeigen wollten: eine sehr schräge, tolle Ein-Frau-Show aus Berlin und eine freiberufliche Schauspielerin aus Wien mit einem Soloprogramm über die Schauspielerin Romy Schneider. Wir waren in der Planung beseelt von einem gewissen Freiheitsgedanken zum einen dadurch, dass wir so eine tolle, neugierige und interessierte Abonnentenschaft haben und zum anderen durch die Tatsache der langfristig kulturellen Umgestaltungen in Burscheid, kurz gesagt der beflügelnde Hintergedanke: „Wir haben nichts zu verlieren, wir können neu denken, wir können mal wagen.“ Das Zweite ist das Paket „Beethovenjahr BTHVN 2020“, wofür nicht nur die Beethovenjubiläumsgesellschaft lange gekämpft hat. In Burscheid konnte nichts wie geplant stattfinden. Wir als Kulturverein haben im Rahmen der Förderung zwei hochkarätige Veranstaltungen (Konzert und Konzert/Kabarett) vorgesehen, die wir dank der Förderzusage gerade für Jugendliche eintrittsfrei gestalten wollen, das heißt, wir wünschen uns dafür ein volles Kulturbadehaus - zur Zeit undenkbar und schlimmstenfalls auch noch im September, wohin wir diese Beethoven-„Klavierreihe“ nun verlegt haben. Dann ist die Förderungsbewilligung futsch, weil das um ein Jahr verlängerte Beethovenjahr Ende September endgültig ausgelaufen ist. Die beiden Veranstaltungen sollten ursprünglich auch in direktem Zusammenhang mit dem von der Musicalischen Academie geplanten „Beethoventag“ stehen - der ist ja inzwischen auf Juni 2021 verlegt worden. Schau ‘n wir mal!

Welche Konsequenzen hat der verschärfte Lockdown für den Kulturverein? Könnten die Menschen die Kultur im schlimmsten Fall vergessen haben oder auch lediglich mit Streaming statt Live glücklich sein?

Jelle von Dryander, Vorsitzende des Kulturvereins.

Dryander: Nein, das glaube ich nicht – unser Publikum ist nicht unbedingt das Streaming Publikum. Die Leute werden wiederkommen, aber es wird anders sein und nicht mehr so unbefangen wie vormals. Man wird vorsichtig, und man weiß ja selbst, wie man in jedem Gegenüber auf einmal beginnt, die potenzielle Gefahr zu sehen. Das ist schon in den Köpfen und wird noch sehr lange dauern. Die Sicherheits- und Hygienekonzepte werden sich möglicherweise dauerhaft installieren. Das wird man auch in der Neuplanung des „Haus der Kunst/Kulturen“ berücksichtigen müssen; im Kulturbadehaus haben wir „mit Abstand“ relativ wenig Chancen für vernünftige, auch rentable Ausnutzung: Wir müssen mehr Richtung Outdoor denken. Was haben sich die Leute im Sommer gefreut, als sie an unserem Open-air-Wochenende mal wieder stehen und plaudern konnten, wenn auch mit Maske.

Sollte man wieder starten können - wie kann das gelingen? Werden überhaupt alle Künstler „überlebt“ haben?

Dryander: Ich bin ein optimistischer Mensch, aber keine Hellseherin. Man kann nur hoffen, dass die Künstler inzwischen andere oder zusätzliche Standbeine und Finanzquellen gefunden haben. Wir werden alle gerne wieder fragen. Schon jetzt habe ich für Herbst die Anfrage der Jazzpianistin Maria Baptist aus Berlin, die in der „Klavierreihe“ mit ihrem Duopartner, dem Saxofonisten Jan von Klewitz unbedingt im Kulturbadehaus auftreten möchte.

Wie ist die Stimmung im Kulturverein? Gab es einen Moment, in dem Sie am liebsten hingeworfen hätten?

Dryander: Wir sind da eher Stoiker - weitermachen und mal sehen. Wir sind in der glücklichen Position, als Ehrenamtler zu agieren, da fehlt es dann nicht am Geld für Personal. Die ausgefallenen Vermietungen bekommen wir in unserer Bilanz natürlich deutlich zu spüren. Ansonsten pflegt man sein Haus halt weiter, das hilft. Ein bisschen räumt man herum im Kulturbadehaus, wir hatten auch unseren Weihnachtsbaum dort illuminiert, es soll alles schön aussehen und in Ordnung sein, als könnte es gleich wieder losgehen. Eine komplett neue teure Heizungsanlage wurde inzwischen installiert. Die alte, vor zehn Jahren gebraucht eingebaut, gab leider noch kurz vor unserer letzten Septemberveranstaltung den Geist auf. Wir alle saßen bei spanischen Rhythmen von Blanca Nunez und Norman Peplow in der Jacke da.

Woran halten Sie 2021 fest? Und was könnte möglicherweise unwiederbringlich sein, was zuvor selbstverständlich war?

Dryander: Auf jeden Fall planen wir unsere Ausstellungen. Im Frühjahr ist der Burscheider Bildhauer Heinzpeter Knoop mit seiner Jubiläumsausstellung im Kulturbadehaus zu sehen - ich gehe davon aus, dass in gewissen Rahmen bis dahin Kulturstätten wie Museen endlich wieder öffnen dürfen. Und im Sommer kommt dann unsere Jahresausstellung. Für die haben wir die aktuellen Künstler, die sich auf die Ausschreibung hin beworben hatten, vor Weihnachten bereits per interner Jury ermittelt. Das wird eine sehr spannende Ausstellung, denn wir wählten diesmal eine Künstlergemeinschaft, die sich gerade im Corona-Jahr zusammengetan hat: Christina Koester - Bildhauerei, Holzschnitt, Installation, Nataly Hahn –Malerei und Boris von Reibnitz - Skulptur, Zeichnung, Druckgrafik, arbeiteten gemeinsam zu dem Thema „Impuls, Rotation, Geste“ mit sehr schönen, ästhetischen und anspruchsvollen Arbeiten. Ich befürchte, dass vielleicht auf lange Zeit hin die knuffige Nähe und Enge im kultigen Kulturbadehaus, gerade auch mit den Künstlern „zum Anfassen“, bei unseren Veranstaltungen unwiederbringlich verloren sein wird.

Ein Blick in die Zukunft: Die erste Veranstaltung im Kulturbadehaus. Wie, glauben Sie, wird Ihnen ums Herz sein? Tränen der Freude? Luftsprung? Champagner?

Dryander: Da muss ich lachen – Champagner geht bei mir immer! Aber tatsächlich sind wir in der komfortablen Situation, eher schleichend einzusteigen, wie eben schon beschrieben mit der Jahresausstellung, und wir werden ziemlich sicher wieder ein Open-Air veranstalten, „Schokolade - Das Konzert“ geht auch in diesem Format, anderes vielleicht auch, und wir spielen gerade mit dem Gedanken, damit eine Plattform für andere kulturtreibende Burscheider Vereine zu schaffen – auch da schau ‘n wir mal. Wehmütig werde dann möglicherweise ich sein, da ich an dem jetzt zur Debatte stehenden Wochenende, wenn es die Umstände erlauben, nicht werde dabei sein können: Also doch Tränen, aber dann leider nicht der Freude!

Bündnis

Unter „Alarmstufe Rot e.V.“ hat sich ein Bündnis der deutschen Veranstaltungswirtschaft zusammengeschlossen, um gemeinsam unkompliziert Spenden zu generieren, um Forderungen zu formulieren und Aktionen zu planen. Mehr Infos gibt es für Interessierte im Internet.

www.alarmstuferot.org

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