Anlaufstelle

Tagesstätte feiert ihr 25-jähriges Bestehen

Seit 2018 leitet Susanne Schäfer-Lordt die Tagesstätte Auf dem Schulberg. Foto: Nadja Lehmann
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Seit 2018 leitet Susanne Schäfer-Lordt die Tagesstätte Auf dem Schulberg.

Bei Alpha finden seelisch erkrankte Menschen eine Anlaufstätte, die ihnen Struktur und Halt vermittelt.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Ganz bescheiden sieht das Haus, das in unmittelbarer Nähe der Johannes-Löh-Gesamtschule liegt und in dem einst das Gesundheitsamt untergebracht war, aus. Denn wegen seines Gefälles sieht man nicht sofort, dass in seinem Inneren gleich zwei Etagen verborgen sind – voller Farben, Stoffe, Selbstgebasteltem, voller Leben: Hier, Auf dem Schulberg, ist die Tagesstätte Alpha daheim. Sie ist Anlaufstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen. „Und wir feiern dieses Jahr Jubiläum“, verrät Leiterin Susanne Schäfer-Lordt. Seit 25 Jahren gibt es die Tagesstätte in Burscheid, den Verein Alpha gar seit 50 Jahren. Mit sozialpsychiatrischen, medizinischen und pflegerischen Angeboten ist er in Wuppertal, im Oberbergischen und in Rhein-Berg vertreten. Und im Rheinisch-Bergischen insbesondere in Burscheid und seinen Nachbarstädten Wermelskirchen und Leichlingen.

Susanne Schäfer-Lordt geht im Erdgeschoss durch den langen Gang und öffnet immer wieder Türen. In dem einen Raum rattern die Nähmaschinen, liegen in den Regalen bunte Stoffe und präsentieren sich auch zahlreiche Ergebnisse der gestrickten, gehäkelten, genähten Arbeit. „Unser Renner“, sagt Susanne Schäfer-Lordt mit Blick auf ein paar Strandtaschen, jede ein Unikat. Eine Kollegin habe eine für sich gemacht: „Dann hat ihr eine Klientin über die Schulter gesehen, fand’s toll und stieg mit ein.“

Die nächste Tür geht auf. Zwei Männer sitzen vor ihren PC, tippen auf der Tastatur. Konzentration ist gefragt: Eine Situation, die auf ein mögliches Arbeitsleben vorbereiten soll.

Im nächsten Raum stehen mächtige Maschinen: die Holzwerkstatt. Gerade nimmt ein Insektenhotel Gestalt an; ein Vogelhäuschen ist fast fertig. „Ein Klient baut gerade ein Weinregal für seine Schwester“, erzählt Schäfer-Lordt. Rückzug ist auch möglich: Im stillen Ruheraum befinden sich Sessel und ein Bett sowie gut gefüllte Buchregale zum Schmökern.

Hinauf geht es in den ersten Stock. Susanne Schäfer-Lordt nimmt mit Schwung die Treppen. Die liegen draußen, eine Verbindung innerhalb des Hauses zwischen den Etagen gibt es nicht. „Macht nichts“, findet die Leiterin. „So schnappen wir alle immer wieder frische Luft.“

Oben liegen Besprechungsraum und Küche. Ein paar Klienten sitzen beinander und putzen konzentriert das Gemüse. Eine Mahlzeit gehört von Montag bis Donnerstag dazu und die gemeinsame Vorbereitung ebenso. „Inzwischen haben wir auch eine Kochgruppe, die ganz autark kocht und sich die eigenen Speisen zubereitet. Das tut dem Selbstbewusstsein gut“, sagt Schäfer-Lordt. Der Freitag ist der kurze Tag: Dann gibt es ein Frühstück für alle.

Unsere Ideen entstehen aus den Problemlagen der Klienten.

Susanne Schäfer-Lordt

15 Plätze hat die Tagesstätte, die sich auf 20 Klientinnen und Klienten verteilen. Weitere elf Klienten nehmen an der Tagesstruktur teil: ein Programm, das behutsam auf den Arbeitsmarkt vorbereiten soll. Sehen – Denken – Handeln heißt das Leitmotiv von Alpha. „Wir stülpen nichts über, sondern sehen unsere Klienten ganz individuell. Unsere Ideen entstehen aus ihren Problemlagen heraus“, sagt Susanne Schäfer-Lordt. Die Tagesstätte versteht sich als geschützter Rahmen, in dem die Teilnehmer wieder zu Struktur und Zeitrhythmus finden können. Ob sie sich in der Nähwerkstatt beteiligen oder Holz sägen, ob sie malen oder kochen: Das entscheiden die Klienten selbst. Auch, ob sie nur dabei sind, ohne produktiv zu sein. „Der jüngste ist 21“, sagt Susanne Schäfer-Lordt. Ab 65 sei, zumindest was die Tagesstätte angeht, Schluss: „Eine Versorgungslücke“, sagt auch Schäfer-Lordt.

Vier Ergotherapeuten, zwei Ergänzungskräfte für die Tagesstruktur, eine Reinigungskraft und ein Fahrer – das ist das Team Auf dem Schulberg.

Schäfer-Lordt hat früh zu ihrem Beruf gefunden: „Ich habe schon in der 9. Klasse ein Ergotherapie-Praktikum gemacht“, erzählt sie. Nach dem Schulabschluss verließ sie dafür eigens den heimatlichen Hunsrück, um in Nordrhein-Westfalen die Ergoschule zu besuchen (und zu finanzieren). „Zuerst habe ich mit Kindern gearbeitet, dann eine Stelle in der Psychiatrie gefunden. Da wusste ich: Das ist es.“ Seit 2009 arbeitet sie für Alpha, seit 2018 leitet sie in Burscheid die Tagesstätte.

„Die Gesellschaft verändert sich“, sagt sie. Damit gehen mehr Persönlichkeitsstörungen einher: Schäfer-Lordt beobachtet eine Zunahme der Borderliner. „Früher hat man diese Menschen ausgegrenzt. Aber sie sind ein Teil von uns.“ Mit Sorge beobachtet die Ergotherapeutin die auf Leistung getrimmte Gesellschaft: „Das muss sich ändern. Das ist Raubbau an Körper und Seele.“

Die Pandemie ist eine harte Zeit, gerade für Erkrankte

Und sie beobachtet die Pandemie und ihre Auswirkungen. „Für psychisch Erkrankte ist das eine harte Zeit. Sie leben ohnehin meist zurückgezogen und isoliert. Die Pandemie verstärkt das noch.“

Vor der Pandemie seien Ausflüge ebenso selbstverständlich gewesen wie die Teilnahme am Umweltfest: Da stellte sich die Tagesstätte mit ihren Produkten und Angeboten gerne vor. Für Susanne Schäfer-Lordt ein Herzensanliegen: „Denn man muss uns ja kennen, um bei uns um Unterstützung bitten zu können.“

Hintergrund

Der Verein Alpha ist durch den Landschaftsverband Rheinland als Leistungserbringer anerkannt. Die Tagesstätte gilt als Eingliederungshilfe. Voraussetzung für die Aufnahme sind Arbeitsunfähigkeit und der Bezug von Grundsicherung. Nach einem Erstgespräch können die Klienten fünf Probetage absolvieren. „Dann gucken wir, ob es von allen Seiten passt und stellen gemeinsam den Antrag“, sagt Susanne Schäfer-Lordt. Ein Fahrdienst gehört zum Angebot dazu, der Einzugsbereich umfasst den ganzen Nordkreis. Neben den kreativen Angeboten gibt es auch Entspannung, Achtsamkeit und Dialektisch Behaviorale Therapie nach Linehan. Das nächste Projekt der Tagesstätte ist ein Gewächshaus im Garten.

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