Zeitreise

Straßen erzählen von berühmten Burscheidern

Alle diese Männer haben ihre Spuren in Burscheid hinterlassen. Fotos (4): Doro Siewert
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Alle diese Männer haben ihre Spuren in Burscheid hinterlassen.

RGA-Autorin begibt sich mit dem E-Bike auf eine kleine Zeitreise.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Auf Touren mit dem E-Bike machte ich jüngst eine Entdeckung: Ich sah Straßenschilder mit Eigennamen von mir völlig unbekannten Personen. Aus irgendeinem Grund würden die Straßen wohl nach Menschen benannt sein, die in diesem Umfeld einmal Geschichte geschrieben haben, dachte ich mir.

Diese „Entdeckungsfahrt“ blieb nicht meine einzige in den folgenden Wochen. Aufmerksam schaute ich mir alle Hinweisschilder an, auf denen ortswichtige Personen verewigt wurden. Ich ging also auf weitere Spurensuche. Wer waren die Menschen, die einer Straße durch ihren Namen eine doppelt wichtige Bedeutung gaben?

Und was ich in verschiedenen Quellen über die honorigen, einstigen Burscheider Bürger herausfand, war mehr als ich erwartet hatte. Da war zunächst Wilhelm Schmidt. Gedacht wurde ihm mit der Bürgermeister-Schmidt-Straße. Wie seine Vita beschreibt, wurde der 1864 in Solingen Geborene als Kreisausschuss-Sekretär kommunal aktiv.

Im Jahr 1894 wählte man ihn zu Burscheids Bürgermeister. Er hatte dieses Amt bis 1928 inne. Seine Verdienste beschränkten sich nicht nur auf den Ausbau des Wegenetzes und die Anbindung ans Schienennetz. Schon vor dem ersten Weltkrieg wurden auf seine Initiative hin die Badeanstalt mit Schwimmbassin, die Friedhofshalle und neue Feuerwehr-Gerätehäuser gebaut.

Eine andere kulturelle Bedeutung hatte wohl Ewald Sträßer. Was war über ihn zu finden? Ich erinnerte mich an einen Konzertbesuch im Haus der Kunst und auch an die imposante Büste im Foyer. Den Namen des Mannes hatte ich seinerzeit gleich wieder vergessen – nun erfuhr ich Erstaunliches über diesen rheinisch-bergischen Künstler. Sogar Beinamen wie „bergischer Brahms“ oder „bergischer Berlioz“ hatte man dem Mitglied der Preußischen Akademie der Künste zugestanden. In Erinnerung gehalten werden Sträßers Werke vor allem von der Ewald-Sträßer-Gesellschaft.

Unscheinbar und fast übersehen hätte ich den kurzen Weg zur Erinnerung an Max Kohl. Ob die Verdienste dieses Mannes ebenso unscheinbar waren? Keineswegs. Max Kohl, 1881 geboren in Thüringen, gehörte einer Gerber-Dynastie an. Er forschte in diesem Metier so intensiv, dass er auf der Pariser-Weltausstellung im Jahr 1900 eine Goldmedaille gewann für eine von ihm entwickelte Gerbtechnik. 1921 gründete er in Burscheid eine eigene Gerberei unter „Kölner Feinleder GmbH“.

1939 besaß er schon eine zweite Produktion in Polen und leitete ein Unternehmen in Lemberg. Viele seiner Angestellten waren Polen jüdischer Abstammung. Kohl geriet mit dem NS-Regime in Konflikt, weil er so viele seiner Leute in seinem privaten Keller versteckte wie möglich. Überlebende berichteten später in Israel von seinem risikobereiten Verhalten. Das brachte ihm den Ehrentitel ein „Gerechter unter den Völkern“ und 1982 in Burscheid eine ständige Ehrung im Ortsbild ein. Ich werde wohl nie mehr durchs Luisental fahren ohne im Geist meinen Hut zu ziehen.

Den Johannes-Löh-Weg hinunter fahre ich mit dem E-Bike nicht so gern. Es gibt Strecken, die deutlich angenehmer sind für einen Anfänger wie mich auf dem modernen Zweiradverkehrsmittel. Pastor Löh ist zudem sogar für mich als „zugereiste“ Leichlingerin einer der bekanntesten Burscheider. Trotzdem suchte ich in den leicht einzusehenden Angaben über den evangelischen Pfarrer nach einer Besonderheit, die möglicherweise doch noch überraschend sein konnte. Nun gut: Dass der „Wegbereiter der Burscheider Volksbildung“ vor seiner Amtszeit in Burscheid zwölf Jahre in Langenfeld-Reusrath und 17 Jahre in Solingen aktiv war, lässt sich ortstechnisch leicht nachvollziehen. Dass ich über seine recht kurze Pfarrzeit von zwei Jahren im Städtchen Müllenbach bei Marienheide nichts Näheres erfahren konnte war nicht weltbewegend, aber immerhin ein kleines farbiges Detail, dass er auch dort war.

In Schlangenlinien zieht sich der Nikolaus-Ehlen-Weg um die Siedlung neben der Balkantrasse. „Das muss doch ein interessanter Mann gewesen sein“, dachte ich mir bei der Durchfahrt. In dessen Vita fand ich wirklich eine gewundene, in verschiedenen Wegen stagnierende und trotzdem ins Weite führende Lebenslinie.

1886 als Sohn eines Moselwinzers geboren, fand er schon früh seine Berufung als katholischer Priester. Trotzdem wechselte er vom Theologiestudium zu Physik, Chemie, Mathematik und Philosophie.

Nikolaus Ehlen bereitete den Weg für modernen Wohnungsbau

Als Kriegsfreiwilliger war er von 1916 bis 1918 in Frankreich. Später wurde er Assessor, ab 1919 Studienrat in Velbert. Für die damalige Zeit völlig ungewöhnlich waren seine reformpädagogischen Methoden, seinen Schülern Selbsterkenntnis und Selbsterziehung auf angenehme Weise nahezubringen.

Als Pionier des „Selbsthilfe-Siedlungsbaus“ gründete er den „Ring Deutscher Siedler“, dessen Konzept auch in Burscheid umgesetzt wurde. Staat und Kirche unterstützten seine Gedanken, familiengerechten Wohnraum auf eigenem Grund und Boden möglich zu machen. Ehlen bereitete damit den Weg für die Wohnungsbaupolitik der Nachkriegszeit.

Wie konsequent Ehlen die Vorgaben biblischer Freiheit mit Blick auf die Allgemeinheit lebte, davon konnte seine Ehefrau Maria und seine acht Kinder viel berichten.

Entlang der Bahntrasse lässt es sich Kilometer um Kilometer radeln, ohne nach rechts oder links abzuzweigen. Das ändert sich aber hier und da um einen Schlenker in die modernisierte City zu machen.

So war es auch an einem Samstag, als mir einfiel: Ich wollte doch noch rosa Nähseide holen. Der Weg führte mich durch die Rat-Deycks-Straße. Rat Deycks – noch ein Name, mit dem ich wenig anfangen konnte. Was hatte Vinzenz Joseph Deycks, der Advokat aus Düsseldorf, mit Burscheid zu tun? 1768 in Solingen geboren, wurde er 1793 Justizrat beim Gericht des Amtes Miselohe -aha, das war die alte Bezeichnung für Witzhelden. Später arbeitete Deycks als Rechtsexperte in Opladen, war dort auch vier Jahre Bürgermeister.

In dieser Funktion sorgte Vonzenz Joseph Deycks vorbildlich für gerechte Verteilung von Steuern und Kriegsabgaben. Außerdem verhinderte er Plünderungen durch ausländische Truppen.

Bekannt wurde er hauptsächlich durch sein Hobby: die Obstzucht und den Ackerbau. Er untersuchte das Wechselspiel zwischen Klima, Boden und dem Wachstum der einzelnen Sorten. 1797 legte er nahe der Mündung des Wiembachs eine Art Versuchsgut an. Edelreiser und Jungbäume aus diesem Garten lieferte er sogar bis nach Westfalen und zum Niederrhein.

Sein ehrenvoller Beiname: Heimat-und Menschenfreund hat zur Straßennamen-Entscheidung mit Sicherheit beigetragen.

Straßennamen

RGA-Autorin Ursula Hellmann machte sich mit ihrem E-Bike jüngst auf den Weg zu einer Radtour. Ihr fiel dabei auf, dass es viele Straßennamen scheinbar berühmter Persönlichkeiten mit Burscheid-Bezug gibt, deren Bedeutung sie noch gar nicht kannte. In den folgenden Wochen machte sie sich an die Recherche. Und fand auf ihrer Zeitreise so manches überraschende Detail über die bekannten Burscheider heraus.

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