Stella Ignatz weiß zwei Welten zu vereinen

Stella Ignatz freut sich auf ihre Aufgabe als 1. stellvertretende Bürgermeisterin und auf die Begegnungen mit Menschen. Corona hatte das ausgebremst. Foto: Nadja Lehmann
+
Stella Ignatz freut sich auf ihre Aufgabe als 1. stellvertretende Bürgermeisterin und auf die Begegnungen mit Menschen. Corona hatte das ausgebremst.
  • VonNadja Lehmann
    schließen

Seit 2020 ist die aus Rumänien stammende 49-Jährige 1. stellvertretende Bürgermeisterin

Burscheid. Die Karpaten. Siebenbürgen. Unendliche Wälder und Bären. Dracula und Bukarest. Wer mit Stella Ignatz spricht, begibt sich ganz schnell auf eine Reise, selbst wenn er dabei ganz behaglich auf seinem Stuhl sitzen bleibt. Es ist eine Reise in ein hierzulande noch immer unbekanntes Land: nach Rumänien. Es ist das Geburtsland von Stella Ignatz, das sie als 18-Jährige verließ. „Ich sah dort keine Chancen für mich“, sagt sie. Im vergangenen Jahr hat sie das Amt der 1. stellvertretenden Bürgermeisterin übernommen und hat sich damit noch einmal mehr in ihrer Wahlheimat verwurzelt. „Ich bin angekommen. Ich möchte nirgendwo anders leben“, sagt sie über Burscheid, in dem sie seit 22 Jahren zuhause ist. Und lächelt dann. „Und das Herz ist in Rumänien.“

Es ist kein Widerspruch. Die 49-Jährige weiß beide Welten in sich zu vereinen. Sie liebt ihre Muttersprache – die übrigens aus dem romanischen Sprachkreis kommt und viel mehr mit dem Französischen zu tun hat als mit den Nachbarsprachen auf dem Balkan – und die Kultur Rumäniens. Diese versucht sie in Deutschland bekannter zu machen; sie engagiert sich im Bereich Tourismus und arbeitet dabei eng mit den Konsulaten und Botschaften hüben und drüben zusammen. Stella Ignatz weiß, wovon sie spricht: Sie ist gelernte Profitänzerin mit Schwerpunkt Volkstanz – und hat auf ihrem Smartphone gleich ein paar Tanzensembles ebenso auf dem Schirm parat wie charmante Unterkünfte in alter Villenarchitektur. „Zu meiner alten Tanzgruppe habe ich immer noch Kontakt.“

Die 49-Jährige ist eine Schnittstelle zwischen Deutschland und Rumänien. Es gibt durchaus nicht wenige Exil-Rumänen in Deutschland, aber wenige, wie ihr die Botschaft in Berlin bescheinigt hat, die sich auf gleichem Niveau in der Kommunalpolitik bewegen; zwei vergleichbare Beispiele gibt es nur noch in Berlin und in Mecklenburg. Stella Ignatz begreift das als Ansporn. Sie vermittelt Kontakte auch im wirtschaftlichen Bereich, sucht aktuell gerade nach deutschen Firmen im Bereich Getreide-/Müsliherstellung, die sich in Rumänien ansiedeln möchten: „Ich möchte, dass beide Länder etwas davon haben.“

„Ich bin wie ein Schwamm. Ich sauge alles auf.“

Stella Ignatz

Halbe Sachen sind Stella Ignatz´ Ding nicht. „Wenn ich mich zu etwas verpflichte, nehme ich das wahr und ernst, ob privat, ob in der Firma oder in der Politik“, sagt sie über sich selbst. Neben ihrem Beruf hat die Unternehmerin gerade ein Fernstudium Gesundheit/Soziales an der Uni Darmstadt abgeschlossen. „Ich bin wie ein Schwamm. Ich will alles wissen, sauge alles auf.“

Genauso wie einst die deutsche Sprache, als sie Rumänien verließ und zunächst eine Tante im Oberbergischen besuchte: „Meine Mutter hat zwar österreichische Wurzeln, aber ich sprach kein Deutsch“, erzählt Stella Ignatz, die im nordrumänischen Bistritz aufwuchs („So groß wie Leverkusen und die Partnerstadt von Wiehl“). In Gummersbach lernte Ignatz Deutsch aus dem Fernsehen und aus der Zeitung. „Kurse gab es nicht.“ Das ist nun anders: Gemeinsam mit der Volkshochschule hat sich Stella Ignatz für einen Deutschkurs für Berufstätige stark gemacht, der nun starten wird.

Immer auf eigenen Füßen zu stehen und eigenes Geld zu verdienen, das war Stella Ignatz immer wichtig. „Ich bin nicht nur Hausfrau; ich wollte immer auch raus“, sagt die Mutter zweier erwachsener Töchter. Ihr erster Job im Oberbergischen: „Natürlich bei Mc Donalds!“

Es folgten Hotel, Konditorei und dann gemeinsam mit ihrem Mann der Umzug nach Köln und später nach Burscheid. „Damals habe ich in Wermelskirchen bei Café Wild gearbeitet.“. Bis sie sich im Bereich Haushaltshilfe und Betreuungsdienst selbstständig machte: „Ich habe da vieles gesehen, was mir nicht gefiel. Mein Mann sagte dann, schreibe doch deine Ideen auf, dann gucken wir mal.“ Ob Kinder vom Kindergarten abholen, ob betagte Eltern umsorgen und bekochen, ob Jüngere im Haushalt unterstützen: Die Bandbreite ist groß. Inzwischen hat Stella Ignatz 22 Mitarbeiter. „Wir haben in der Pandemie viel Einsamkeit gesehen“, sagt sie. Mit einem Besuch außer der Reihe und gemalten Bildern hat sie zu Ostern die Runde gemacht: „Da sind viele Tränen geflossen“, erinnert sie sich. „Es war mehr als Einkaufen und Dinge besorgen. Es ging um Persönliches.“

Lange hatte sich die 49-Jährige den Sprung in die Politik nicht zugetraut. Doch dann sprach sie „Korfu“-Inhaber Argirios „Aki“ Papazoglou an, der damals im Bündnis für Burscheid wirkte und heute (wieder) in der CDU ist, und fragte sie, ob sie nicht Lust auf Kommunalpolitik habe. „Politik hat mich schon immer interessiert, schon in Rumänien“, sagt Stella Ignatz. Inzwischen ist sie seit elf Jahren dabei. Und sie engagiert sich im Integrationsrat, in der Flüchtlingshilfe, will ihr „Internationales Frühstück“ wieder neu beleben – und last but not least als 1. stellvertretende Bürgermeisterin wirken. Endlich. „Termine gab es in der Pandemie ja nicht“, blickt sie zurück. Sie freue sich sehr darauf: „Ich bin gespannt, was für eine Aufgabe auf mich zukommt.“

Es sei ihr wichtig, Menschen zusammenzubringen, bestehende innere Grenzen und Vorurteile in der persönlichen Begegnung einzureißen: „Dann merkt man, der andere ist ganz anders als bisher gedacht.“ Dazu passt auch ihr Traum: „Eine Städtepartnerschaft zwischen Burscheid und Rumänien.“ Eine passende Stadt in vergleichbarer Größe hat sie in ihrer alten Heimat schon ausgeguckt.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

„Feuerwehr und THW haben gute Hilfe geleistet“
„Feuerwehr und THW haben gute Hilfe geleistet“
„Feuerwehr und THW haben gute Hilfe geleistet“
Neue Kita soll zum „Dörfchen in Sträßchen“ werden
Neue Kita soll zum „Dörfchen in Sträßchen“ werden
Neue Kita soll zum „Dörfchen in Sträßchen“ werden
Novanetz startet den Glasfaserausbau in einigen Ortsteilen
Novanetz startet den Glasfaserausbau in einigen Ortsteilen
Novanetz startet den Glasfaserausbau in einigen Ortsteilen
Dem Schmuckstück fehlen nur noch Kleinigkeiten
Dem Schmuckstück fehlen nur noch Kleinigkeiten
Dem Schmuckstück fehlen nur noch Kleinigkeiten

Kommentare