Der Sport leidet unter der Unsicherheit in der Krise

Friedhelm Julius Beucher saß für Oberberg im Bundestag, bevor er in den Schuldienst zurückkehrte. Foto: Jens Büttner/dpa
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Friedhelm Julius Beucher saß für Oberberg im Bundestag, bevor er in den Schuldienst zurückkehrte. Foto: Jens Büttner/dpa

Seit 2009 ist Friedhelm Julius Beucher Präsident des Deutschen Behindertensportverbands – Zuvor leitete er die Montanusschule

Das Gespräch führte Stephan Eppinger Wie ist die Situation im Breitensport in der Corona-Krise?

Friedhelm Julius Beucher: Die Corona-Krise ist für die Vereine in ganz Deutschland und natürlich auch in Burscheid eine große Herausforderung. Problematisch ist dabei insbesondere die Unsicherheit, wie es in der Zukunft mit den Sportangeboten weitergeht und ebenso die uneinheitlichen Regelungen der Bundesländer. Da wir es bei den Teilnehmenden am Rehabilitationssport weit überwiegend mit Personen aus Risikogruppen zu tun haben, ist hier besondere Vorsicht geboten. Aktuell liegt daher der Sport für Menschen mit Behinderung bis auf wenige Ausnahmen brach.

Welche Folgen hat das für die Vereine und die Aktiven?

Beucher: Aufgrund der verschiedenen Regelungen in den Bundesländern sind die Auswirkungen unterschiedlich. Natürlich können viele Menschen ihren Sport nicht mehr durchführen, was insbesondere im Rahmen der Rehabilitation ein Problem ist, da die Rehabilitationserfolge gefährdet werden. Für die Vereine ist es tatsächlich aktuell noch schwer zu beziffern, wie groß der Schaden durch einen zu erwartenden Mitgliederrückgang sein wird. Was unseren Vereinen besondere Sorgen bereitet, ist ein möglicher massiver Mitgliederrückgang in den kommenden Jahren. Aber nicht nur diese Entwicklung ist ein Thema, sondern auch die ehrenamtlichen Strukturen. Unsere Ehrenamtler kommen in der aktuellen Krisensituation an Grenzen, gerade auch, weil es keine klare Perspektive gibt. Damit drohen uns Übungsleiter und andere Ehrenamtler verloren zu gehen – ohne diese funktioniert aber die Struktur nicht mehr, so dass letztlich das Angebot für die Menschen vor Ort eventuell nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Die Befürchtung ist gerade im ländlichen Raum und bei spezifischen Angeboten für Menschen mit Behinderungen besonders groß.

Welche Unterstützung gibt es für die Vereine von Stadt, Land und Bund?

Beucher: Die finanziellen Hilfen sind ein schwieriges Thema. Die bisherigen Hilfsprogramme der Landesregierungen für Sportvereine laufen bei den Behindertensportvereinen häufig ins Leere, da hier oft die Voraussetzung ist, dass der Verein praktisch insolvent ist, um Hilfen zu erhalten. Zwar können Übungsleiter und auch Vereine grundsätzlich von den allgemeinen Wirtschaftshilfen der Bundesregierung profitieren, aber gerade die klassisch ehrenamtlich geführten Vereine laufen Gefahr, in der Krise in Vergessenheit zu geraten. Teilweise sind die Hilfen so ausgestaltet, dass solche Vereine an der bürokratischen Antragstellung scheitern.

Wie sieht das bei den Sportlern aus, die sich jetzt für die Paralympischen Spiele in Tokio vorbereiten?

Beucher: Unsere Leistungssportler aus dem Team Deutschland Paralympics können wie Profisportler größtenteils weiter trainieren. Allerdings fallen derzeit fast alle Wettkämpfe und die meisten Lehrgänge im Ausland bis auf wenige Ausnahmen in Freiluft-Sportarten aus. Trainiert wird von den Kadersportlern an den Bundesstützpunkten und paralympischen Trainingszentren, die meist den Olympiastützpunkten angegliedert sind. Da aber zum Beispiel Menschen mit einer Querschnittslähmung auch Atemwegsprobleme haben können, sind wegen des erhöhten Infektionsrisikos besondere Präventionsmaßnahmen wichtig. Die paralympischen Sportler, die besonders auf ihre Gesundheit achten, haben diesbezüglich mehr Ängste und Sorgen als olympische Athleten.

„Für mich war Burscheid ein toller Abschluss meiner Berufslaufbahn als Lehrer.“Wie schätzen Sie die Aussichten für die Paralympics ein?

Beucher: Unsere Arbeit richtet sich aktuell so aus, als ob die Spiele in Tokio regulär stattfinden werden. Die finale Entscheidung für Olympia und die Paralympics wird im Frühjahr erwartet. Die Olympischen und Paralympischen Spiele sind bis 2032 stets als Doppelveranstaltungen geplant und werden nicht nur am gleichen Ort stattfinden, sondern auch vom gleichen Organisationskomitee durchgeführt. Bei den Paralympics werden über 4000 Aktive erwartet, während es bei den Olympischen Spielen etwa 10 000 sind. Es gibt für die Spiele mehrere eingeplante Szenarien von Wettkämpfen ohne Publikum mit der kompletten Isolierung der Aktiven bis hin zu Spielen vor großem Publikum. Vor Ort wird es im Paralympischen Dorf eine eigene Klinik mit einer Intensivstation geben.

Welche sportlichen Highlights gibt es im Behindertensport in diesem Jahr?

Beucher: Neben den Paralympics, die vom 24. August bis zum 5. September in Tokio stattfinden, gibt es vom 28. Mai bis zum 5. Juni die Europameisterschaften im Para Kanu und vom 4. bis zum 6. Juni das Qualifikationsturnier für Tokio im Sitzvolleyball. Beide Turniere finden in Duisburg statt.

Was sind für Sie als Verbandspräsident aktuell die größten Herausforderungen?

Beucher: Ich habe heute dreimal mein Handy leer telefoniert und an zwei Videokonferenzen teilgenommen. Persönliche Begegnungen sind, obwohl sie von großer Bedeutung sind, aktuell nicht möglich. Auch die Sterne des Sports wurden in Berlin erstmals digital verliehen. Das war sonst immer das Treffen des Vereinssports. Dieses Ehrenamt ist von seinem hohen zeitlichen Aufwand durchaus mit einem regulären Berufsalltag vergleichbar.

Wie ist der Kontakt zum Behindertensport entstanden?

Beucher: Ich war 1992 als Abgeordneter des Deutschen Bundestags bei den Paralympics in Barcelona und es war absolut faszinierend, zu sehen, welche atemberaubenden Leistungen dort Menschen mit einer Behinderung gezeigt haben. Als Kommunalpolitiker in meiner Heimatstadt Bergneustadt gab es zudem den Kontakt zu Rainer Schmidt, der ohne Arme geboren wurde, und der als Tischtennisspieler im Behindertensport großartige Leistungen gezeigt hat. Die erste Prothese mit festgeschraubtem Tischtennisschläger hat noch sein Vater selbst gebaut. Später habe ich mich im Sportausschuss des Deutschen Bundestags intensiv um den Behindertensport gekümmert und habe anschließend in meiner Zeit als Schulleiter der Montanusschule immer wieder paralympische Athleten nach Burscheid geholt. Gerade die Kinder waren tief beeindruckt von den Leistungen dieser Menschen.

Welche Sportarten haben Sie selbst ausgeübt?

Beucher: Mein Vater war Boxtrainer und so kam ich als Schüler bereits zum Boxen. Erfolge gab es auch als Mittelstreckenläufer. Später kamen Marathon und Langlauf dazu. Da habe ich alle Klassiker der Alpen absolviert mit Streckenlängen von bis zu 80 Kilometern. Außerdem war ich in der Fußballmannschaft des Bundestags aktiv und war der Spieler mit den meisten Einsätzen.

Was ist Ihnen als Verbandspräsident besonders wichtig?

Beucher: Mir ist wichtig, dass der Behindertensport auf Augenhöhe mit den anderen Sportbereichen ist. Das gilt auch für die mediale Aufmerksamkeit. In Barcelona waren Medaillengewinne maximal eine kurze Meldung wert und im Fernsehen wurde ein halbstündiger Zusammenschnitt in einer Gesundheitssendung gezeigt. Heute wird alleine in den öffentlich-rechtlichen Sendern mehr als 60 Stunden von den Paralympics berichtet. Wir sind aber noch lange nicht am Ziel angekommen. Zudem wollen wir erreichen, dass sich mehr Sportvereine für den Sport von Menschen mit Behinderung öffnen und es künftig mehr barrierefreie Sportstätten gibt, so dass letztlich mehr Menschen mit Behinderung sportlich aktiv sein können.

Welche Beziehung haben Sie heute zu Burscheid?

Beucher: Als mir an der Montanusschule der Posten des Schulleiters angeboten wurde, war mir klar, wie weit weg das von meiner Heimatstadt ist. Ich bin in meiner Zeit dort mehr als 120 000 Kilometer zur Arbeit und zurückgefahren. Die Schule selbst galt als problematisch. Für mich war es als Schulleiter wichtig, sie wieder dahin zu bringen, wo sie hingehört. Das war mit einem tollen, kreativen und innovativen Kollegium sehr gut machbar. Wir hatten eine tolle Atmosphäre an der Schule. Noch heute habe ich Kontakt zu einigen Kollegen von damals sowie zu anderen Burscheidern wie Bürgermeister Stefan Caplan oder dem Vorsitzenden des Stadtsportverbands, Bodo Jakob. Für mich war Burscheid ein toller Abschluss meiner Berufslaufbahn als Lehrer.

Zur Person

Friedhelm Julius Beucher, 1946 in Bergneustadt geboren, lebt bis heute in seiner Heimatstadt. Der SPD-Politiker saß von 1990 bis 2002 für Oberberg im Deutschen Bundestag, war Vorsitzender des Sportausschusses. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag kehrte er in den Schuldienst zurück und leitete bis zu seinem Ruhestand 2009 die Montanusschule.

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