Arachnida

Spinntiere sind unliebsam, aber nützlich

Eine Spinne hängt in ihrem mit Tautropfen behangenen Spinnennetz.
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Eine Spinne hängt in ihrem mit Tautropfen behangenen Spinnennetz.

Schneider-Wibbel und Spinnen nisten sich jetzt gerne in den Wohnungen ein.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. In Südbayern heißen sie „Haxensepp“ – im Bergischen sagen die Kinder „Pfui, ein Schneider-Wibbel.“ Die Milbentiere mit den kleinen Kompaktkörpern von Vorder-und Hinterleib und den überlangen, dünnen Beinen tauchen in den ersten nasskalten Tagen bei den Häusern der Menschen auf. Haustürecken oder Mauerstürzen genießen sie gemeinsam die letzten temperierten Flächen. Dabei scheinen die ungelenken Weberknechte aus der Gattung der Spinnentiere am liebsten mit ihren Artgenossen in einem dichten Pulk um die wärmsten Plätze zu konkurrieren.

Auch ihre entfernten Verwandten mit den superschmalen Flügeln aus der Gruppe der Schnaken unterhalten sich durch das Sirren ihrer durchsichtigen Antriebe hauptsächlich mit den eigenen Familienmitgliedern. Welche Sorte der unbeliebten Besucher zu welcher verzweigten Unterart der Arachnida gehört, ist wegen der vielen, noch unerforschten Nebenlinien nicht abschließend zu behaupten.

Jedenfalls gehören die Schneider-Wibbel und ihre flugtüchtigen Vettern nur ganz am Rande zur Spinnensippe. Weil sie beide keine Netze herstellen – wie auch – ohne Spinndrüsen.

Aber auch echte Webspinnen finden sich zur kälter werdenden Jahreszeit gerne mal an Stellen im Haus ein, wo es den Sommer über nirgendwo „gesponnen“ hat. Suchen auch sie die angenehmere Lufttemperatur in wenig genutzten Lagerräumen oder ähnlich ruhigen Verstecken? Der Unterschied zwischen drinnen und draußen ist für sie aber nicht der wichtigste Grund.

Gerade im Spätsommer und frühen Herbst nisten sich Spinnen besonders gerne in unseren vier Wänden ein. Umfragen britischer Forscher ergaben, dass die Bewohner zu den Tageszeiten morgens zwischen sechs und acht Uhr und zwischen 18 und 21 Uhr am wahrscheinlichsten in ihren Räumen einer Spinne begegneten. Rund 80 Prozent der gesichteten Achtbeiner waren Männchen, die vorwiegend an Wänden und auf dem Boden krabbelten. Die Weibchen hingegen hielten sich meistens in ihren Netzen in Garagen oder an Fensterbrettern auf. Es wirkte fast so, als würden sich die Tiere nach dem Lebenszyklus der Menschen richten.

Nun geh doch schon raus.

Renate Dreyer, Burscheiderin

Der Einzug von achtbeinigen Mitbewohnern in das eigene Zuhause kann kaum verhindert werden. Die Tiere passen auch durch die kleinsten Ritzen. Wer solche Gäste nicht dulden möchte, der sollte sie aber keinesfalls töten. Spinnen sind äußerst nützliche Tiere. Sie fressen zum Beispiel andere unerwünschte Insekten in der Wohnung. Außerdem sind sie in der Regel für den Menschen völlig ungefährlich. Also besser ein Glas über die Spinne stülpen, einen Karton oder festeres Papier darunter schieben und sie kurzerhand vor die Tür setzen.

Wer einmal zugeschaut hat, wie sich erst zwei, dann noch mehr behaarte Beine aus dem Abgussloch vom Waschbecken zum Licht schoben, war wohl nicht begeistert von diesem Anblick. Viele Menschen haben eine regelrechte Abscheu vor den großen Insekten.

Dagmar Kraus sieht bei dem Wort Spinne eine ganz bestimmte Szene vor Augen: Ein gemütliches Wannenbad wollte sie genießen. Am Boden der Wanne wartete aber ein schwarzes Untier von ca. zehn Zentimetern Durchmesser. Was tut eine entschlossene Hausfrau? Vorsichtig greift sie nach dem Schlauch mit dem Duschkopf und setzt den heißen Strahl punktgenau auf den „Feind“. Wie schnell flitzen acht Beine am glatten Wannenrand hoch und entkommen dem Nass auf der Flucht durchs Badezimmer in eine dunkle Möbelecke! Dagmar entsagte ihrem Badevergnügen und schloss die Zimmertür für einige Stunden. Ihre Familie wunderte sich: „Wieso sieht der Raum aus wie nach einer Springflut?“

Wie sensibel die schnellen Flitzer auch sein können, erstaunte die Kundin in einem ehemaligen Gemischtwarenladen. Renate Dreyer sprang zur Seite, als das schwarze Krabbeltier auf sie zu eilte. Die Verkäuferin nahm einen weichen Besen, stoppte die Spinne – die kauerte sich regungslos zusammen. Sekunden später entfaltete sie sich wieder, hastete ein Stück Richtung Ladenausgang und wurde wieder zum reglosen Fleck. Der Besen schob sie ganz sanft weiter zum Ausgang. „Nun geh doch schon raus!“ Der Besen war wirklich sehr vorsichtig. Aber es half nichts. Die Spinne rührte sich nicht mehr – Herzschlag und aus!

Die Paarungszeit der Spinnen lässt sich auf Mitte September bis Mitte Oktober eingrenzen. Die Jungspinnen schlüpfen aus ihren Eihüllen noch bevor die wirklich kalte Jahreszeit beginnt. Was in den letzten milden Sonnentagen an vielen Pflanzen glänzt, sind die ersten Netzwerke der Spinnenkinder, die mit dem Wind in die Welt getragen werden.

Hintergrund

Mit Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen – Spinne am Mittag bringt Glück am dritten Tag und Spinne am Abend köstlich und labend hatten die achtbeinigen Schädlingsreduzierer nicht das Geringste zu tun. Wo es Haushalte gab, in denen am Morgen das Spinnrad schnurren musste um den Verdienst aufzubessern, da nutzten die jungen Frauen die Pause am Mittag, um an ihrer Aussteuer ein Stück voran zu kommen. Und am Abend saßen die Freundinnen sangen Lieder dabei.

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