Historisches

Seine Leidenschaft galt den Farben des Lichts

Trotz Beeinträchtigung durch ein fast blindes Auge forschte Carl Pulfrich an feinmotorischen Apparaten. Archivfoto: Robert Krewaldt Kabinettfotografie
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Trotz Beeinträchtigung durch ein fast blindes Auge forschte Carl Pulfrich an feinmotorischen Apparaten.

Physikalisches Genie: Professor Dr. Carl Pulfrich wurde 1858 in Sträßchen geboren.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Außergewöhnlich waren seine Begabungen, außergewöhnlich seine wissenschaftlichen Erfolge – leider war auch sein Tod außergewöhnlich. Ist sein Name noch heute jemandem in Burscheid oder Umgebung bekannt? Professor Dr. Carl Pulfrich wurde am 24. September 1858 in Sträßchen geboren. Der älteste Sohn eines Lehrers durchlief seine Schulbildung wie ungezählte andere Kinder finanziell gut gestellter Eltern. In Mülheim/Ruhr besuchte Carl das Realgymnasium und begann als 18-Jähriger nach dem Abitur ein Studium in Physik, Mathematik und Mineralogie in Bonn.

Komplizierte photometrische Untersuchungen über die Absorption von Licht in isotropen und an-isotropen Medien fesselten seine Gedanken. Er vertiefte sich leidenschaftlich in dieses Fachgebiet und trug als Lohn für diese akribische Arbeit bereits 1881 den Doktortitel. Dem jungen Mann verordnete die Ableistung seiner Militärpflicht zuerst einmal eine längere Pause. Der neue Einstieg in eine fachgerechte Tätigkeit ließ etwas auf sich warten. Ein Jahr lang unterrichtete er Schüler an einem Essener Gymnasium.

Als sich das Physikalische Institut der Universität Bonn bei ihm meldete, nahm er natürlich diese Chance wahr. Zusammen mit den bereits bekannten Wissenschaftlern Rudolf Clausius und Heinrich Hertz entwickelte er verschiedene Techniken weiter. Wie sich Glas schleifen lässt, um die Lichtbrechung zu berechnen - das faszinierte den jungen Doktor der Physik ungemein. Ergebnisse in dieser Richtung von Fraunhofer und Abbé lagen bereits seit Jahrzehnten vor, boten Pulfrich aber ein weites Feld für eigene Experimente. Bald durfte er als Professor sein Wissen an Studenten weitergeben.

Ein großer Schritt nach vorn: Er lernte Ernst Abbé persönlich kennen. Was der geniale Burscheider über Total-Reflektometer und Refraktometer für Chemiker schrieb, hatte Abbé sehr beeindruckt. Abbé war zu dieser Zeit Teilhaber und wissenschaftlicher Leiter der weltbekannten optischen Werkstätten von Carl Zeiss in Jena. Pulfrich ließ sich gewinnen, mit Abbé in die Forschungsarbeit des Zeiss’schen Werks einzutreten. Ihm wurde die Abteilung für optische Instrumente anvertraut.

Sein Weitblick und seine Sorgfalt brachten bald erstaunliche Erfindungen hervor. Welcher Nutzer seiner Fokometer, Spektroskope oder Vergleichsspektroskope für Farbtechniker ist sich heute noch bewusst, wie viel unermüdliches Studium und zahlreiche Experimente der praktischen Verwendung vorausgingen? Sogar die Schönheit von Glas-Objekten in Form und Material sind zum großen Teil das Ergebnis von Professor Pulfrichs Entdeckungen.

Das komplette Spektrum des Lichts, der Farben und ihre praktische Umsetzungsvielfalt war eines von Pulfrichs Leidenschaften. Sein Interesse ging aber weiter. Auf der Naturforschertagung 1889 stellte er einen neuen stereoskopischen Entfernungsmesser vor. So ein Apparat wurde im 1. Weltkrieg unter dem Namen „Scherenfernrohr“ von Zeiss herausgebracht.

Pulfrich konstruierte das Stufenphotometer

Pulfrich konstruierte weiter: unter anderem ein neues Spiegelteleskop – und 1923 seine bekannteste Erfindung, das Stufenphotometer – eingesetzt bei komplizierten Augenuntersuchungsstufen. Diese feinmotorigen Apparate gelangen dem physikalischen Genie trotz seiner eigenen schweren Beeinträchtigung durch sein fast blindes linkes Auge.

Erwähnenswert ist auch der kaum bekannte Gegenstand, der im medizinischen Bereich einen Riesen-Fortschritt brachte. Zusammen mit dem jungen Privatdozenten Ludwig Heilmeyer entwickelte Pulfrich aus primitiven Einzelteilen eine Abart des Stufenphotometers zur präzisen Bestimmung von Harnfarben. Damit lassen sich gesunde und krankhafte Zustände des Körpers exakt bestimmen.

So sehr er sich auch in seine Arbeit vertiefte – es blieb ihm auch Zeit für sein privates Familienleben. 1891 heiratete er Mathilde Doll. Sie war die Tochter des Geodäten Max Doll (1833-1905). Mathildes Schwester war die Ehefrau von Heinrich Hertz, Pulfrichs erstem Mentor an der Bonner Universität. 1923 wurde Pulfrich von der Technischen Hochschule München zum Ehrendoktor ernannt, 1926 zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher „Leopoldina“. Er war Träger des Roter-Adler-Ordens IV. Klasse und des Offizierkreuzes des Franz-Joseph-Ordens.

Seit 1968 wird der Carl-Pulfrich-Preis für Leistungen auf dem Gebiet des Vermessungswesens vergeben. 2020 wurde ein Krater auf dem Zwergplaneten Pluto nach Pulfrich benannt. Damit ehrte man seine Erfindung des Blinkkomparators, mit dem der Zwergplanet entdeckt wurde.

Sein Tod war unerwartet. Pulfrich unternahm am 12. August 1927 während eines Urlaubs an der Ostsee eine Kanufahrt aufs Meer hinaus. Das Boot kenterte – und Pulfrich ertrank.

Wissenschaft

Der 1922 entdeckte Pulfrich-Effekt ist ein Effekt der Wahrnehmungsphysiologie. Der Effekt wird durch die helligkeitsabhängige Verzögerung der Wahrnehmung von optischen Reizen verursacht. Diese Verzögerungszeit liegt bei 250 bis 300 Millisekunden. Der Effekt beruht auf der Tatsache, dass helle optische Reize vom Auge schneller wahrgenommen werden als dunkle Reize. Die optische Information eines im Sichtfeld dunkleren Objektes gelangt damit später zum Gehirn als die eines hellen Objekts.

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