Schulbeginn

Schultüten wachsen an einem Baum

Heute wie gestern: Die Schultüte am ersten Schultag muss sein. Und was sich in ihr verbirgt, ist so unterschiedlich, wie es die Kinder und Eltern sind.
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Heute wie gestern: Die Schultüte am ersten Schultag muss sein. Und was sich in ihr verbirgt, ist so unterschiedlich, wie es die Kinder und Eltern sind.

Unsere Autorin untersucht den Ursprung des unentbehrlichen Utensils zu Schulbeginn.

Von Ursula Hellmann

Am 11. Februar 1776 wurde der Pfarrerssohn Karl-Gottlieb Bretschneider in Gersdorf (Sachsen) geboren. Mit fünf Jahren reihte er sich in die kleine Schar Knaben ein, die bereits eine offizielle Schule besuchten. Stolz und vorsichtig trug Karl an seinem ersten Schultag im Jahr 1782 eine „Zuckertüte“ im Arm. Dieses nette Willkommens-Geschenk bekamen die Kinder von ihrem Lehrer, manchmal auch vom evangelischen Kantor. Die Sitte wurde bald zu einem festen Ritual für Erstklässler.

So erwähnte der damals bekannte Musiklehrer und Chorleiter Johann Daniel Elster im Jahr 1801 diese Zuckertüten-Gabe bereits als „einen alten Brauch“. Er bekam seine Mutmach-Tüte vom Kantor im thüringischen Bernshausen. Die Stadtkantoren von Jena, Dresden und Leipzig schlossen sich dieser Tradition an.

Kinder glaubten fest an die Erklärung der Lehrer

Woher hatten die freundlichen Geber nun die bunten, mit hübschen Dingen gefüllten Tüten? Die Kinder glaubten fest an die Erklärung der Lehrer: „In meinem Hauskeller steht ein Schultütenbaum. Daran wachsen die kleinen Tüten und werden langsam größer. Wenn sie reif sind, pflücke ich für jeden Schulneuling eine Tüte ab.“

Geboren war die Idee, um den Kindern den zeitweisen Abschied vom Elternhaus zu versüßen, wie auch die Angst vor dem Neuen, dem Lernen, zu nehmen. Die hübsch verzierten „Zuggodühde“ waren lange nur in Mitteldeutschland bekannt. Selbst in der Großstadt Berlin kamen sie erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg an. Von dort nahmen sie ihren Weg langsam west- und südwärts. Nun waren aber nicht mehr Lehrer und Kantore die freundlichen Geber. Später übernahmen die kirchlichen Taufpaten auch die Patenschaft für diesen angenehmen Schulstart.

In Österreich kamen die Schultüten erst zur NS-Zeit auf

Über Schultüten in allen Farben freuen sich Österreichs „i-Dötzchen“ erst seit dem Beginn der NS-Zeit. Zwischen den aufwändig gestylten Kunstwerken finden sich auch immer noch liebevoll selbst gebastelte Exemplare. Seit dem Start des deutschen Wirtschaftswunders sind nur sehr selten Erst- oder Wechselschüler dabei, denen keine „Mutmach-Tüte“ den neuen Start versüßt. Voller Erwartung auf die in ihr verborgenen Geheimnisse dürfen die Beschenkten sie erst am Ende des ersten Schultags öffnen.

So vielseitig bunt und exotisch die Schultüte äußerlich daherkommt, lässt das nicht unbedingt auf ihren Inhalt schließen. Vom Lutschbonbon über Spielzeug und Schulartikel bis zum großzügigen Geldgeschenk im Umschlag variieren die Inhalte wohl auch noch heute beträchtlich.

In Thüringen gibt es eine Variante mit Span-Schachteln

Ein interessantes Pendant zur Spitztüte erhalten die Kinder in der Thüringer Gemeinde Vogtei. Bildmotive und Sprüche zieren kleine Span-Schachteln, enthalten aber die gleichen leckeren Süßigkeiten.

Schultüten in verschiedenen Größen erfreuten auch bereits Erstklässler, die heutzutage selbst ihre Ur-Enkel mit diesem Wunder aus Pappe und Farbe beglücken. Christel Eisert aus Burscheid zum Beispiel fand es besonders gut, 1958 gleich zwei der spitzen Tüten ihr eigen zu nennen - eine von den Eltern und eine von den Pateneltern. Ruth Schorn ist sich nicht sicher, ob sie 1950 solch eine Tüte bekam. Dafür prangte jetzt im Arm ihrer Ur-Enkelin einer dieser Behälter für Süßes plus Gaben mit hübschen praktischen Sachen. In Gunnel Durdels Geburtsland Schweden war der Brauch dagegen zu ihrer Kinderzeit völlig unbekannt.

Freude machen die bunten Spitztüten auch heute auch Neustartern beim Berufswechsel und jeder Art anderer Wechsel auf dem Ausbildungsweg.

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