Archiv

Sascha Kempf ordnet die Schätze der Stadt

Archivar Sascha Kempf zeigt das älteste Buch des Bestands: Es stammt aus dem Jahr 1666. Fotos: Nadja Lehmann
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Archivar Sascha Kempf zeigt das älteste Buch des Bestands: Es stammt aus dem Jahr 1666.

Im Souterrain des Rathauses befindet sich das Archiv, das offen ist für alle Interessierten.

Von Nadja Lehmann

Sascha Kempf streift sich die Handschuhe über, hebt den Kartondeckel hoch und streicht behutsam über den Einband. Zart und zerbrechlich sieht das kleine Buch aus, dessen Hülle aus dunkelbraunem Papier besteht und dessen Rücken schon nicht mehr existiert. „Es bröckelt schon ein bisschen“, sagt der Burscheider Stadtarchivar.

So sah er einmal aus, der Bergische Volksbote. Bis heute sammelt das Archiv alle Ausgaben.

Das darf es auch. Die von Wilhelm Ludwigs Paffenlöhe verfasste Schrift ist ein Wirtschafts- und ein Tagebuch und das älteste Buch im Archiv: Es stammt aus dem Jahr 1666. Sascha Kempf blättert ein paar Seiten weiter: „Da ist noch etwas Besonderes drin“, kündigt er an, und dann steckt es schon zwischen den Seiten, das vierblättrige Kleeblatt, das vermutlich so alt ist wie das kleine Buch. In dem Burscheid noch „Bourscheid“ heißt und in dem auf der ersten Seite der Finder bei einem möglichen Verlust um Rückgabe des Büchleins gebeten wird.

Im Souterrain des Rathauses ist das Archiv untergebracht. Es ist das kulturelle Gedächtnis der Stadt. An den Wänden hängen die Fotos einiger Bürgermeister aus Zeiten, als die Belichtung noch Minuten dauerte. In den Schränken stehen Geburts- und Hochzeitsregister, stehen alte Akten – und alle Ausgaben des Bergischen Volksboten seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1864 – damals noch als Bleiwüste, in der die Buchstaben dicht an dicht sitzen. „Wir haben hier“, sagt Sascha Kempf, „mehr als 4000 verzeichnete Objekte.“

„Man muss sich auch trauen, etwas wegzuschmeißen.“
Sascha Kempf

Sechs Stunden in der Woche kümmert sich der studierte Historiker ums Burscheider Archiv, ist sonst an der Uni in Bonn tätig und sitzt gerade an der Promotion. „Geschichte hat mich schon in der Schule interessiert“, erzählt der 33-Jährige. Zwar hatte er zunächst ein Chemiestudium aufgenommen, „aber dann habe ich doch schnell gemerkt, wohin es mich zieht.“ Das Burscheider Archiv lernte er schon während des Studiums in Bonn kennen, arbeitete mit seinem Vorgänger Dr. Axel Bayer zusammen: „Als er dann wegging, habe ich mich auf die Stelle beworben. Der Vorteil war ja, dass ich mich schon auskannte.“ 2018 war das.

Seitdem sichtet und sortiert Kempf immer donnerstags die alten Schätze, die das Archiv birgt. Katalogisiert sie und nimmt sie in den Bestand auf. Oder auch nicht.

Der 1-Million-Mark-Schein, der in Burscheid selbst gedruckt wurde. Auf der Rückseite ist das Wappen der Stadt.

„Man muss sich auch trauen, etwas wegzuschmeißen“, sagt Kempf. Denn das sei schließlich die Aufgabe eines Archivars: Zu beurteilen, was für künftige Generationen wichtig ist. Und auch für die jetzigen. Denn selbst wenn die Räume der typisch intensive Duft nach altem Papier durchzieht: Museal ist hier nichts. „Wir stehen für alle offen“, sagt Kempf. Akten, Bücher, Listen: Die Burscheider dürfen einen Blick riskieren – nach vorangegangener Anfrage. Nicht wenige forschen hier voller Akribie nach familiären Wurzeln.

„Aber zunächst sind wir für die Kommunalverwaltung und deren Schriftgut zuständig“, betont Kempf. Laufzeiten für solche Akten liegen zwischen fünf und 30 Jahren. Derzeit wird in einem Bereich der Kellerräume gerade ausgemistet.

Der Bestand gliedert sich in vier Abschnitte: In den ersten, der auch der größte ist, und der von 1817 bis 1945 reicht; in den zweiten bis 1974, in den dritten, der bis ins Hier und Heute geht; und zuletzt in den vierten mit Nachlässen, den Memorabilia der Burscheider selbst und den Hinterlassenschaften teils schon nicht mehr existenter Vereine.

Kurioses kann der Besucher da in den Regalen entdecken. Wie den Karton zur „Rindvieh-Versicherung Heide“ oder die „Stierhaltungsgenossenschaft Burscheid“. „Eine große Lücke klafft zwischen ´33 und ´45“, bedauert Kempf. Viele Akten seien vernichtet worden.

Die älteste Verwaltungsakte stammt aus dem Jahr 1817 – geschrieben per Federkiel in schwer lesbarer Currentschrift. Da befindet sich Burscheid unter preußischer Herrschaft, und sein Bürgermeister heißt Mathias Pott. Sein Privathaus in Dünweg fungiert als Rathaus: So war es Usus. Das erste Rathaus liegt in Straßerhof, das auch zum wichtigen Knotenpunkt wird. Zwei Mal täglich verkehrt die Postkutsche zwischen Köln und Berlin, und in Straßerhof werden, vom Rheinland kommend, das erste Mal die Pferde gewechselt. Sogar Dichterfürst Goethe soll dort angehalten haben.

„Und hier“, sagt Kempf, „ist unser Inflationsgeldschein.“ Eine Million Mark steht darauf. Gedruckt in Burscheid höchstselbst: Auf der Rückseite ist das städtische Wappen. Dann packt er seine Schätze wieder ein und stülpt die Deckel über die Kartons. Extra säurefrei sind sie. Denn Metall und Säure sind die größten Feinde für altes Papier.

Hintergrund

Fundstück: Der neue Eigentümer des ehemaligen Jugendzentrum-Geländes in Sträßchen. Hendrik van Elst, überreichte im Oktober den beim Gebäudeabriss entdeckten Grundstein mit dem eingeprägten Datum 27.07.1951. Gefunden wurde auch eine unter dem Grundstein verborgene Kupferhülse mit Urkunde und einer Ausgabe des Bergischer Volksbote vom 2./3. Juni 1951 sowie eine ausführliche Beschreibung der Burscheider Situation zur Zeit der Grundsteinlegung. Ein kleiner Schatz, der auch im Archiv lagert und zugänglich gemacht werden soll.

Kommentar: Geistige Offenheit

Von Nadja Lehmann

Das Burscheider Stadtarchiv schottet sich nicht ab. Im Gegenteil: Es steht allen Burscheidern und allen Interessierten offen. „Wir freuen uns auch sehr, wenn uns Schulen besuchen“, sagt Archivar Sascha Kempf.

nadja.lehmann@rga-online.de

Und die wiederum tun ihren Schülern etwas Gutes, wenn sie ihnen zeigen, dass die Gegenwart eine Vergangenheit hat, dass es Entwicklungen, Kontinuitäten, Verschiebungen gibt. Wir alle stehen auf einem tief gegründeten Fundament. Es ist gut, darum zu wissen. Auch für eine Stadtgesellschaft. 

Das Hamburger Abendblatt hat ein Motto, das seit der ersten Ausgabe im Titelkopf steht: „Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen“. Es macht deutlich, dass man diese geistige Offenheit dann erwirbt, wenn man um das Gestern und Heute im Kleinen weiß. Ein Stadtarchiv ist eine Schatzkammer, die zu bewahren sich lohnt. Ein Gedächtnis der Stadt.

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