Kulturbadehaus

Radikale Performerin vermag Grenzen zu sprengen

Schauspielerin? Tänzerin? Bridge Markland lässt sich in keine Schublade stecken und vermag Konventionen zu sprengen.
+
Schauspielerin? Tänzerin? Bridge Markland lässt sich in keine Schublade stecken und vermag Konventionen zu sprengen.

Mit „nathan in the box“ kommt die Berlinerin Bridge Markland ins Kulturbadehaus. Rasantes Solo mit Puppen und Musik.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Alles muss in den großen, L-förmigen Koffer passen: Die Kostüme, die Puppen, die berühmte „Box“, die inzwischen gar kein Pappkarton mehr ist, sondern ein Gebilde aus Vorhang und Plastikgestänge. Im Rucksack ist das persönliche Gepäck verstaut. Bridge Markland ist zu ihren Auftritten stets mit dem Zug unterwegs. Auch Richtung Burscheid wird das nicht anders sein. „Ich kann nicht autofahren“, sagt sie. Es passt zu einer Frau, die sich nie um Konventionen und Bequemlichkeiten geschert hat. Am 11. März tritt sie im Kulturbadehaus auf – mit ihrem Stück „nathan in the box“. Lessings Stück auf 75 Minuten hinuntergebrochen: entstaubt, gegen den Strich gebürstet – und mit großer Liebe betrachtet. „Aktueller geht es nicht. Die Weltgeschichte holt mich ein“, sagt Bridge Markland mit Blick auf Lessings Botschaft von Frieden und Toleranz. Oder, wie es mal ein mit ihr befreundeter Deutschlehrer formulierte: „Nathan geht immer!“

Bridge Markland steht allein auf der Bühne; doch wer mit ihr spricht, merkt schnell, wie stark sie ihre Inspiration aus ihrem Umfeld schöpft, wie wichtig das Team ist, das hinter den Kulissen mitarbeitet, wie wichtig die Freunde sind, wie wichtig Erinnerungen und Erfahrungen.

Ihr Nathan gehört in ihre Klassiker-Reihe „in the box“, in der ein Pappkarton eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Er wird zur Bühne, zur Welt. Zu verdanken ist er einer Fernbeziehung in den neunziger Jahren: „Ich war damals mit einem Mann zusammen, der in New York ganz schrille Performances gemacht und dabei mit Pappkartons gearbeitet hat“, erzählt Markland. Sie selbst stand damals in Berlin im Nebenjob Modell. „Da hatte ich Zeit“, sagt sie trocken: „Ich habe nachgedacht.“ Sie ließ sich einen Pappkarton bauen und nahm die Nacktheit beim Modellstehen als Anlass, zu fragen: Was soll ich anziehen? Der Pappkarton fungierte als schützende Hülle, mit Öffnungen aber auch als Einladung: „Eine Kunst-Peepshow“, sagt Markland.

Dass es in der Box auch Platz für Klassiker gab, bewies das Jahr 2005. Da wurde Markland angesprochen, ob sie etwas zum Schillerjahr machen könne. „Klassiker hab´ ich noch nie gemacht“: So fiel die Reaktion der gebürtigen Berlinerin zunächst aus. Doch dann erwies sich die Box erneut als strapazierfähiges Experimentierfeld; es entstand eine wilde Collage aus Biografie und Musikschnipseln, und Markland übernahm die Rolle des Schiller gleich selbst. Ein Anknüpfen an die Zeit in der Theater-AG ihrer Spandauer Schule: „Da habe ich einen König gespielt.“

Hosenrollen ermöglichten Markland Freiheit

Die Hosenrollen ermöglichten Markland die größtmögliche Freiheit. Bis heute hebt sie auf der Bühne Geschlechterzuweisungen mühelos auf, ist Mann, ist Frau, übernimmt alle rollen selbst, springt in rasendem Tempo hin und her. Bridge Markland ist zu sehen, aber nicht zu hören: Sie spielt mit ihren Puppen im Vollplayback und konzentriert sich ganz auf Mimik und Gestik. Die Musik spielt dabei eine wesentliche Rolle. Im Nathan reicht die Bandbreite von Roland Kaiser bis Rammstein.

Die Annäherung an ein Stück dauert. Kleist hat sie schon bearbeitet, Büchner und Gerhard Hauptmann. „Beim Nathan habe ich mit Regisseur Nils Foerster zusammengearbeitet. Zuerst haben wir uns gegenseitig den Text vorgelesen“, sagt Bridge Markland. „Dann haben wir gekürzt.“ Radikal. Beim Faust flog einst sogar die Gretchen-Frage raus. „Der Nathan ist das älteste Stück. Die Sprache ist altertümlich. Die Botschaft sensationell.“ Markland und Foerster frischten die Sprache auf, Eva Garland stellte die Kostüme und Requisiten zusammen, Sound-Designer Tom Hornig schuf die musikalische Collage. Sie höre viel Radio, erzählt Markland, und manchmal komme die Musik wie von selbst zu ihr: Wie die Talking Heads mit „Bring down the house“, das läuft, wenn das Haus Nathans in Flammen aufgeht. Oder „Send me an Angel“ von den Scorpions, wenn der Tempelherr Nathans Tochter Recha rettet.

Die Texte sprechen Schauspieler ein, mit denen Markland schon lange zusammenarbeitet. „Ich habe mich aufs Mimische und Gestische spezialisiert. Das kann ich. Aber meine Stimme kann ich nicht so gut verändern.“

Markland kannte Playback bereits als Kunstform aus Travestie- und Dragshows. Denn freche Gender-Performances, die Frage, ob trans oder non-binär, die hat sie schon vor Jahrzehnten durchdekliniert, als das niemandem in den Sinn gekommen wäre. „Wir planen in diesem Jahr ein großes Drag-Festival in Berlin. Dabei werde ich mit jungen Leuten zusammenarbeiten“, verrät die 1961 Geborene.

Im Auftritt verschmelzen ihre Talente zu einer Einheit

In ihren Performances verbinden sich alle ihre Talente zu einer Einheit: Die Fähigkeit zur Improvisation aus ihren Ursprüngen als Tänzerin, die Radikalität aus den Drag-Shows, ihr Mut zur Selbstentblößung. Intensiv, und manchmal sogar verstörend unheimlich, wirkt Bridge Markland auf der Bühne. Eine Intensität, die ihre Wurzeln in Verletzlichkeit hat: „Mein Vater hat, als ich 17 war, aufgehört, mit mir zu sprechen und mich wahrzunehmen“, sagt Markland. Ihre Auftritte, bei denen sie vor Corona gerne hautnah durchs Publikum ging, seien wie ein Ruf nach „Guck mich an!“ Ein Trauma, mit dem sie gelernt habe, umzugehen, sagt Bridge Markland und lässt kurz auch die Tragik des Vaters aufschimmern: der jüdische Berliner Junge, der mit viel Glück die Nazis überlebte, der als Kriegsgefangener nach England ausgetauscht wurde, seinen Namen anglisierte und der als britischer Besatzungssoldat nach Berlin zurückkehrte. „Und der dort meine Mutter kennenlernte und blieb“, sagt Markland.

Ihr selbst, der wagemutigen, unerschrockenen Performerin, die um Ängste und Ballast weiß, ist ihre Heimatstadt Anker und Halt. Weggezogen ist sie nie aus Berlin. „Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben.“

Auftritt

Am Freitag, 11. März, tritt Bridge Markland um 19.30 Uhr im Kulturbadehaus auf – mit „nathan in the box“, Lessings „Nathan der Weise“ für die Generation Popmusik. Humanität und Toleranz können Gräben überwinden: Das zeigt die Berliner Performerin in ihrer rasanten One-Woman-Puppen-Verwandlungs-Playback-Show. Karten gibt es hier:

www.bergisch-live.de

www.kulturverein-burscheid.de

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Weihnachtsmarkt: Lüttringhausen rückt eng zusammen
Weihnachtsmarkt: Lüttringhausen rückt eng zusammen
Weihnachtsmarkt: Lüttringhausen rückt eng zusammen
Wo ist dieses Foto 1960 entstanden?
Wo ist dieses Foto 1960 entstanden?
Wo ist dieses Foto 1960 entstanden?
Falscher Bankmitarbeiter trickst Seniorin am Telefon aus
Falscher Bankmitarbeiter trickst Seniorin am Telefon aus
Falscher Bankmitarbeiter trickst Seniorin am Telefon aus
S 7: Diese Fahrten fallen heute aus
S 7: Diese Fahrten fallen heute aus
S 7: Diese Fahrten fallen heute aus

Kommentare