Interview

„Politik muss den Leuten eine Perspektive geben“

Geschäftsführer Maryo Fietz sieht in einem zweiten Lockdown für die Wirtschaft große Problem. Dieser würde viele Betriebe um ihre Existenz bringen. Archivfoto: Doro Siewert
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Geschäftsführer Maryo Fietz sieht in einem zweiten Lockdown für die Wirtschaft große Problem. Dieser würde viele Betriebe um ihre Existenz bringen.

Unternehmer Maryo Fietz blickt auf die aktuelle Lage in der PandemieHerbstsitzung der Unternehmer aus Burscheid und Odenthal.

Von Stephan Eppinger

Wie schätzen Sie die Lage derzeit ein?

Maryo Fietz: Die Automobilbranche hat sich deutlich erholt. Dort ist es immer noch schwierig, aber akzeptabel. Beim Maschinenbau sehen wir Licht am Ende des Tunnels, da ist jetzt die Talsohle erreicht. Ein Problem für uns hier vor Ort ist, dass die Leute reihenweise ausfallen, weil sie in Quarantäne gehen müssen. Im Versand fehlt das halbe Team, da müssen wir sehen, wie wir unsere Produkte noch ausliefern können. Das, was wir an Erholung erreicht haben, wird jetzt durch die zweite Welle wieder kaputtgemacht.

Wie hat sich das Verhältnis der Menschen zur Pandemie geändert?

Fietz: Der Respekt, den die Leute noch im Frühjahr vor dem Virus hatten, ist jetzt weg. Da ist ein gewisser Lässigkeitsfaktor eingekehrt. Die Leute haben mehr Angst vor der Wiederwahl Trumps als US-Präsident als vor der Pandemie. Ich stelle da eine gewisse Gleichgültigkeit fest. Auch der Widerstand gegen die Hygieneregeln wächst. Viele reagieren genervt darauf. Ich selbst gehöre zur Risikogruppe und ziehe mich wieder zurück. So werden Termine mit mehreren Leuten vor Ort gestrichen.

„Ein Lockdown alleine bringt nichts, er richtet nur großen wirtschaftlichen Schaden an.“

Maryo Fietz, Unternehmer aus Burscheid

Wo liegen die Ursachen dafür?

Fietz: Ein Problem ist die große Unsicherheit. In jedem Bundesland und teilweise selbst in den Landkreisen gelten andere Regeln und man wird sich nicht einig. Auch die Gesundheitsämter stimmen sich nicht ab und sind auch nicht für den Bürger erreichbar. Ich habe es selbst gerade beim Bürgertelefon mehrfach erfolglos versucht. Die Unaufgeräumtheit in der Politik stellt für Unternehmen ein großes Problem dar. Ich muss jetzt wichtige Investitionsentscheidungen für das kommende Jahr treffen und weiß nicht, wie es 2021 weitergehen wird. Das China-Geschäft hat gerade das alte Niveau erreicht und auch andere Märkte erholen sich. Das ist jetzt wieder in Gefahr.

Was würde ein Lockdown bedeuten?

Fietz: Ein Lockdown wäre der Supergau für die Wirtschaft, den viele Unternehmen nicht überleben würden. Wir selbst sind als Unternehmen ganz gut aufgestellt und haben noch finanzielle Reserven, mit denen wir eine Weile durchhalten können. Die Industrie musste im Frühjahr auch nicht schließen. Ein Problem war, dass das bei unseren Kunden teilweise der Fall war und dass durch den Lockdown so Lieferketten unterbrochen worden sind. Da hat sich unsere Branche jetzt neu und besser aufgestellt. Für Bereiche, an denen viele Menschen zusammenkommen wie Restaurants, Bars, Kneipen oder auch bei Veranstaltungen wäre ein Lockdown eine Katastrophe, die viele Unternehmen nicht überstehen werden. Das sind auch indirekt Kunden von uns, die, wenn sie pleite sind, keine Autos mehr kaufen können.

Wie schützen Sie ihre Mitarbeiter im Unternehmen?

Fietz: Wir haben insofern Glück, da bei uns einzeln an Maschinen gearbeitet wird, die mit genügend Abstand aufgestellt worden sind. Wer sich in die Gänge dazwischen begibt, muss eine Maske tragen. Da ist allerdings die Akzeptanz nicht mehr so hoch. Wir ziehen unser Hygienekonzept aber trotzdem durch.

Welchen Weg sollten wir in Deutschland jetzt einschlagen?

Fietz: Deutschland steht im europäischen Vergleich trotz der steigenden Zahlen noch gut da. Da haben andere Länder wie Frankreich mit 50 000 Neuinfektionen pro Tag deutlich größere Probleme. Ich sehe es nicht für sinnvoll an, mit Strafen oder Bußgeldern zu arbeiten. Das geht nur mit Überzeugung der Menschen. Und da tut sich die Politik sehr schwer, da die Menschen ihr nicht mehr vertrauen. Im Frühjahr hat man sich noch ängstlich zurückgezogen und ist zu Hause geblieben. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Für mich gibt es daher nur zwei Auswege: Man bräuchte mehr Schnelltest, bei denen ähnlich wie bei Alkoholtest das Ergebnis direkt ablesbar ist. So kann man Menschen, die infiziert sind, aussortieren, was auch Großveranstaltungen wieder möglich machen würde. Dazu kommt der Impfstoff, der die Lage deutlich entspannen würde. Ein Lockdown alleine bringt nichts, er richtet nur großen wirtschaftlichen Schaden an. Der Mensch ist außerdem ein geselliges Wesen und wird krank, wenn er isoliert wird. Man müsste in der Politik statt Strafen den Leuten jetzt wieder Perspektiven geben.

In der Herbstsitzung des Wirtschaftsgremiums Burscheid/Odenthal der Industrie- und Handelskammer zu Köln wurde der bisherige Vorstand um den Vorsitzenden Maryo Fietz, Geschäftsführer der Fietz Kunststofftechnik GmbH in Burscheid, in seinem Amt bestätigt. Als Stellvertreter stehen ihm weiterhin Remi Selbach, Vorsitzender der Werbegemeinschaft „Wir für Burscheid“ und Geschäftsführer der Dibo-Tierkost GmbH in Burscheid, sowie Markus Wißkirchen vom gleichnamigen Hotel und Restaurant in Odenthal-Altenberg zur Seite.

Schwerpunktthema der Sitzung war die Auswirkung der Corona-Pandemie für die örtliche Wirtschaft. Die Betroffenheit differenziert dabei sehr stark nach Branche. Während Unternehmen aus der Automobilzuliefererbranche im Frühjahr stark beeinträchtig waren, konnte nach dem Lockdown eine leichte Erholung einsetzen. Die Gastronomie und die Veranstaltungsbranche sind trotz kreativer Ideen immer noch stark getroffen. Es sind nach wie vor viele Mitarbeiter in Kurzarbeit. Einig war sich das Gremium über die folgenschweren Auswirkungen eines erneuten Lockdowns. Maryo Fietz brachte es auf den Punkt: „Ein zweiter Lockdown wäre eine Katastrophe, da er viele Wirtschaftsbetriebe um die Existenz bringen würde.“

„Fachkräftemangel wird uns auch nach Corona auf den Fersen bleiben.“

Eva Babatz, Leiterin der Geschäftsstelle Leverkusen/ Rhein-Berg der IHK Köln

Als großes Problem schilderten die Unternehmen, dass Mitarbeiter aufgrund von Quarantäne am Arbeitsplatz fehlen. Vereinzelt müssen hierfür sogar Leiharbeiter eingesetzt werden. Eva Babatz, Leiterin der Geschäftsstelle Leverkusen/Rhein-Berg der IHK Köln, die das Wirtschaftsgremium geschäftsführend betreut, riet den Anwesenden dazu, trotz Corona in die Ausbildung zu investieren: „Es gibt zurzeit noch viele junge Menschen, die unversorgt sind. Wir appellieren daher an die Unternehmen, weiterhin offene Stellen zu melden, denn der Fachkräftemangel wird uns auch nach Corona auf den Fersen bleiben.“

Burscheids Bürgermeister Stefan Caplan und Odenthals Bürgermeister Robert Lennerts, die ständige Gäste im Gremium sind, berichteten über die aktuelle finanzielle Lage in ihren Kommunen. Beide haben Mindereinnahmen bei der Gewerbe- und der Einkommenssteuer sowie gleichzeitige Mehrausgaben für Materialaufwand in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zu verzeichnen. Grundsätzlich seien beide Kommunen finanziell aber noch solide aufgestellt und können im Rahmen der Stadtentwicklung weiter investieren.

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