Sozialausschuss

Politik kämpft um die Pflegeberatung vor Ort

Sie bilden das starke Duo der Burscheider Senioren- und Pflegeberatung: Cosima Mai (links) und Ute Scharf. Archivfoto:
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Sie bilden das starke Duo der Burscheider Senioren- und Pflegeberatung: Cosima Mai (links) und Ute Scharf.
  • VonNadja Lehmann
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Sozialausschuss bringt Resolution auf den Weg, über die der Rat befinden wird

Burscheid. Sie sind gefragt: Bereits im ersten Halbjahr 2021 berichteten die beiden städtischen Beraterinnen Ute Scharf und Cosima Mai von einem starken Anstieg der Anfragen zur Senioren-, Pflege- und Wohnberatung: „Die ortsnahen, individuellen und hilfreichen Beratungsmöglichkeiten werden sehr dankbar angenommen und haben in den vergangenen zwei Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.“ Ein Eindruck, den Ute Scharf nun auf der Sitzung des Sozialausschusses unterstrich. „Der Anteil der Klienten steigt kontinuierlich. 2016 hatten wir 136 Fälle, 2020 182 und im noch laufenden Jahr 189.“ Tatsächlich seien es sogar noch weitaus mehr, nämlich bis zu 700 Fälle, schätzte Scharf auf der Sitzung im Haus der Kunst. „Offiziell gezählt wird nur, wenn eine Akte angelegt wird.“

Es sind Zahlen, die umso bedeutsamer sind, weil die Pflegeberatung in dieser Form auf der Kippe steht. Bereits 2019 hatte der Kreis angekündigt, die Pflegeberatung neu strukturieren und zentral steuern zu wollen – was nicht nur in Burscheid, sondern auch im benachbarten Wermelskirchen Empörung ausgelöst hatte. Auch dort gibt es eine Pflegeberatung vor Ort.

„Wir wissen beide über alle Fälle Bescheid.“

Ute Scharf

Damit die Beratung auf kommunaler Ebene verbleibt, wurden beispielsweise in Burscheid Unterschriften gesammelt. Der Kreis ruderte zurück. Im September 2020 hieß es, die Senioren- und Pflegeberatung bleibe weiterhin in kommunaler Hand; so sei es in einer Videokonferenz der Städte mit Landrat Stephan Santelmann und dem Sozialdezernenten des Kreises, Markus Fischer, verhandelt worden. Renate Bergfelder-Weiss, Sprecherin der Stadt Burscheid, teilte damals mit: „In weiteren Gesprächen mit den Verantwortlichen des Kreises werden rechtliche Fragen, die Finanzierung und das Qualitätsmanagement im Detail abgestimmt.“

Dann wurde es ruhig um die Angelegenheit. Bis jetzt. Im Oktober wandte sich das Bündnis für Burscheid (BfB) alarmiert an den inzwischen verstorbenen Bürgermeister Stefan Caplan. „Aus einer Mitteilungsvorlage der Kreisverwaltung zur Sitzung des Kreis-Ausschusses für Arbeit, Soziales und Pflege Anfang September geht hervor, dass der Kreis weiterhin plant, die Senioren- und Pflegeberatung in den kreisangehörigen Städten und Gemeinden zu zentralisieren“, schrieb der BfB-Fraktionsvorsitzende Michael Baggeler an Caplan. Seine Bitte: Man möge das Thema auf der Sitzung des nächsten Sozialausschusses behandeln. „Die BfB-Fraktion betont mit Nachdruck – und da sehen wir uns sicherlich an der Seite aller Fraktionen im Rat der Stadt Burscheid –, dass für uns auch weiterhin eine Zentralisierung der Senioren- und Pflegeberatung durch den Kreis nicht in Frage kommt“ – so hatte es Michael Baggeler in dem Schreiben betont.

Dass der Kreis seine Pläne aber schon vorangetrieben hat, machte Ute Scharf nun in ihrem Vortrag deutlich. Denn das Amt für Soziales und Inklusion des Kreises hat die allgemeine Beratungs- und Unterstützungsstelle „ABU-RBK“ eingerichtet: Sie soll über Leistungsansprüche sowie Hilfen in den Bereichen Alter, Pflege, Wohnen, Behinderung und Familie beraten. „Da gibt es bereits vier Mitarbeitende, die als Lotsen fungieren sollen“, berichtete Scharf. Die Kontaktaufnahme erfolge via Hotline – mit wechselnden Mitarbeitern.

„Wir wissen beide über alle Fälle Bescheid“: So beschrieb Scharf ihr eigenes Selbstverständnis und das ihrer Kollegin Cosima Mai. „Wir kennen die Leute, die kennen uns.“ Ein Netzwerk sei entstanden, das auch als Frühwarnsystem fungiere: „Nachbarn rufen uns an, wenn sie sich Sorgen um jemand machen. Die Polizei informiert uns, Sparkassenmitarbeiter sprechen uns an, wenn sie den Eindruck haben, ein Kunde braucht Hilfe.“

Das Aufgabenfeld ist umfassend

Entscheidender Faktor aber: Die Mund-zu-Mund-Propaganda. „Denn Beratung lebt von denen, die kommen. Die Vertrauen haben. Wir können keine Beratung aufdrängen“, betonte Scharf. Das Aufgabenfeld ist riesig, reicht von der Feststellung der Pflegebedürftigkeit, über Hilfe bei Antragstellungen bis zur Beratung von Hilfsmitteln, dem Augenmerk auf Angehörige, bis zu Veranstaltungen für Senioren, zu Hausbesuchen und dem altersgerechten Umbau von Wohnungen. „Wir versuchen, die Menschen abzuholen. Das geht nur mit der Kenntnis der örtlichen Angebote und dem Wissen um das Netzwerk vor Ort“, so Scharf. Wissen, das bei einer Zentralisierung verloren ginge – wie die kurzen Dienstwege.

„Wir sind uns einig, dass wir das behalten wollen“, fasste Ausschussvorsitzender Thomas Kaps (BfB) in Richtung aller Fraktionen zusammen und erntete einstimmiges Nicken. „Wir haben hier zwei Topkräfte“, urteilte Dirk Runge, der derzeit die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters führt und es „schlimm“ nannte, dass der Kreis bislang keinen Termin mit den Bürgermeistern des Nordkreises zum Thema gefunden habe. Kaps´ Idee einer Resolution stand Runge deshalb sofort positiv gegenüber. „Die Verwaltung formuliert eine Resolution, und der Rat stimmt in der kommenden Woche ab“, so Runges Vorschlag, den die Fraktionen sofort annahmen.

„Ihr Vortrag hat mir die Augen geöffnet, was Sie alles leisten“, befand SPD-Fraktionschef Klaus Becker beeindruckt in Richtung Ute Scharf. Und Ulrike Hanke (BfB), als Leiterin des Sozialamts Troisdorf selbst Fachfrau, konnte über die Pläne des Kreises nur den Kopf schütteln: „Wir gehen genau den umgekehrten Weg. Wir machen Fortbildungen für unsere Berater vor Ort.“

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