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Peer-Beratung begleitet auf Augenhöhe

Auf der Schaukel holt Peer-Beraterin Angela Mascharz Schwung, hinter steht Bernadette Klein von der Kokobe.
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Auf der Schaukel holt Peer-Beraterin Angela Mascharz Schwung, hinter steht Bernadette Klein von der Kokobe.
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Betroffene helfen Betroffenen: Angebot der Kokobe in der Montanusstraße ist niedrigschwellig.

Von Nadja Lehmann

Angela Mascharz weiß, wovon so viele ihrer Besucher sprechen. Von Ängsten, von Sucht, von Abstürzen. Denn die 63-Jährige hat es selbst am eigenen Leib erfahren. „Ich kenne diese Tage, an denen man nicht aufstehen kann, weil die Bettdecke 80 Kilo wiegt“, sagt sie. Heute hat sie ihren Platz gefunden: Sie gehört zum Team der Peer-Beratung in der Kokobe Rheinisch-Bergischer Kreis Nord und ist Ansprechpartnerin in der einstigen Luchtenberg-Richartz-Villa an der Montanusstraße. Dort hat die Kokobe im Erdgeschoss ihr Büro. Dort laufen alle Fäden bei Bernadette Klein zusammen. Denn auch Wermelskirchen und Leichlingen werden von hier aus betreut. „Die Kolleginnen sind für den Rest zuständig“, sagt Klein lachend. Soll heißen: für Odenthal, Overath, Rösrath, Kürten, Bergisch Gladbach. Das ist dann die Kokobe Süd.

Seit 2004 gibt es die Kokobe, deren Träger der Landschaftsverband Rheinland ist und die sich als Ansprechpartnerin für Menschen mit Behinderung versteht. Ein Begriff, den Angela Mascharz übrigens nicht besonders schätzt. „Ich spreche lieber von Beeinträchtigungen“, sagt sie. Denn viele machten beim Stichwort „Behinderung“ einfach zu, und das sei nicht gerecht: „Die Behinderung, die Beeinträchtigung macht ja nur einen Teil desjenigen aus, der auf der anderen Seite ein toller Koch sein kann oder sich mit Computern super auskennt.“

Es ist eine Einstellung, mit der sich Mascharz von Bernadette Klein verstanden weiß. Denn Kokobe und Peer-Beratung wollen keine platte Lösungsfindung, sondern wollen individuell ergründen, was dem Gegenüber guttut und nötig ist. „Menschen mit Behinderung, gleichgültig ob kognitiver, geistiger oder körperlicher Art, sollen weniger in stationären Einrichtungen untergebracht werden als vielmehr so selbstständig wie nur möglich leben“, sagt Bernadette Klein.

Und deshalb umfassen die Beratungen Themen wie Wohnen, Arbeit und Freizeit, Krisenbewältigung und Zustandsbestimmung. „Und wir sind schnell erreichbar“, sagt Angela Mascharz., die ihr Handy stets griffbereit hat. Sollte doch mal jemand nur ihre Mailbox antreffen, ruft sie sofort zurück. „Es ist nämlich ganz furchtbar, wenn man niemanden erreicht und es einem schlecht geht“, nennt sie eigene Erfahrungen. „Dann mache ich so schnell wie möglich einen Termin aus.“ Niedrigschwellig und schnell erreichbar zu sein, das ist der eigene Anspruch.

„Ich bin eine unabhängige Peer-Beratung“, sagt Angela Mascharz. Zur Verschwiegenheit verpflichtet sowieso. „Wertschätzend“ ist eine Vokabel, die sie oft nennt. Sie ist ihr im Umgang mit Betroffenen wichtig. Denn in der Peer-Beratung gibt es kein Gefälle, sondern Austausch auf Augenhöhe: Betroffene begleiten Betroffene.

„Ich habe einen 20 Jahre andauernden Krankheitsweg hinter mir“, sagt Mascharz, die beruflich im Bereich Diät-Küche überaus erfolgreich war: „Aber die persönliche Angela war ganz klein. Ich wollte es allen recht machen und habe irgendwann nur noch funktioniert.“ Hinzu kam der Druck, den sie sich selbst auferlegte: die Überzeugung, besser sein zu müssen als alle anderen, um Anerkennung zu finden. „Gleichzeitig hatte ich Angst vor Ärger und Konsequenzen. Ich wollte es immer harmonisch.“ Und der Alkohol habe dabei geholfen. „Ich habe mich irgendwann selbst nur noch als Säuferin bezeichnet.“

Bis 2010. Da kam eine Diagnose. Posttraumatische Belastungsstörung, Bipolarität, Anpassungsstörung. „Ich habe begriffen, dass ich krank bin“, sagt Angela Mascharz. Sie ging zur Suchtberatung und in die Klinik. „Dort habe ich gelernt, was ich kann. Und habe mich gefragt, was ich durch den Suchtstoff ersetzt habe.“ Und schließlich wechselte sie die Seiten, machte selbst die Suchthelferausbildung und den Genesungsbegleiter.

„Man muss sich selbst kennen, um helfen zu können“, sagt die gebürtige Bremerin. Wenig Ermutigung durch die Eltern, eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, der Verlust eines Kindes: „Und trotzdem habe ich ganz lange funktioniert. Das sind so Glaubensgrundsätze, die ich übernommen habe.“ Wenn ihre Besucher es wünschen, spricht Mascharz auch über ihre Erfahrungen. „Es kann erlösend sein, wenn das Gegenüber sagt: Ich kenne das.“

Wie oft die Betroffenen kommen, ist unterschiedlich

Ein Mal die Woche, nur alle zwei Wochen – die Häufigkeit, mit der Betroffene kommen, variiert. „Mindestens zwölf Termine sind es aber schon“, sagt Mascharz. Derzeit ist die Jüngste 22, die Älteste 72.

Mascharz sieht die Peer-Beratung als einen „flankierenden Teil“ im Helfer-Netzwerk. „Wir betonen die Fähigkeiten, die da sind.“ Und bei Gängen, die Angst einjagen, wie beispielsweise zu Behörden, geht sie auch mal mit. „Manchmal sitze ich nur daneben. Aber ich bin da.“ Sie weist Wege zu anderen Institutionen, wie zum Burscheider Büdchen. Und selbst arbeitet sie außerdem noch im Sozialpsychiatrischen Zentrum des Vereins Alpha e.V, der seine Tagesstätte Auf dem Schulberg hat.

Entspannung und Glück findet Angela Mascharz heute beim Gärtnern. Lachend guckt sie auf ihre Hände, die noch Spuren der letzten Gartenarbeit tragen. „Ich scheue mich, zu sagen, dass ich genesen bin“, sagt die 63-Jährige. „Ich bin zufrieden.“

Kontakt

Die Kokobe Rheinisch-Bergischer Kreis Nord befindet sich in der Montanusstraße 8 in Burscheid. Dort ist Bernadette Klein Ansprechpartnerin: Tel. (0 21 74) 8 96 59 55. Zudem ist Angela Mascharz von der Peer-Beratung Ansprechpartnerin. Sie ist mobil erreichbar, Tel. (01 57) 70 25 88 53.

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